Mühlbach ist nicht gleich Mühlbach

7. September 2007, 19:20
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Fragt man im Vatikan nach den familiären Wurzeln Benedikts XVI., wird gerne ein bisschen geschwindelt

Bozen/Innsbruck - So wie sich die Bild-Zeitung freute mit ihrem zum Hit avancierten Titel "Wir sind Papst" über den Neuen am Petrus-Stuhl, der unbestritten ein Deutscher ist, trug auch das katholische Bozner Tagblatt Dolomiten mit patriotischer Emotion am selben Tag die Headline: "Papst mit Südtiroler Wurzeln". Dass die Äste des Stammbaums von Joseph Ratzinger ins ehemalige Habsburgerreich reichen, haben als Erste Südtiroler Blätter berichtet, am Tag nachdem in der Sixtinischen Kapelle weißer Rauch aufgestiegen war. Seither muss aber ein Geistlicher in Mühlbach bei Brixen zur familiären Herkunft des Heiligen Vaters schweigen. Auf Anordnung des Bischofs und des Generalvikars. Denn Hugo Senoners eifrige Wurzelsuche hatte sich rasch als ungebührlich erwiesen. Dabei hatte er den Reportern nichts Falsches erzählt. Und er war nur einer Spur gefolgt, die Ratzinger selbst mehrfach gelegt hatte.

Auf Ahnensuche

"Unser Vater stammte aus Niederbayern. Meine Mutter stammte aus dem Tirolischen", sagte der Kardinal in einem von mehreren Interviews, die der Journalist Peter Seewald 1996 unter dem Titel "Das Salz der Erde" veröffentlichte. In 14 Sprachen übersetzt wurde das Buch laut Verlag zum "internationalen Bestseller". Auch den Namen der Mutter, "Maria geb. Paintner", hatte der Kardinal Jahre vor seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt selbst mitgeteilt: als Bildtext zu einem Familienfoto in seiner 1997 in Italienisch erschienen (1998 ins Deutsche übersetzten) Autobiografie "Aus meinem Leben".

Senoners Vergehen war es, nicht nur den Geburtsort, auch diverse Daten der Maria Paintner (auch: Peintner) mitzuteilen. Geboren am 8. 1. 1884 in Mühlbach, als Tochter der gleichnamigen Maria Peintner (29). Diese, eine Magd, deren Familiennamen die Tochter noch in der späteren Autobiografie des Kardinals trägt, heiratete eineinhalb Jahre nach der Geburt, am 13. Juni 1885 im Wallfahrtsort Absam bei Innsbruck. "Das Töchterchen war ein uneheliches Kind", stand daher im Tagblatt. Das war und ist im vatikanisch-katholischen Sinne auch laut dem unter Kardinal Ratzingers Vorsitz erstellten neuen Katechismus ein moralisches Problem.

Schwangere Übersiedlung

Gut ein Jahr nach Senoners Recherchen begab sich auch Franz Haselbeck auf Spurensuche. Der Stadtarchivar von Traunstein, wo Joseph Ratzinger seine Kindheit und Jugend verbrachte, fand: Nicht in Mühlbach in Südtirol, woher ihre Familie stammte, sondern in Mühlbach in Bayern, das zu Kiefersfelden an der Tiroler Grenze gehört, kam Maria Peintner zur Welt. Der Südtiroler Kirchenhistoriker Josef Gelmi folgerte: Die schwangere Mutter war aus dem (Süd-) Tiroler Mühlbach ausgewandert und ließ sich im gleichnamigen Ort, gleich nach der Grenze nieder, um zu gebären. Was hat sie zum Weggehen veranlasst?

Mit dem Mann, den sie in Absam heiratet, zieht sie nach Rimsting am Chiemsee. Hier, nicht mehr "im Tirolischen", sieht der Vatikan auf seiner Website die mütterlichen Wurzeln. Und Südtirol, wo der Kardinal und sein Bruder gern im Urlaub waren, scheint seinen Charme verloren zu haben. In höheren Kirchenkreisen des Landes glaubt man zu wissen, wieso der Vatikan auf eine Einladung des Südtiroler Landeshauptmanns kühl reagiert haben soll. (Benedikt Sauer, DER STANDARD Printausgabe, 5.9.2007)

  • Das Foto der Familie Ratzinger aus der Autobiografie "Aus meinem Leben"
    foto: heyne verlag

    Das Foto der Familie Ratzinger aus der Autobiografie "Aus meinem Leben"

  • Partezettel Maria Ratzinger, gestorben 1963 in Traunstein

    Partezettel Maria Ratzinger, gestorben 1963 in Traunstein

  • Die uneheliche Geburt der Mutter als moralisches Problem

    Die uneheliche Geburt der Mutter als moralisches Problem

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