Der Meinl-Mohr (5.9.2007)

10. September 2007, 10:05
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Der Mohr, der Türke ist und in Wien aufwuchs

In Wien gehörte der "Meinl-Mohr" einst zum Stadtbild. So wie die orange-weißen Kugeln der "Z". War die später mit der Länderbank zur Bank-Austria verschmolzene Zentralsparkasse die Bank für das rote Wien, so galt "der Meinl" als der Feinkostladen für "die Besseren". Während die Arbeiterklasse also in den Konsum einkaufen ging, konnten die Brigaden der Hofratswitwen, wohnhaft im ersten Bezirk, es sich gar nicht anders vorstellen, als zum Meinl am Graben zu gehen und sich an der Fleischbudel mit "Frau Doktor" ansprechen zu lassen.

Was bei allen Wienern unabhängig des sozialen Hintergrunds bis vor gar nicht langer Zeit jedoch gleich gewesen sein dürfte: Dunkelhäutige Menschen, ob nun Afrikaner, Inder oder australischer Ureinwohner, wurden sämtlichst als "Muhrln" bezeichnet, was wiederum wienerisch für "Mohren" steht.

Den Mohren kannte man aus dem Religionsunterricht, weil einer der "Heiligen Drei Könige", der "Weisen aus dem Morgenland", einer gewesen sei. Ob nun Kaspar, Melchior oder Balthasar dunkle Hautfarbe hatte, blieb umstritten. Aber der Salzburger Schriftsteller, Bürgermeister und NSDAP-Mitglied, Karl Heinrich Waggerl, dichtete: "Nun war aber der eine von den dreien, der Melchior hieß, ein Mohr, baumlang und tintenschwarz, dass selbst im hellen Schein des Sternes nichts von ihm zu sehen war als ein Paar Augäpfel und ein fürchterliches Gebiss." Na dann. Der Bildungsbürger wusste noch von Schiller: "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen."

Ursprünglich bezeichnete das mittelhochdeutsche Wort "mor" einen "Mauren", heute würde man korrekt sagen: einen Maghrebiner.

Logo wurde mehrfach modernisiert

Der Meinl-Mohr ist aber eigentlich Türke. Sein Konterfei wurde 1924 vom Wiener Künstler Joseph Binder entworfen, liest man auf der Homepage. Modernisiert wurde das Logo mehrfach: 1950 vom Künstler Otto Exinger (er war Meinl-Werbechef), 2004 vom italienischen Architekten Matteo Thun.

Kaffee sei 1683 mit der Armee Pascha Kara Mustafas nach Wien gekommen, daher der Konnex zur 1862 gegründeten Firma Julius Meinl, die mit Kaffeebohnen handelte und das noch immer tut, wenn auch viel weniger als mit Zertifikaten. "Der Fez, die rote Kopfbedeckung mit schwarzer Quaste, wurde in den türkischen Landen verbreitet getragen und war Symbol der Herrschaft", heißt es. Die "europäische Komponente" sei dadurch gegeben, dass die Gesichtskontur dem "sympathischen Barockengel" ähnelte.

Mit dem Original traute man sich trotzdem nicht in die USA. Das Meinl-Kaffeehaus in Chicago trägt zwar die bekannten Züge, jedoch ist das Logo in Gold gehalten. Bei den Finanzaktivitäten ist der "Mohr" weiß auf blauem Grund. (Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.9.2007)

  • Der Meinl-Mohr: Eine der bekanntesten Firmenmarken erleidet eine Krise.
    foto: standard/cremer

    Der Meinl-Mohr: Eine der bekanntesten Firmenmarken erleidet eine Krise.

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