Der Hades als miese Dorfdisco

4. September 2007, 18:37
posten

Volksoperndirektor Robert Meyer bringt als Einstandspremiere "Orpheus in der Unterwelt" - ein STANDARD-Gespräch mit Regisseur Helmut Baumann und Dirigent Florian Ludwig

Wien - Subversiv rechnete einst Komponist Jacques Offenbach in seiner Operette Orpheus in der Unterwelt mit der Verlogenheit in Kunst und Gesellschaft ab: Orpheus und Eurydike, das holde Ehepaar der griechischen Mythologie, öden einander an und finden Anreize außerhalb der hehren ehelichen Treue. Die Götter sind in der Unterwelt umtriebig - und der Tod der Gattin? Der ist für Orpheus längst keine Tragödie mehr.

Auch Regisseur Helmut Baumann geht eher frech ans Werk, um die Operette gegenwartstauglich zu machen. Aus den beiden Versionen Offenbachs (von 1858 und 1874) hat er eine Mischfassung zusammengestellt.

"Wir spielen aber keinen alten Schinken", betont er. "Die Geschichte eines Ehepaares haben wir ins Heute geholt. Jupiter führt das Familienunternehmen Olymp. Ein Aufzug samt modulierender Aufzugsmelodie verbindet die verschiedenen Abteilungen, etwa für Krieg oder für Familie. Der Hades ist eine miese Dorfdisco an der tschechischen Grenze, die 'öffentliche Meinung' bei Offenbach ist bei uns die Boulevardpresse."

Auch den Text hat Helmut Baumann dem modernen Ambiente angepasst. "Gemeinsam mit Peter Lund haben wir ein eigene, zeitgemäße Übersetzung erarbeitet. Verschnörkelte Sprache würde nicht passen. Bei uns heißt es zum Beispiel: 'Man fängt was an mit dem Mann von nebenan.'"

Dass auch der Musik zu ihrem Recht verholfen wird, dafür sorgt Florian Ludwig am Pult des Volksopernorchesters. "Nichts auf der Bühne darf mit dem, was die Musik impliziert, im Widerspruch stehen." Die Sänger fänden sich gut zurecht, fügt er hinzu. Damit das Publikum auch zurechtkommt, hat Baumann einen Prolog als "szenische Ouvertüre" vorangestellt, der einen Überblick über das "Who's who" geben soll.

Keine Fledermaus

Bei so vielen Änderungen muss im Zeitalter der "Originalfassung" die Frage der "Werktreue" geklärt werden. Das Team der Wiener Neuproduktion findet direkte Worte. Helmut Baumann. "Das Stück muss dramaturgisch modern sein, sonst ist es nicht auszuhalten. Generationen von Regisseuren haben sich am 'Orpheus' versucht - mit wechselndem Erfolg. Es ist nun einmal keine 'Fledermaus', keine 'Lustige Witwe'. Das läuft von allein."

Die Legitimation zu Eingriffen findet Baumann bei Offenbach selbst. "Er war hemmungslos, was Änderungen betrifft. Offenbach war ein Theaterpraktiker. Die Dialoge der Pariser und der Wiener Aufführung sind ganz anders. Das belegt, dass man ändern darf, ja muss."

Florian Ludwig wirft noch ein: "1858 hat das Werk den Ansprüchen der Zeit genügt. Aber heute hat sich der Film etabliert, man braucht filmische Spannung, um das Publikum zu halten." Die Musik sei nicht schlecht, betont Ludwig. "Es gibt ein paar kleine Stellen, wie zum Beispiel der Tod Eurydikes, da erklingt plötzlich Musik, die von Mozart sein könnte."

Das alteingesessene musikalische Missverständnis um den "Galop infernal", der als "der Cancan" berühmt wurde, stellt Florian Ludwig richtig. "Der Beine schwingende Tanzstil wurde dem ,Galop infernal' nachträglich aufgepflanzt. Offenbach hat den Cancan gehasst."

Auch mit Tempofragen räumt der Dirigent auf. "Offenbach schreibt ein Allegretto moderato vor. Er meint aber eine größere Zähleinheit. Das Tempo ist klar, wenn man beobachtet, was in der Melodie im Orchester passiert. Im richtigen infernalen Tempo, das verhindert, dass die Szene durchhängt, ist der Cancan gar nicht tanzbar."

Die erste Premiere seiner Amtszeit verfolgt Direktor Robert Meyer nicht in der Direktionsloge, sondern mitten im Geschehen auf der Bühne. Er übernimmt die Sprechrolle des Hans Styx. Für Helmut Baumann ist der Hausherr ein Kollege wie jeder andere. "Auf der Bühne ist er ein Schauspieler, der genauso wie alle anderen jede Hilfe braucht, die er kriegen kann - von den Partnern, vom Souffleur. Robert Meyer ist ein Profi. Er fügt sich perfekt ins Ensemble ein." Ob die Premiere ein Erfolg wird, hängt für Helmut Baumann vor allem von einem ab: "Im Zuschauerraum muss es wirklich zünden. Man muss die Freude an Unterhaltung spüren können. Das hat Qualität!" (Petra Haiderer/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 9. 2007)

Premiere: 8. 9., 19.00
  • Machen Orpheus zum Zeitgenossen - Florian Ludwig (li.) und Helmut Baumann (re.).
    foto: dimov

    Machen Orpheus zum Zeitgenossen - Florian Ludwig (li.) und Helmut Baumann (re.).

Share if you care.