Holender und das "nach oben vervielfältigte" Gespräch

11. September 2007, 13:57
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Nachdem er einen Lehrer bedroht haben soll, wurde der Staatsopernchef nun freigesprochen - mit Video

Wien – "Das war nicht nur ein Geplänkel. Das war massiv", erinnert sich eine Zeugin. "Massiv" war, dass ein aufgebrachter Vater ins Lehrerzimmer des Wiener Musikgymnasiums rauschte und den Chorleiter lautstark mitteilte, dass er "kein Pädagoge, sondern ein Terrorist" sei. "Massiv" war, dass der Vater dem Lehrer ankündigte, dass er dafür sorgen werde, dass er keine Zukunft mehr an dieser Schule habe und er sich im Ministerium dafür einsetzen werde, dass seine Tage hier gezählt seien.

"Gefährliche Drohung"

"Massiv" war aus Sicht des Lehrers aber vor allem, dass es sich bei dem über die Maße erzürnten Vater um Staatsoperndirektor Ioan Holender handelte. Und da für einen Chorleiter der Opernchef "der mächtigste Mann im Musikleben ist", fasste er dessen Ankündigung durchaus als "gefährliche Drohung" auf.

Also musste Ioan Holender am Dienstag im Wiener Landesgericht "eine Fotografenaffäre" über sich ergehen lassen. Wobei er die angeklagten Äußerungen gar nicht in Abrede stellte. Auch wenn er sich nicht mehr genau an den Wortlaut erinnern könne – aber "das Gespräch hat sich nach oben vervielfältigt".

Was ihn derart in Rage gebracht hatte? Der Lehrer habe ihn und seinen Sohn der Lüge bezichtigt. Es ging um die Generalprobe und einen Auftritt des Schulchores im Musikverein im Dezember 2005. Der Sohn des Operndirektors brachte dafür Entschuldigungen. Zunächst, weil er mit seiner Klarinette einen Klassenabend bestreiten müsse – am nächsten Tag wurde er wegen Heiserkeit entschuldigt.

Das schluchzende Kind

Der Lehrer fand heraus, dass es keinen derartigen Klassenabend gab – und zitierte den Dreizehnjährigen aus dem Mathematikunterricht heraus, um ihn zur Rede zu stellen. Laut Holender habe der Lehrer dabei nicht nur das Entschuldigungsschreiben zu Boden geworfen, sondern auch gedroht, das Kind könne von der Schule fliegen. Jedenfalls war der Sohn danach in einem Zustand, dass er seinen Vater umgehend anrief, "nicht weinend, sondern schluchzend, kaum der Sprache fähig". Und Holender stürmte in die Schule. 200 Puls.

Am Dienstag bedauert Holender, dass er "auffällig" geworden sei: "Ich schätze ihn als Chorleiter und passionierten Musiklehrer – vielleicht zu ambitioniert." Ob er sich seiner Stellung und Macht bewusst sei, fragt der Staatsanwalt. "In Österreich ist man geneigt zu überschätzen, welche Positionen Menschen haben", gibt sich Holender bescheiden. Und er habe sich nie um eine Versetzung des Lehrers bemüht.

Disziplinarverfahren

Für den Wiener Stadtschulrat war es jedenfalls Anlass genug, dem Chorleiter ein Disziplinarverfahren anzuhängen: Es wurde ihm vorgeworfen, dass er die Affäre "nicht deeskaliert" habe und dass er den Weisungen seiner Vorgesetzten nicht nachgekommen sei. Das Disziplinarverfahren wurde erst in zweiter Instanz eingestellt.

Richterin Claudia Geiler fragt Holender noch einmal, ob er sich entschuldigen wolle. "Ich will und ich bedaure", erklärt dieser und wird freigesprochen. Es sei "eine unbedachte und rechthaberische Äußerung im Zorn" gewesen, lautet die Urteilsbegründung. Das Urteil ist nicht rechtskräftig. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD Printausgabe, 5.9.2007)

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    Ioan Holender brachte seine Vaterrolle vor Gericht: Er hatte den Chorleiter seines Sohnes als "Terroristen" bezeichnet. Im Hintergrund: Verteidiger Daniel Charim

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