Kampf mit harten Bandagen bis zum Schluss: Open XML-Abstimmung ist gelaufen

5. September 2007, 11:44
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Microsoft hat im letzten Moment noch zusätzliche Länder zum Abstimmen gebracht - Unterschiedliche Einschätzungen ob sich massives "Lobbying" ausgezahlt hat

Nach dem, was Pieter Hintjens, Päsident der Foundation for a Free Information Infrastructure, "bislang beispielloses Lobbying" nennt, ist die Abstimmung über die Erhebung von Microsofts Dokumentformat Office Open XML zum ISO-Standard über die Bühne gegangen. Die Einschätzungen über den Ausgang gehen derzeit noch weit auseinander - so prognostiziert etwa die New York Times ein "Ja", während der Standardisierungsexperte Andrew Upgrove ein "Nein" erwartet, eins ist aber klar: Die Versuche der Einflussname durch Microsoft haben praktisch bis zur letzten Sekunde angehalten.

ISO

Einige der mittlerweile in diesem Zusammenhang bekannt gewordenen Vorgänge werfen auch kein besonders gutes Licht auf die International Standards Organization (ISO) selbst. So ist die Zahl der Länder die einen "P"-Status haben - mit dem die eigene Position im Abstimmungsprozess stärkeres Gewicht bekommt - in den letzten Wochen von 30 auf 41 angewachsen.

Einflussnahme

Eine wundersame Vermehrung, an der Microsoft wohl nicht ganz unbeteiligt war, immerhin geht es hier praktisch ausnahmslos um Länder, deren Zustimmung man sich sichern konnte. Dazu gehören etwa Malta, die Elfenbeinküste oder Trinidad und Tobago - rein rechnerisch wichtige Unterstützung um die benötigte 2/3-Mehrheit zu erreichen.

Direkt

Das plötzliche Ansteigen der Länder mit "P"-Status ist aber bei weitem nicht der einzige zweifelhafte Vorfall im Zusammenhang mit der Abstimmung rund um Open XML. So ist aus zahlreichen Ländern bekannt geworden, dass Microsoft mehr oder weniger direkt versucht hat, Einfluss auf die lokale Abstimmung zu nehmen.

Vorteile

Der negative Höhepunkt war dabei wohl Schweden, wo Microsoft nicht nur wohlgesonnenen Unternehmen im Vorfeld "Marktvorteile" für ein entsprechendes Stimmverhalten versprochen hat - wie ein öffentlich gewordenes Mail der Redmonder belegt - sondern gar selbst doppelt abgestimmt hat. In diesem Fall führte dies zwar dazu, dass man sich in Schweden nachträglich dazu entschied auf die eigene Stimme im ISO-Prozess zu verzichten. In anderen Ländern scheint man allerdings erfolgreicher - und vor allem weniger auffällig - gewesen zu sein.

Lager

Zu den Ländern von denen bekannt ist, dass sie für Open XML gestimmt haben, zählen die USA, die Schweiz und auch Deutschland. Dem gegenüber stehen aber auch eine Vielzahl von Ländern, aus denen ein mehr oder weniger deutliches "Nein" zu vernehmen war, allen voran China, Brasilien und Indien. Aber auch Japan, Kanada, Frankreich und Großbritannien sollen negativ votiert haben.

Anmerkungen

Viele dieser Länder haben dabei umfangreiche technische Anmerkungen zur Begründung ihrer Ablehnung abgegeben, oft mit dem Hinweis, dass sich ihre Stimme noch ändern könnte, wenn diese gelöst würden. Was für den Fall eines jetzigen "Nein" zu Open XML nach einer einfachen Hintertür für Microsoft klingt, könnte sich aber als nicht gar so trivial lösbar erweisen. Einige der Länder haben sich das Dokumentformat offenbar wirklich sehr genau angeschaut, so dass insgesamt mehr als 10.000 Kommentare zusammengekommen sind.

Kritisch

Die wichtigsten Kritikpunkte bleiben dabei aber weiterhin die selben wie schon in den Monaten zuvor: Da wäre einmal der Umstand, dass Microsoft die volle alleinige Kontrolle über Open XML behalten will, etwas dass den Begriff "offenes Format" ad absurdum führen würde, wie KritikerInnen festhalten. Außerdem wird der Umfang der Spezifikation des Dokumentformats bemängelt, mit mehr als 6.000 Seiten sei diese praktisch unmöglich zu hundert Prozent zu implementieren.

Plan

Der weitere Ablauf hängt nun vom Ausgang der Abstimmung ab, sollte Microsoft es tatsächlich geschafft haben, die nötige Unterstützung hinter sich zu versammeln, wird es Ende Februar ein Treffen der ISO in Genf geben, bei dem versucht werden soll, einen Konsens unter den Beteiligten herzustellen. Ein Nein würde den Standardisierungsprozess hingegen zumindest vorerst stoppen. (apo)

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