"Schicht"-Arbeit in der Geschichte Wiens

22. April 2008, 17:41
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Ein Archäologenteam legt hinter dem Wiener Burgtheater die Reste eines mittelalterlichen Hauses frei

"Manchmal komme ich mir schon wie bei CSI vor", schmunzelt Jasmin Wagner, während sie vorsichtig einen orangefarbenen Scherben aus einem kleinen Plastikbeutel zieht. Es ist ein Fragment eines glasierten Öllämpchens aus dem 15. Jahrhundert - eines von vielen fein säuberlich in Körben und Säckchen geordneten Fundstücken, die Wagner und ihr Archäologenteam aus der Baugrube vor dem Palais Liechtenstein an der Ecke Bankgasse/Löwelstraße förmlich hervorgekratzt haben. Gleich den Kriminaltechnikern der TV-Serie "CSI" fahnden die Archäologen im Vorfeld des Umbaus des innerstädtischen Palais nach Anhaltspunkten und Beweisen; aber eben nicht für Verbrechen, sondern für das Leben, wie es vor Hunderten von Jahren ausgesehen haben könnte.

In der Erde lesen Seit Anfang August suchen Grabungsleiterin Jasmin Wagner und um die fünf Mitarbeiter im Auftrag des Bundesdenkmalamts, das quasi jede Bautätigkeit in der Inneren Stadt begleitet, nach Spuren des mittelalterlichen Wiens; und sind bereits fündig geworden. Unterhalb eines Ziegelkanals aus dem 19. Jahrhundert treten langsam die Fundamente und Böden eines Steinhauses hervor, das samt Hof und Garten bis ins 16. Jahrhundert an der Stelle stand, wo heute die Bankgasse aufs Burgtheater trifft. "Wir suchen im Schutt nach Informationen", erklärt Wagner. "Archäologie ist wie ein Buch lesen, nur dass man in der Erde liest."

Und die hatte schon einiges zu sagen: Teile von hochwertigem Tischgeschirr wie aus Böhmen importierte Keramikgefäße sowie eine bronzene Griffverzierung weisen darauf hin, dass es sich um ein gediegenes Stadthaus handelte. Zuletzt wurden Stücke eines Kachelofens aus dem Erdreich gepinselt, Mauerreste zeigen, dass die Wände karminrot ausgemalt waren. Besonders erfreut waren die Archäologen über eine Steinmurmel und einen Minischlüssel, der als Schmuckstück gedient haben muss. "Es ist selten, dass sich so ein wunderschönes Bild über den Lebensstandard ergibt", schwärmt Wagner.

Schicht für Schicht wird das Erdreich abgetragen: Unter dem Steinhaus zeichnet sich bereits ein Holzbau ab, der einst einem Brand zum Opfer gefallen sein muss. Weiter darunter könnten sich noch römische Gräber finden, das älteste Fundstück ist eine römische Münze aus dem 2. Jahrhundert. In den Erdschichten dazwischen wurden allerlei Knochen entdeckt, unter anderem von kleinen Donaufischen und Singvögeln, die damals am Speiseplan standen.

Teure Auswertung

Bis Mitte September wird jede Schicht vermessen, fotografiert und dokumentiert, um das Puzzle eines mittelalterlichen Stadtplans zu ergänzen. "Wir kommen sicher bis ins 13. Jahrhundert", meint Wagner. Die Kosten für die Ausgrabungen trägt die Fürstenfamilie Liechtenstein - ob es eine weitere Aufarbeitung der Funde geben wird, ist laut Wagner ungewiss: "Wir nehmen Erdproben und sammeln alles bis zu den botanischen Resten. Damit die Historiker wirklich damit arbeiten können, bedarf es noch vieler Auswertungen - und die sind teuer." (Karin Krichmayr/DER STANDARD – Printausgabe, 4.9.2007)

  • Das Grabungsfeld am Fuße des Burgtheaters: Ein Ziegelkanal aus dem 19. Jahrhundert führt hinab zur älteren Geschichte von Wien.
    foto: andy urban

    Das Grabungsfeld am Fuße des Burgtheaters: Ein Ziegelkanal aus dem 19. Jahrhundert führt hinab zur älteren Geschichte von Wien.

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