"Kann keinen Wutanfall bekommen"

4. September 2007, 09:40
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Verkehrsminister Werner Faymann verspricht im STANDARD-Interview dem Schriftsteller Franzobel, endlich die Bahn auszubauen

Im STANDARD-Sommergespräch stellt er sich einem kritischen Kunden: Der Schriftsteller Franzobel verfährt jährlich mehr als 1500 Euro per Zug - und fühlt sich dabei wie "ein Blutkörperchen in der Arterie". Von Gerald John.

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STANDARD: Herr Minister, wann haben Sie das letzte Mal über die Bundesbahn geflucht?

Faymann: Als während der Hitzewelle im Zug die Klimaanlage ausgefallen ist - wobei ich aber eher gestöhnt als geflucht habe. Jeder Passagier hat mich noch einmal extra auf das Gebrechen aufmerksam gemacht. Da habe ich am eigenen Leib erfahren, wie dringend die Bundesbahn neue Waggons braucht.

STANDARD: Warum verkehren auf manchen wichtigen Strecken nur bessere Bummelzüge?

Faymann: Weil wir zu zwei Dritteln noch auf dem Schienennetz des Kaisers fahren. Beim Bahnausbau ist Österreich - verglichen mit der Schweiz - 15 Jahre hintennach. Es wurde zu spät und zu wenig investiert. Als ich angetreten bin, war nur die Bahnhofoffensive im Laufen ...

Franzobel: ... wobei ich dieser Bahnhofsgleichung skeptisch gegenüberstehe - weil dann eben alle Bahnhöfe gleich ausschauen. Schlimmer ist aber die Verlärmschutzwandung der Zugstrecken. Die FPÖ fordert ein Minarettverbot, aber gegen Lärmschutzwände hat man nichts. - Man fühlt sich wie ein Blutkörperchen in der Arterie und sieht von der Landschaft nichts. Reisen wird zu einem klaustrophobischen Erlebnis, zu einer Magnetresonanz-Tomografie. Ich verstehe die Anrainer, die Ruhe wollen - aber sie haben die Grundstücke ja auch billiger bekommen ...

Faymann: ... und die Bahn war in der Regel zuerst da.

Franzobel: Ein weiteres Problem ist: Die Verbindungen in die größeren Städte sind in der Regel recht gut - aber dann weiß man nicht, wie man weiterkommen soll. Busse fahren im Zwei- bis Vierstundentakt oder überhaupt nicht. Es gibt keine Alternative wie etwa die Sammeltaxis in ärmeren Ländern. Deshalb neigt der Landbewohner zum Auto.

Faymann: In Kärnten gibt es nächstes Jahr einen Sammeltaxi-Versuch; wir haben auch ein Nahverkehrskonzept für Bahn und Busse erstellt. Was die kleinen Nebenbahnen betrifft, existiert eine gewisse Schizophrenie: Einerseits identifiziert sich die Bevölkerung mit diesen Linien; andererseits fordern Bürgermeister Schul- und Betriebsbusse an, die natürlich mehr Orte anfahren können - womit die Bahn Passagiere verliert.

STANDARD: Seit Jahrzehnten versprechen Politiker die Verlagerung des Straßenverkehrs auf die Schiene. Welche höhere Macht verhindert das?

Faymann: Der Verkehrsminister hat in einer Regierung schlechte Karten. Eine neue Bahnlinie wird erst in zehn, 15 Jahren fertig. Davon hat ein Politiker nichts, der schon in vier Jahren wiedergewählt werden will. Fehlt Geld, sparen Regierungen deshalb bei der Infrastruktur. Das wird aber jetzt besser. Die Klimadebatte gibt der Bahn Rückenwind.

Franzobel: Es klingt paradox: Aber ein Verkehrsminister sollte vor allem versuchen, Verkehr zu verhindern.

Faymann: Da bin ich bei Ihnen. Das geht nur, indem man den Verkehr verteuert, vor allem den Gütertransport. Mein Lieblingsbeispiel ist der Autositz um 400 Euro: Das Leder kommt aus Uruguay, wird in Deutschland gegerbt, in Rumänien genäht, in Bulgarien geschnitten. 18.000 Kilometer legt der Sitz zurück - der Transport kostet 22 Cent. Das ist zu billig. Deshalb fahren Erdäpfel auch 1000 Kilometer, um gewaschen zu werden.

Franzobel: Verrückt. Der Lkw-Fahrer ist kein Menschenbild, das die Politik fördern sollte. 18 Stunden unter Termindruck im Führerhaus zu sitzen - wenn da einer nur Ö1 hört, kann er sich vielleicht bilden wie die Natascha Kampusch. Aber für einen schönen Beruf halte ich das nicht, eher für einen trostlosen, denn mit Freiheit hat das Asphaltfressen nichts mehr zu tun.

Faymann: Kontrollen zeigen auch, dass viele Fahrer ihre Ruhezeiten auf Drängen der Arbeitgeber nicht einhalten. Bei der Bahn sind die Arbeitsbedingungen viel besser. Leider sind die Schweizer die einzigen, die es schafften, Lkw-Verkehr von der Straße zu bringen. In der Schweiz rollen zwei Drittel der Güter über die Schiene, bei uns ein Drittel.

STANDARD: Warum?

Faymann: Aufgrund der verfehlten Wegekostenrichtlinie der EU dürfen wir nur eine halb so hohe Lkw-Maut wie die Schweiz einheben. Ich kämpfe in Brüssel für eine neue Regelung, aber die Frächterlobby und die Autoindustrie werden sich wehren.

Franzobel: Vor 15 Jahren, als bildender Künstler, durfte ich für eine Rallye ein Elektroauto bemalen. Durchgesetzt hat sich diese Technologie offenbar nicht. Muss man sich die Auto- und Frächterlobby wie eine Mafia vorstellen?

Faymann: Mafiös nicht, aber mächtig.

STANDARD: Sie könnten Straßenverkehr auch ohne EU verteuern: mit einer Pkw-Maut.

Faymann: Die Pkw-Maut hat eine riesige Schwäche: Autofahren wird dann auch für Pendler teurer - wir reden von 1,2 Millionen Menschen ...

STANDARD: ... von denen nicht jeder ein Sozialfall ist. Wer in die Speckgürtel der Städte zieht, braucht sich nicht zu wundern, dann pendeln zu müssen.

Faymann: Die Industrie fordert immer höhere Mobilität. Wir haben die Mineralölsteuer ohnehin gerade erhöht, das trifft durchschnittliche Pendler mit 50 bis 60 Euro im Jahr. Umweltschutz darf nicht heißen, dass Leute, die unter 2000 Euro verdienen, nicht mehr mit dem Auto fahren können.

STANDARD: Betroffene könnten im Gegenzug über Lohnsteuersenkungen entlastet werden.

Faymann: Modelle, die erst viel wegnehmen und dann das Geld sozial gestaffelt zurückgeben sollen, sind in der Theorie einfacher als in der Praxis. Fürs grenzenlose Erhöhen habe ich nichts übrig.

STANDARD: Franzobel, warum besitzen Sie kein Auto?

Franzobel: Ich vertraue den Menschen nicht so sehr. Wenn ich mich frage, wer da alles Autofahren darf, macht mir das Angst. Für mich sind Autos Mordwerkzeuge. An Wochenenden findet unter den Disco-Jugendlichen geradezu ein darwinistisches Ausleseprinzip statt. Außerdem bekomme ich im Auto klaustrophobische Zustände. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich an relativ leere Autobahnen, da stimmte das Klischee der Freiheit noch. Heute drängen sich Lkws auf der ersten Spur wie Menschen auf einer Rolltreppe. Dabei ist das viele Herumfahren oft sinnlos. Wenn sich meine Eltern einen Fernseher kaufen, fahren sie von Lenzing nach Linz ins Einkaufszentrum. Das machen sie dreimal, bis sie das günstigste Angebot eruiert haben, und später noch einmal, weil irgendein Kabel fehlt oder sie die Gebrauchsanweisung nicht verstehen. Früher ging man einfach zum Elektrohändler im Ort.

Faymann: Da haben Sie Recht. Die Zersiedelung hat den Verkehr massiv hinaufgetrieben. Bürgermeister aller Parteien haben Grünlagen am Stadtrand für Einkaufszentren und Wohnungen umgewidmet, ohne zu bedenken, dass keine öffentlichen Verkehrsmittel dort hinfahren.

Franzobel: In den Siebzigern gab's diesen autofreien Tag ...

Faymann: ... der Leuten mit Zweitauto genützt hat. Die konnten ein Auto problemlos an einem Tag stehen lassen.

Franzobel: Am Land bildeten sich Fahrgemeinschaften.

Faymann: In der Theorie. Autofahren vermeiden kann man nur, wenn man Alternativen anbietet. Strafen finde ich als Strategie nicht gut.

STANDARD: Müssen Sie an den Herausforderungen nicht scheitern, wenn Sie niemandem weh tun wollen?

Faymann: Es ist nicht mein Ziel, mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt zu werden. Nachhaltige Projekte brauchen Bündnispartner. Gegen die Länder kann man etwa keine Bahnpolitik machen.

STANDARD: Deshalb darf sich der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider den unnötigen Koralmtunnel wünschen, während der Semmeringtunnel auf Druck des niederöster_reichischen Landeschefs Erwin Pröll verschoben wird?

Faymann: Wenn wir Klagenfurt in zwei Stunden erreichen wollen, brauchen wir den Koralmtunnel - die Frage, wie dringend, klammere ich einmal aus. Und beim Semmering geht's um Wasserschutz, Naturschutz, bahntechnische Anforderungen. Da kann ich keinen Wutanfall bekommen und einfach zu bauen beginnen. Weil im Wahlkampf die Bereitschaft der Politik sinkt, über solche Sachthemen zu diskutieren, bin ich froh, dass sich ein Baubeginn erst nach der niederösterreichischen Landtagswahl 2008 ausgeht.

STANDARD: Sie kommen aus der Wiener SPÖ, wo es nie Wellen gab. Verglichen dazu, sitzen Sie als Regierungskoordinator im Tollhaus. Ein Kulturschock?

Faymann: Punkto Aufregungen ist das Verhältnis eins zu zehn. Wenn sich zwei Parteien sieben Jahre lang als Regierung und Opposition bekämpft haben, spielt die Psychologie eine große Rolle. Aber was wäre die Alternative? Vorgespielte Harmonie möchte ich auch nicht.

STANDARD: Sie lachen oft aus der "Krone". Was hat Hans Dichand an Ihnen gefressen?

Faymann: Ich lache überhaupt häufiger, als ich traurig schaue. Aber nicht nur in der Krone, sondern in allen Medien - ich zeige Ihnen gern meinen Pressespiegel. Diese Möglichkeit bekomme ich, weil Verkehr einfach alle Menschen betrifft.

STANDARD: Verdanken Sie Ihre Präsenz nicht eher dem Umstand, dass Sie als Wohnbaustadtrat für Zeitungen lukrative Wohnbeilagen einfädelten?

Faymann: Ich hatte nie höhere PR-Budgets als meine Kollegen, sondern das Glück, keine abstrakten Themen zu betreuen. Wohnbau bewegt die Stadt - da kommt man auch in unbezahlten Beilagen unter. Meinem heutigen Fachbereich kommt zugute, dass sich die Österreicher bei zwei Themen grundsätzlich für Experten halten: Fußball und Verkehr.

Franzobel: Fußball, Handy und Verkehr sind jene Phänomene, die ständig wachsen. Zumindest die ersten beiden sind eher sinnlos. Seit den Handys weiß man, was die Menschen wirklich denken. Ernüchternd. Und der Verkehr? Vorgestern gab es eine Meldung von einem geisterfahrenden Radfahrer. In einem meiner letzten Bücher habe ich scherzhaft vorgeschlagen, den Tourismus auf eine Reise pro Person und Jahr zu beschränken. Dann gäbe es eine andere Qualität des Reisens, das zum unguten Transport verkommen ist.

Faymann: Lassen Sie sich beim Zugfahren inspirieren?

Franzobel: Manchmal. Weil ich mehr als 1500 Euro pro Jahr verfahre, kann ich mit der blauen Vorteilscard günstig 1. Klasse reisen. Ich habe nirgends mehr gelesen als in der Bahn, oft schreibe ich auch. Leider gibt es aber nur noch Großraumwaggons, wo man den Intimitäten der Geschäftsreisenden ausgesetzt ist - der eine beschimpft per Handy die Sekretärin, der andere macht Aktiendeals. 2. Klasse fahre ich, wenn ich den Leuten zuhören will. Am liebsten in der niederösterreichischen Regionalbahn - das ist Deix auf Schienen.

Faymann: Neulich habe ich Ihren Schriftstellerkollegen Michael Köhlmeier getroffen - der liest gerne im Speisewagen.

Franzobel: Das kann ich nicht, ich bin kein Kaffeehausgeher, ich liebe die Intimität des Abteils. Leider gibt es nur noch sündteure Business-Abteile. Es gibt aber auch nicht mehr viele Speisewagen - stattdessen nur noch Bord-Service- Wägelchen, die meist nur den Platz verstellen.

Faymann: Weil die ÖBB weniger Speisewagen bestellt haben als geplant. Für die Bewirtschaftung bewarben sich verschiedene Services. Es heißt, bei der Bahn ist der Kaffee immer schlecht. Ich bin neugierig, ob sich das nun ändert. (DER STANDARD, Printausgabe, 4.9.2007)

Zur Person
Nach zwölf Jahren als Wiener Wohnbaustadtrat avancierte Werner Faymann (SPÖ) zum Verkehrsminister. Der 47-Jährige gilt als PR-Profi mit gutem Draht zur "Kronen Zeitung".
  • "Für mich sind Autos Mordwerkzeuge": Schriftsteller Franzobel und Verkehrsminister Werner Faymann (re.) haben keine Freude mit der wachsenden Blechlawine - und ziehen daraus unterschiedliche Konsequenzen.
    foto: standard/newald

    "Für mich sind Autos Mordwerkzeuge": Schriftsteller Franzobel und Verkehrsminister Werner Faymann (re.) haben keine Freude mit der wachsenden Blechlawine - und ziehen daraus unterschiedliche Konsequenzen.

  • Franzobel (40), mit bürgerlichem Namen Stefan Griebl, zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Österreichs. Für seine Theaterstücke, Prosatexte und Gedichte erhielt der gebürtige Oberösterreicher zahlreiche Preise. Gedanken über das Reisen ließ der Fußballfan und Bahnfahrer bereits 2002 in sein Buch "Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit" einfließen; in seinem unlängst erschienen Roman "Liebesgeschichte" (Zsolnay-Verlag) hat der Autor, wie er selbst sagt, das Motto "Wir im Verkehr" umgesetzt.
    foto: standard/newald

    Franzobel (40), mit bürgerlichem Namen Stefan Griebl, zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Österreichs. Für seine Theaterstücke, Prosatexte und Gedichte erhielt der gebürtige Oberösterreicher zahlreiche Preise. Gedanken über das Reisen ließ der Fußballfan und Bahnfahrer bereits 2002 in sein Buch "Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit" einfließen; in seinem unlängst erschienen Roman "Liebesgeschichte" (Zsolnay-Verlag) hat der Autor, wie er selbst sagt, das Motto "Wir im Verkehr" umgesetzt.

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