"Teilzeit kennen unsere Unis nicht"

6. September 2007, 12:46
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Knock-out-Prüfungen schaffen keine Exzellenz, kritisiert Studienberaterin Karin Quigley-Draxler die heimischen Unis im STANDARD-Interview

STANDARD: Wie ausschlaggebend ist ein Auslandsstudium, wenn jemand seine Karrierechancen maximieren möchte?

Quigley-Draxler: Es gibt keine Notwendigkeit in diesem Sinne, aber es ist sicher von Vorteil, und es macht sich gut im Lebenslauf. Ein Auslandsstudium zeigt, dass jemand offen ist, und man lernt viel - auch über die Sprache hinaus. Es zeigt Reife, Mut und Initiative. Wertvoll sind dabei natürlich auch die internationalen Netzwerke.

STANDARD: Sie beraten Schüler und Eltern bei der Auswahl englischsprachiger Unis in und außerhalb Europas. Welche Institutionen sind gefragt?

Quigley-Draxler: Bei der Wahl des Zielortes ist zu bedenken, dass Großbritannien näher ist und die Kosten niedriger sind als in den USA oder Kanada. An erster Stelle steht dann die Reputation der jeweiligen Universität. In der Beratung ist wichtig, herauszufinden, ob die Wunsch-Uni zum Studenten passt und umgekehrt. Man kann nicht jeden nach Oxford oder Cambridge schicken.

STANDARD: Wie sehen die Aufnahmemodalitäten aus?

Quigley-Draxler: Um an die Top-Unis zu kommen, muss man exzellent sein, nicht nur sehr gut. Man muss vorab Arbeiten verfassen, es ist ein Prozess in mehreren Stufen. Cambridge z. B. interviewt jeden. Gut ist auch, zeigen zu können, dass man für das Fach schon früher begeistert war: Wer als Schüler in der Garage am Computer bastelt, hat sicher mehr Chancen als einer, der erst zwei Monate vor dem Studium sein Interesse für den PC entdeckt. Insgesamt ist es in den USA leichter - die schauen eher auf die Gesamtpersönlichkeit.

STANDARD: Worauf legt Ihre Klientel denn sonst noch Wert?

Quigley-Draxler:Wichtig ist die Vorhersehbarkeit der Studiendauer - Großbritannien und die USA haben ein eher verschultes System. Die Studiendauer in Österreich ist ja verzerrt, weil 60 Prozent der Studenten arbeiten und eigentlich Teilzeitstudenten sind. Das Teilzeitstudium kennen unsere Unis nicht, die in Großbritannien aber sehr wohl. Die Abbrecherquoten sind dort viel niedriger, weil der Student als Kunde behandelt wird und man ihn zufrieden stellen möchte, ihm hilft. Man will, dass sich Erfolg einstellt, denn alles andere ist nur eine Verschwendung von Ressourcen.

STANDARD: Hängt die Studienwahl dann davon ab, ob man in die präferierte Universität reinkommt?

Quigley-Draxler: Nun, ich hatte bislang niemanden, der sagte: "Ich will nur nach Oxford, was soll ich dort studieren?" Oft ist angehenden Studenten aber nur grob der Bereich bewusst, in den sie wollen, z. B. Wirtschaft. Mehr Klarheit schafft in diesem Fall Beratung.

STANDARD: Welche Institutionen empfehlen Sie?

Quigley-Draxler:Die Schwierigkeit liegt hierbei in den Kriterien. Das bekannte Schanghai-Ranking etwa lässt kleinen Universitäten keine Chance. Und wenn dann auch noch vor allem naturwissenschaftliche Veröffentlichungen bewertet werden, gehen die Geisteswissenschaften unter - ich tu mir schwer damit. Wenn jemand ehrgeizig und gut ist, können Top-Unis wie MIT, Oxford oder Stanford interessant sein. Wenn einer nicht ganz top ist, gibt es andere interessante Unis wie z. B. York, Bristol oder Warwick in England. Natürlich gibt es auch in den einzelnen Fakultäten qualitative Unterschiede. Die ganz Großen sind übrigens meist Forschungs-Unis. Da ist zu fragen: "Bin ich dort als Undergraduate, vor meinem ersten Abschluss, gut versorgt?"

STANDARD: Wie gut sind die heimischen Universitäten im internationalen Vergleich?

Quigley-Draxler: Die Boku ist sehr interessant, und die Montan-Uni kann weltweit mitmischen. Die WU ist eher im Masterbereich top, wenn man die ersten Jahre durchlaufen hat. Großer Schwachpunkt ist meist die Betreuung, an der die Abbrecherquote hängt: Viele scheitern an der mangelnden Unterstützung. Die "Knock-out-Prüfungen" vieler Fächer sehe ich kritisch: Nicht damit kreiert man Exzellenz, sondern indem man die Leute unterstützt, ihr Potenzial zu realisieren. Den englischsprachigen Unis sind die FHs ähnlicher: klare Studiendauer, fixer Stundenplan, gute Betreuung und ein Jahrgang, der sich zusammen weiterbewegt.

STANDARD: Welche Studienbereiche haben für Sie Zukunft?

Quigley-Draxler: Ich bin der Meinung, man soll machen, was einen interessiert. Wenn jemand Technik mag, ist das sicher eine Sparte, wo Leute gesucht werden. Alles mit Umwelt und Alternativen Energien ist noch länger eine gute Wahl. Aber wenn man da überhaupt keine Leidenschaft dafür entwickelt und meint, man will unbedingt Arzt werden, dann sollte man das tun. Wichtig ist, herauszufinden, ob die Wunsch-Uni zum Studenten passt und umgekehrt. Man kann nicht jeden nach Oxford schicken. (mad/DER STANDARD-Printausgabe, 1./2. September 2007)

Zur Person

Karin Quigley-Draxler (50) arbeitet als Psychotherapeutin in der Wiener Praxis "Safe Place". Nach dem Lehramtsstudium (Germanistik und Romanistik) lehrte sie von 1984 bis 2001 an Schulen in Österreich und auf den Philippinen. Seit 1989 ist Quigley-Draxler, die Ausbildungen in Klientenzentrierter Psychotherapie und Systemorientierter Therapie sowie Lehrgänge für Studienberatung und Coaching absolvierte, im Bereich Psychotherapie - kurzzeitig speziell als Familienberaterin - tätig. Ab 2001 war sie Beraterin für Berufsorientierung und den Zugang zu nordamerikanischen und britischen Unis an der Vienna International School. Vergangenen Herbst verließ sie die Schule und ist nun selbstständige Studienberaterin.

  • Karin Quigley-Draxler berät SchülerInnen, die im englischsprachigen Ausland studieren wollen.
    foto: standard

    Karin Quigley-Draxler berät SchülerInnen, die im englischsprachigen Ausland studieren wollen.

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