Durchschaut

4. Juli 2007, 18:00
72 Postings

Menschen wie wir, erklärte die Frau mit dem Einkaufsackerl, wären schuld am Untergang des Westens. Und zwar in jedem Fall

Es war am Samstag. Da erklärte mir die Dame mit dem Billasack, wieso ich ein schlechter Mensch bin. Und dass ich und meinesgleichen schuld daran sind, wenn an Schulen bald nur noch "Türkisch und andere Negersprachen" gesprochen werden.

Dabei hatte ich nur gewartet. Vor einem Geschäft auf der Mariahilfer Straße. Weil dem Hund und G. – und, zugegeben, mir auch – fad wurde, während A. und G.s Freundin Zeugs probierten. Außerdem ist G. Raucher.

Radlerrüge

Die Dame mit dem Billasack war vor uns da. Als wir auf die Straße traten, hatte sie eine Radfahrerin in der Mangel. Die hatte die vier Meter zwischen dem erhöhten Zebrastreifenbereich (wo sie die Radspur verlassen zu haben schien) und den Fahrradabstellbügeln nicht schiebend zurückgelegt. In der Version der Billasackerlfrau klang das so, als hätte die Fahrradfrau sich auf einem römischen Streitwagen mit Sicheln an den Rädern den Weg durch einen Kindergarten gebahnt.

Wir standen etwa 30 Meter entfernt und hörten begeistert zu. Auch die Fahrradfrau sah nicht aus, als wünsche sie sich, dass jemand die Sackerlfrau ablenke: Sie schien sich königlich zu amüsieren – und pflichtete zuletzt der schimpfenden Dame bei: "Wissen´s was? Wenn sie mich je wieder sehen, dürfen sie mich mit dem Auto überfahren. Dann geht es ihnen sicher gleich viel besser."

Neuer Gegner

Auch die Billasackerlfrau ging. G. und ich hatten sie schon vergessen, als plötzlich vor uns stand. Was mir einfiele, fuhr sie mich an. Meine Miene schaltete auf "Bahnhof". Wo meine Kinder wären, brüllte sie. Ich fragte, ob sie sich wirklich sicher sei, dass sie das etwas angehe. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie G. einen Schritt zurück machte.

Die Frau keifte: Natürlich gehe sie das etwas an! Schließlich arbeite sie. Aber Leute wie ich wären Schuld, wenn sie dann keine Pension bekäme. G. wich noch einen Schritt zurück. Die Frau kam dafür einen näher: Nur jemand, der sich der Fortpflanzung verweigere hätte am Samstagnachmittag Zeit, herumzustehen.

Outing

Und, setzte sie fort, während sie G. fixierte, Leute wie wir bräuchten gar nicht so zu tun, als würde es nicht jeder Christenmensch schon aus der Ferne erkennen: Wir Schwulen machten die Familie kaputt – denn nach unserem Vorbild würden sich auch "die Normalen" lieber Hunde statt Kindern zulegen. Weil wir Angst vor Verantwortung hätten. Und, keppelte die Frau weiter und zeigte mit dem Finger auf G., noch schlimmer werde die Sache dann "mit einem schwulen Drogenneger"...

Es reichte. G. hat sich ja mittlerweile angewöhnt, bei der Erwähnung des N-Wortes - insbesondere mit Drogen-Beiwerk – wortlos das Weite zu suchen ("Reden bringt nix. Streiten noch weniger. Und wenn du dich provozieren lässt oder dich auch nur wehrst, kommt die Polizei – und auch wenn die meisten Beamten wirklich korrekt sein wollen, hat dann halt immer irgendwer gesehen, dass der große Schwarze angefangen hat."). G. schüttelte den Kopf – aber ich riet der Frau, a) sofort die Klappe zu halten und Meter zu machen, weil ich sonst b) meinen großen schwarzen Kampfhund (die halbwüchsige Töle stand verschüchtert und irritiert hinter mir: brüllende Menschen machen ihm Angst) von der Leine lassen und auf sie hetzen würde.

Wirkung

Dass das Wirkung zeigen würde, hätte ich zwar nicht gedacht, aber die Frau machte zwei Schritte zurück. Und dann noch einen. In dem Augenblick kamen A. und G.s Freundin aus dem Geschäft. Der Hund sprang A. entgegen, G.s Kind streckte freudig krähend die Arme aus dem Tragegurt an Mutters Brust nach dem Vater aus.

Der Billasackerlfrau war der Beweis, zumindest in einem Punkt danebengehauen zu haben, vollkommen egal. Denn am Untergang des Abendlandes, kreischte sie sinngemäß, wären genau Leute wie wir schuld: "Die Unsrigen machen keine Kinder, aber die Neger und andere Verbrecher sind fruchtbar wie Kaninchen." Dann kam der Satz von türkisch und "anderen Negersprachen" in der Schule. G. zog mich weg: "Es ist sinnlos. Immer. Vollkommen sinnlos." Die Sackerlfrau warf triumphierend den Kopf in den Nacken und ging weiter.

G. sah ihr traurig nach. Dann fragte er mich, ob man Hunde auch dazu abrichten könne, "dass sie auch bei Menschen, die dümmer sind als ein Hydrant, automatisch das Haxerl heben?"

Share if you care.