Expressionistischer Taumel: Start der Theatersaison in Berlin

2. September 2007, 19:32
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Brechts Jugendwerk "Trommeln der Nacht" und eine Schimmelpfennig-Uraufführung ("Das Reich der Tiere"): hohe Schauspielerkunst, viel Lärm, aber keine bleibenden Beiträge

Berlin - Wenn der Schauspieler den Löwen nicht mehr spielen darf und stattdessen als Spiegelei auftreten soll, wenn der Marabu als Ketchupflasche, die Ginsterkatze als Pfeffermühle, die Antilope als Toastscheibe künftig sich darstellen soll - dann erscheint Arbeitslosigkeit fast als wertvolle Alternative. Roland Schimmelpfennig, mit 20 Stücken in zehn Jahren ein rege gespielter Bühnenautor, hat darüber ein Stück geschrieben, dem bei der Uraufführung zur Saisoneröffnung am Deutschen Theater herzlich applaudiert wird.

Das Reich der Tiere ist Schlussstein einer Trilogie, die mit Ende und Anfang im Oktober 2006 am Wiener Burgtheater (Regie: Nicolas Stemann) und Besuch beim Vater (Regie: Elmar Goerden) im April 2007 am Schauspielhaus Bochum startete. Jetzt liegt die Regie bei Jürgen Gosch und die Ausstattung bei Johannes Schütz. Das viel-fach ausgezeichnete Team liefert für den schmalen Text Maßarbeit in bekannter Qualität. Wie meist ist die Bühne ein geschlossener, tief reichender Kasten, der von Franz Peter David in kühles, diffuses Licht getaucht wird. Markenzeichen Nummer zwei: Die Schauspieler sind bis auf Dörte Lyssewski als Antilope alle nackt. Ihre langsame Einfärbung, Einkleidung, Federung, Zebrabestreifung wird mit Garderobengesprächen zum lockeren Ritual, das Ernst und Ehre der Arbeit auch auf niedrigem Geld- und Prestigeniveau deutlich macht.

Frei von Niedlichkeit

Die Parallelen aus dem Tierreich, wie sie Äsop und La Fontaine populär gemacht haben, bewähren sich auch hier. Ernst Stötzner will den Löwen spielen und schafft sich Gefolgschaft. Das Zebra (Falk Rockstroh) macht er sich zum Steigbügelhalter. Die Ginsterkatze, von Kathrin Wehlisch geschmeidig, possierlich, aber frei von Niedlichkeit gezeichnet, wird mit Versprechungen korrumpiert. Nur der Marabu strahlt traurig unbestechliche Einsamkeit aus. Wolfgang Michael gelingt da mit Bravour eine anrührend melancholische Figur. Sie alle enden, mit Ausnahme des Zebras, dessen Darsteller mit einem Dauerwerbespot im Fernsehen überleben kann, endlich traurig, entwürdigt in der Alltagsküche am Esstisch. Das kennt man im Kindertheater seit Langem beim "Lebkuchenmann", oder im Musical Die Schöne und das Biest. Auch hier käme das Grips-Jugendtheater eher in Betracht als eine Prestigebühne, die sich ihrer Vorrangstellung rühmt. Der Abend rechtfertigt sich indes durch die hohe Kunst der Schauspieler, die, von Jürgen Gosch behütet, charaktervollen Zauber treiben und entsprechend gefeiert werden. Ein wichtiger Beitrag über den Tag hinaus aber ist das Stück nicht.

Regie- und Bühnenbild-Kunstfertigkeit verhelfen auch einem selten gespielten Ju-gendwerk Bertolt Brechts am Berliner Ensemble zum Erfolg. Philip Tiedemann inszeniert am Schiffbauerdamm Trommeln in der Nacht, das Brecht mit 22 Jahren den Kleist-Preis einbrachte und an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde. Es spielt im Berliner Zeitungsviertel, zeigt die Rückkehr eines jungen Mannes (Thomas Niehaus), in Afrika verwundet, in Berlin von seiner Braut (Charlotte Müller) betrogen. Die erwartet ein Kind und wird von den Eltern (Manfred Karge, Claudia Burckhardt) zur Ehe mit dem Vater (Steffen Schroeder) gedrängt. Berlin im expressionistischen Taumel, zwischen Kolportage und Kintopp, Kriegsgewinnlern mit Profitgier, Revolutionären, Idealisten.

Dafür Aufdringlichkeit

Etienne Pluss baut dafür eine höchst gelungene, hoch variable Bühnen- und Himmelslandschaft mit schnell wechselndem Mond. Leider nimmt man den Titel allzu wörtlich und lässt zwei Musiker (Lukas Fröhlich, Matthias Trippner) jeden Schritt und Tritt, jeden Satz der Figuren akzentuieren. Das geht nachhaltig auf die Nerven. So wird, was expressionistisch Sinn macht, zur aufgeblasenen Aufdringlichkeit, die eine ruhige Entwicklung der Figuren erschwert. Die nämlich ist hier durchaus heikel, weil Brecht selbst mit seinem Stück nicht zufrieden war. Er bereute später seine dreiste Kühnheit, den Helden Kragler, dem Thomas Niehaus überzeugend Profil gibt, auf seine Revolution pfeifen und mit der Braut ins warme weiße Bett steigen zu lassen. Jetzt will die Rettung des alten Schlusses vor lauter Lärm nicht recht gelingen. (Lorenz Tomerius aus Berlin /DER STANDARD, Printausgabe, 03.09.2007)

  • Langsame Einfärbung, Einkleidung, Federung: Roland Schimmelpfennigs "Reich der Tiere" im Deutschen Theater: Doerte Lyssewski, Falk Rockstroh, Kathrin Wehlisch, Wolfgang Michael und Ernst Stoetzner (von links).
    foto: drama berlin / braun

    Langsame Einfärbung, Einkleidung, Federung: Roland Schimmelpfennigs "Reich der Tiere" im Deutschen Theater: Doerte Lyssewski, Falk Rockstroh, Kathrin Wehlisch, Wolfgang Michael und Ernst Stoetzner (von links).

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