Der langsame Tod von Legenden

2. September 2007, 19:06
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Nachlese 2007 - Americana im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig: "The Assassination of Jesse James" und "In The Valley of Elah"

In "In The Valley of Elah" beschäftigt sich Paul Haggis - wie Brian de Palma in "Redacted" - mit den Folgen des Irakkriegs.


Venedig - Im US-amerikanischen Dokumentarfilm hat die Auseinandersetzung mit dem Irakkrieg schon vor Jahren begonnen. Michael Moore, Robert Greenwald oder Eugene Jarecki hießen die Filmemacher, die ein Korrektiv zum massenmedialen Mainstream herstellen wollten und dabei ganz unterschiedliche Wege gingen. Gerade läuft mit No End in Sight von Charles Ferguson ein weiterer von der Kritik mit viel Lob versehener Film in US-Kinos, der sich mit Detailwissen der US-Okkupation im Irak widmet und ihr ein äußerst kritisches Zeugnis ausstellt.

Der Spielfilm hinkte dieser Entwicklung bisher hinterher. Vielleicht liegt es daran, dass nun zwei Filme über den Irakkrieg auf der Mostra eine heftige Debatte ausgelöst haben. Zuerst kam Brian de Palmas Redacted, dessen Einbindung diverser neuerer Bildtypen den Versuch darstellt, gängige Erzählmuster und Darstellungsweisen des Krieges zu umgehen. Dem folgte jetzt In the Valley of Elah, dem man im direkten Vergleich zunächst als Hollywood-Prestigeproduktion bezeichnen muss: Regie führte Paul Haggis, von dem der Oscar-prämierte L. A. Crash stammt, Stars wie Susan Sarandon, Charlize Theron und Tommy Lee Jones sind in den Hauptrollen zu sehen.

In the Valley of Elah spielt nicht im Irak, sondern im grauen Barackenland New Mexicos. Es geht auch nicht um den Krieg, sondern darum, was er mit den Menschen anstellt. Die zentrale Figur des Films ist klug gewählt: Hank Deerfield (Tommy Lee Jones) ist ein knochentrockener Amerikaner, Republikaner, von der Army und der Mission seines Sohnes entsprechend überzeugt. Haggis, der als Drehbuchautor schon mehrmals für Clint Eastwood gearbeitet hat (The Million Dollar Baby), erzählt also aus der Position eines Patrioten, der allerdings gewöhnt ist, sich sein eigenes Urteil zu bilden.

Die Bewegung, die der Film beschreibt, ist eine in den Unglauben. Als Hank erfährt, dass sein aus dem Irak heimgekehrter Sohn verschwunden ist, macht er sich selbst auf die Suche und wird bald fündig: Dieser wurde grausam ermordet, zerstückelt und verbrannt. Gemeinsam mit einer Polizistin (Charlize Theron) beginnt er störrisch in dem Fall zu ermitteln und stößt damit immer tiefer zu den Hintergründen eines Verbrechens vor. Bedeutsam ist es jedoch weniger als Straftat denn als irrationaler Ausdruck eines Krieges, den Hank mit seiner Weltanschauung nicht mehr in Einklang bringen kann.

Gute-Nacht-Geschichte

Im Unterschied zu de Palma, der trotz seines unorthodoxen Zugangs letztlich mit sehr schematischen Figuren hantiert, vermag Haggis in seinem Film ein differenziertes Bild über die Folgen eines Krieges zu entwerfen, das nur an manchen Stellen zu "Überbelichtung" neigt. Er macht jedenfalls nicht den Fehler, über die Maßen erklären zu wollen: Eine Parabel von David und Goliath, die Hank dem Kind der Polizistin als Gute-Nacht-Geschichte erzählt, verkehrt sich hier als geisterhafter Handy-Film in ihr Gegenteil. Das alte Amerika, das an die Universalität seiner Werte glaubt, stößt gewissermaßen auf sein dialektisches Gegenbild. Nicht immer, meint man nach In the Valley of Elah, diskreditiert sich das klassische Erzählkino durch seine Kompromissbereitschaft.

Um weiter zurückliegende Americana geht es in Andrew Dominiks Western The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford. Dominiks Revision einer der berühmtesten Mythenfiguren des Wilden Westen, an dem sich schon Regisseure wie Fritz Lang, Sam Fuller oder Walter Hill abgearbeitet haben, ist ein äußerst ambitioniertes Projekt, das Anschluss sucht an die Spätwestern der 70er-Jahre, an die Depression und die Ausweglosigkeit, die sich damals über das Genre legten.

Der Film beginnt zu einem Zeitpunkt, an dem eigentlich schon alles vorbei ist. Noch einmal rekrutiert Jesse James (von Brad Pitt mit unberechenbarer Note verkörpert) eine Gang für einen Überfall auf einen Zug. Er wird der letzte bleiben. Danach verstreuen sich die Mitglieder in alle Winde, und es setzt, ganz unmerklich, ein gradueller Verfall in der Truppe ein: Die Angst vor Verrat lässt die sozialen Bande brüchig werden, dafür wächst mit jedem Tag die Paranoia.

Zorniger Halbgott

Andrew Dominik folgt keiner dramatischen Kurve, vielmehr bricht er das Geschehen in Stimmungsbilder auf, durch die Jesse James, schon zu Lebzeiten eine Legende, wie ein zorniger Halbgott wandelt. Die Farben des Films sind zurückgenommen, der Affekt in den Körpern ist gedämpft.

In dieser Atmosphäre des brütenden Stillstands wächst Jesse James im jungen Robert Ford (Casey Affleck) ein Kontrahent, der eigentlich nur nach Beachtung sucht: Er ist der größte Fan des verwegenen Banditen, der sich in seiner Aura ein klein wenig sonnen will.

Das epische Zeitmaß - The Assassination of Jesse James dauert mehr als zweieinhalb Stunden - bekommt dem Film jedoch nicht unbedingt gut: Die eine oder andere Nebenfigur tritt zwar stärker hervor, er wirkt aber auch zunehmend bleiern. Zu akademisch ließ man sich hier auf die Herstellung von historischer Patina ein, die erst dann wieder zu Leben erwacht, wenn sie gleichsam über sich selbst erzählt. Denn hat Robert Ford seinen Schuss in den Rücken von Jesse James einmal getan, wird er diese Tat am Theater über achthundert Mal wiederholen. Die Geschichte straft es ihm damit, dass sie ihm keinen Ehrenplatz überlässt. (Dominik Kamalzadeh aus Venedig /DER STANDARD, Printausgabe, 03.09.2007)

  •  Knochentrockener
Republikaner
auf der
Suche nach
seinem
verschwundenen
Sohn:
Tommy Lee
Jones als
Hank
Deerfield in
"In the
Valley of
Elah".
    foto: image.net

    Knochentrockener Republikaner auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn: Tommy Lee Jones als Hank Deerfield in "In the Valley of Elah".

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