Spiegelreflex ohne Spiegel

29. Jänner 2008, 11:40
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Aufnahmen aus ungewöhnlichen Perspektiven sind dank des schwenkbaren Displays möglich

Eigentlich ist die Spiegelreflexkamera (SLR) im digitalen Zeitalter eine Paradoxie. Einer der Hauptgründe, warum Profis und ambitionierte Amateure damit arbeiten, ist das Sucherbild, das mithilfe einer mechanisch aufwändigen Konstruktion mithilfe eines Spiegels exakt das zeigt, was das Objektiv sieht - egal welches Objektiv verwendet wird.

Dieser immense Vorteil gegenüber Sucherkameras (nur Leica schaffte Vergleichbares durch seine spezielle Sucherkonstruktion) ging bei digitaler Fotografie verloren: Selbst billige Kompaktkameras bilden am Display genau das ab, was später auf dem Bild zu sehen ist. Mehr noch: Schwenk- und drehbare Displays ermöglichen Aufnahmepositionen, die bei Spiegelreflexkameras mühsam oder unmöglich sind: etwa über die Köpfe einer Menge hinweg kontrolliert zu knipsen.

Bis vor Kurzem konnten SLR-Kameras diesen Nachteil auch nicht wettmachen, denn ausgerechnet der Spiegel verhinderte dies.

Neuer Standard

Erst mit der Einführung des "Four-Third"-Standards durch Olympus, einem mit Kodak entwickelten Digitalfoto-Standard, war es erstmals möglich, dass auch eine Spiegelreflex via Display fotografieren konnte, "Live View" genannt. Inzwischen haben auch Kameras der Marktführer Canon und Nikon diesen Trick gelernt. Aber was inzwischen technisch möglich ist, ist bei "echten" Spiegelreflex-Fotografen verpönt. Mit seiner zweiten SLR, der am Donnerstag bei der IFA vorgestellten Lumix L10, setzt Panasonic jedoch genau auf dieses von digitalen Kompaktkameras vertraute Display.

Denn die künftigen Käufer seien nur zum kleinsten Teil Fotografen, die noch nicht von ihrer alten analogen SLR umgestiegen sind, sagt Panasonic: Es sind "Aufrüster", die mit ihrer digitalen Schnappschusskamera auf den Fotogeschmack gekommen sind und jetzt mehr wollen - aber vertraute Features wie eben Fotografieren via Display auf der teuren SLR wiederfinden wollen.

Lumix L10

Erstmals bei einer SLR kann bei der Lumix L10 das Display um 180 Grad gedreht und 270 Grad geschwenkt werden, was gezielte Aufnahmen vom Boden oder über dem Kopf oder um die Ecke ermöglicht. Und die Komposition auf dem Display erlaubt Dinge, die per Sucher nicht möglich sind: zum Beispiel Belichtung, Farb- und Bildcharakteristiken zu verändern und auf dem Display das Ergebnis bereits zu kontrollieren, bevor das Bild geknipst wird. Oder "Doppelbelichtungen" vorzunehmen, jener Zaubertrick der Filmära, der digital nur durch Bildbearbeitung simuliert werden kann. Dafür bleibt der Nachteil einer leichten Auslöseverzögerung.

Ab Oktober, voraussichtlich 1100 Euro Basispreis. (Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe, 01.9.2007)

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IFA

  • Artikelbild
    foto: panasonic
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