Im Netz der letzten Seepferd-Ritter

3. September 2007, 17:00
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Die berittenen Krabbenfischer von Oostduinkerke sorgen für nostalgische Motive an Flanderns Nordseeküste - wenn auch nur für Touristen

Das Ganze hat etwas Surreales und passt zur Umgebung, in der sich dieses in Europa einzigartige Schauspiel heute noch im belgischen Oostduinkerke abspielt. Während nur wenige Kilometer vom Strand entfernt in St. Idesbald Paul Delvaux, Belgiens größter surrealistischer Maler, seine faszinierenden Bilder von nächtlichen Bahnhöfen und Zügen, die nach Nirgendwo fahren, in einem fensterlosen Kellerraum untergebracht hat, reiten vom Oostduinkerker Strand die Krabbenfischer hoch zu Ross ins Meer hinaus.

Es ist ein heißer Sonnentag mit fast wolkenlosem Himmel über Strand und Meer, an dem man nirgendwo anders sein möchte als an der Küste. Das eintönige Rauschen der am Strand auftreffenden Wogen wird leiser, das Rollen der Kiesel, von jeder Welle in Bewegung gebracht, rückt weit weg, das Wasser zieht sich zurück.

Glorreiche Sieben

Das ist die Stunde der Krabbenfischer. Sieben Reiter, in gelbes Ölzeug gekleidet, kommen auf schweren Brabanter Kaltblutpferden vom Ort herunter an den Strand. Die Pferde mit großen Reetkörben an den Flanken, kleine Karren hinter sich ziehend, auf denen allerlei Gerätschaft mitgeführt wird, suchen sich ihren Weg zwischen Sonnenanbetern, Sandburgen und spielenden Kindern. Die Strandgäste nehmen kaum Notiz von diesem Ereignis, das sich in der Hochsaison fast täglich wiederholt. Sie wissen, dass es erst interessant wird, wenn die Reiter zurückkommen.

Die Karren werden abgeschirrt, schwere Schleppnetze an ihre Stelle gespannt, dann ziehen die Reiter in weitem Abstand voneinander dem ablaufenden Wasser nach. Sie holen es ein - schließlich sind sie an der belgischen Küste und nicht in der Normandie, wo selbst ein galoppierendes Pferd das Wasser nicht mehr erreichen kann -, reiten immer weiter ins Meer hinaus. Schließlich sind die gelben Gestalten vom Strand her kaum noch auszumachen.

Das Strandleben geht natürlich weiter, im großen Schwimmbad johlen und plantschen die Kinder. Die Sonnenanbeter wenden das Grillgut, will heißen: Sie drehen der Sonne nun auch die andere Körperseite zu, Großeltern ziehen mit den Enkeln zur Strandpromenade hinein in die nächste Eisbude.

Immer mehr Ferngläser werden hinaus aufs Meer gerichtet. Wo sind die Ritter von gelber Gestalt geblieben? Sie werden allmählich wieder größer, kommen näher. Das ist die Zeit der Kinder am Strand, die genau wissen, was in der nächsten halben Stunde ablaufen wird. Wenn die schweren Pferde mit ihren gelben Reitern schließlich aus dem Wasser kommen und auf den trockenen Sand zutraben, läuft erst einmal das Wasser von Mensch, Tier und Körben herab.

Kinderportionen

Was dann aus den Netzen herausgeholt wird, erscheint uns, die wir das Schauspiel zum ersten Mal erleben, eher karg. Es mögen ein paar Kilo Krabben sein, klein, grau, fast unansehnlich, die die Fischer aus den Netzen nehmen. Sie klauben sie zwischen Quallen, Seesternen und winzigen zappelnden Fischen heraus. Die Seesterne und Fischlein landen in den Eimern der Kinder, die sich nun gegenseitig schubsen, um an die Fischer heranzukommen.

Das Krabbenfischen hoch zu Ross, das nur noch in Oostduinkerke praktiziert wird, sei ein bescheidenes Überbleibsel einer Tradition, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreiche, erzählt uns dann Johan Vandendriesch, einer der sieben, die heute noch ihren Brabanter das Schleppnetz durch das Wasser ziehen lassen. Einen wirtschaftlichen Wert habe das Krabbenfischen mit den Pferden nicht mehr, meint er. Nur dank finanzieller Zuwendungen seitens der Gemeinde können sich die Männer den Zeitaufwand noch leisten.

Was früher einmal tagaus, tagein harter Alltag, Broterwerb der "Peerdenvisser" war, ist heute touristische Attraktion, deren Termine von den Gezeiten abhängen und beim örtlichen Fremdenverkehrsamt erfragt werden können. Und als Fotomotiv lässt sie jene nostalgischen Bilder eines kleinen Badeorts wieder lebendig werden, die heute nicht mehr automatisch hinter jeder Ecke lauern.

Industriekavallerie

Was sonst in den Restaurants an Garnelenspezialitäten serviert wird, hat nur selten ein gelber Reiter von Oostduinkerke an Land geschleppt, es sei denn, er betreibt so wie Johan Vandendriesch selbst ein Lokal. Die industriell betriebene Hochseefischerei auf Krabben oder Garnelen - wie die Nordseekrabben korrekterweise bezeichnet werden müssten -, bedrohten die Bestände, erzählt Johan Vandendriesch, der uns auf seinem Karren hat aufsitzen lassen, um zu seinem kleinen Hof im Hinterland des Ortes zu fahren.

In der Regel kommen die mit "Krabben-Tomaten", "Garnelen-Kroketten" oder bei einer "Seezunge mit Garnelen in Butter" aufgetischten Krabben vom Nachbarn im Osten. Die Niederlande exportieren Jahr für Jahr tausende Tonnen Garnelen nach Belgien, gelten doch die Belgier, speziell die Flamen, als besonders "krabbenverrückt" - ein Spleen, an dem sie ihre Gäste eben auch mit der kleinen Inszenierung gerne teilhaben lassen.

Und deshalb werden die Männer in ihrem gelben Ölzeug auf ihren starken Pferden mit Reetkörben und Schleppnetzen weiterhin die Brandung vor Oostduinkerke durchpflügen, nicht nur an Bilderbuchtagen wie heute. Wir jedenfalls haben uns vorgenommen, am Abend ein Garnelenmenü in Oostduinkerke zu probieren, natürlich an der Promenade, am Deich, mit Blick auf das Meer, durch das die "Peerdenvisser" heute geritten sind. (Christoph Wendt/Der Standard/Printausgabe/1./2.9.2007)

Info: Flandern Tourismus


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  • Früher alltäglicher Broterwerb, heute ein Schauspiel für die Touristen: das Krabbenfischen.
    foto: toerisme vlaanderen / flandern tourismus

    Früher alltäglicher Broterwerb, heute ein Schauspiel für die Touristen: das Krabbenfischen.

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