Die feinstofflichen Dinge

1. September 2007, 14:00
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Haben Sie die gleichen Schwingungen wie Ihr Haus? Fragen Sie Ihre Immobilienmaklerin! Anmerkungen zu einem neuen Beruf - Von Gerhard Rodler

Kürzlich erhielt eine gewisse Christa Singer, Inhaberin eines kleinen Immobilienmaklerbüros, den Titel Kommerzialrat verliehen. Das allein wäre nicht weiter erwähnenswert. Bemerkenswert wird es erst durch die Tatsache, dass sich Bundespräsident Heinz Fischer im Rahmen der Verleihungsfeier in seiner allgemeinen Ansprache überwiegend über die Besonderheit dieses einen Maklerbüros aussprach. Und warum? Die Eigenheit von Christa Singer: Sie hat sich aus der Esote- rik kommend dem Thema Immobilienvermittlung genähert und dabei eine recht ungewöhnliche These entwickelt: Jede Wohnung hat ihre eigenen Schwingungen - und diese müssen wiederum mit den Schwingungen der jeweiligen künftigen Bewohner harmonieren. Das ist endlich einmal was Neues!

Laut Singer sind es nicht etwa objektivierbare Dinge wie die Lage oder der Zustand der zur Vermittlung anstehenden Wohnung - nein, es sind eher die feinstofflichen Dinge des Lebens. Folgerichtig werden potenzielle Interessenten schwingungstechnisch "gescreent". Angeboten wird das betreffende Objekt nur dann, wenn Wohnung und künftige Nutzer harmonieren. Das Ergebnis dieser Vorgangsweise ist klar: Es wird nur mit einem Bruchteil der potenziellen Interessenten konkret gesprochen, die Abschlussquote jedoch ist naturgemäß extrem hoch. Nahezu jeder Schuss ein Treffer. Als weitere Besonderheit werden Wohnungen mit generell negativen Schwingungen entsprechend "behandelt" und positiv gemacht.

Zu Esoterik kann man stehen, wie man will. Laut einer aktuellen Schätzung sprechen sich jedoch mehr als 50 Prozent der Österreicher dafür aus. Das Phänomen kennt jeder: Man fühlt sich in einer Wohnung wohl - oder auch nicht. Die einen nennen das Wohlfühlfaktor, die anderen Schwingungen.

Christa Singer steht damit in jedem Fall für eine neue Generation von Dienstleistern in der Immobilienbranche - eine Generation, die sich auf spezielle Zielgruppen spezialisiert und maßgeschneiderte Dienstleistungen anbietet. Die einen frönen der Esoterik, die anderen haben es sich in ganz anderen Marktnischen bequem gemacht. Wichtig ist, dass diese Beispiele für einen neuen Typus von Wohnmakler stehen. Die Dienstleistung liegt klar auf der Hand, keiner stellt die hohen Provision mehr infrage. Das tut dann den Maklern und deren Kunden gleichermaßen gut. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2.9.2007)

  • Gerhard Rodler, Immobilien- Fachjournalist.
    foto: standard

    Gerhard Rodler, Immobilien- Fachjournalist.

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