Die alternativste Shoppingmeile von Graz

5. Oktober 2007, 17:00
posten

Im Grazer Bezirk Lend siedeln sich mehr und mehr neue, schräge Geschäfte an - Reportage

Graz - Erst vereinzelt, mittlerweile fast grüppchenweise schossen in den vergangenen vier Jahren Szenebeiseln, Galerien und schräge Shops aus dem Asphalt der Grazer Mariahilfer Straße und verwandelten eine weit gehend öde Gasse im Rotlichtmilieu des traditionellen Arbeiterbezirks Lend in so etwas wie eine alternative Shoppingmeile. Mittlerweile setzt sich diese vom Kunsthaus kommend in der nach Norden angrenzenden Josefigasse in Richtung Lendplatz fort.

Alles, was es dort gibt, etwa Taschengeschäfte (wie die sozialökonomischen Betriebe Tagwerk und Heidenspaß), eine Buchhandlung, einen Möbelhändler, einen Friseur oder eine Marketingagentur, gibt es auch sonst wo in der Stadt - aber eben ganz anders.

Chinesische Möbel

Da wären zum Beispiel Martin Pichler und Helmut Krassnigg, ein Pilot und ein Unternehmensberater, die in ihrer Studienzeit beschlossen, sich später einmal zusammen selbstständig zu machen. Seither flog Pichler beruflich besonders oft nach China. Im Vorjahr eröffneten die beiden Freunde ihren Laden "Möbel und Raum" im "aufstrebendsten Viertel der Stadt" (Pichler), wo sie neben ihren Brotberufen feine chinesische - alte und auf alt getischlerte - Möbel mittwochs und samstags feilbieten.

Wer dabei an chinesische Massenware denkt, liegt falsch. Dort gibt es nur Unikate. "Wir überprüfen jede der Tischlereien, mit denen wir handeln regelmäßig vor Ort auf die Qualität der Produkte, aber auch auf die Arbeitsbedingungen in Bezug auf Fairness und Kinderarbeit", so Pichler. Neben Kommoden, Hochzeitsschränken, Schreibtischen oder anderen hübsch bemalten Kästchen aus Ulmen-, Walnuss- oder Kampferholz gibt es auch Buddhastatuen oder überlebensgroße Krieger aus Granit-, Sand- oder Kalkstein.

Gefragte Krieger

Letztere kündigen eine Kulturrevolution gegen heimische Gartenzwerge an: "Bei den Kriegern haben wir uns zuerst gedacht, sie würden nicht gut gehen, weil sie so riesig sind, aber die sind total gefragt." Die Krieger gehören mit rund 900 Euro zu den teuersten Stücken im Geschäft, kleine Stücke gibt es schon ab 70 Euro. "Wir haben eine Obergrenze von 1000 Euro, wir wollen hier nicht das große Geld machen, es ist eher eine Liebhaberei", erklärt Berufsflieger Pichler.

Gleich gegenüber von Buddha und Co. hat sich Anfang Mai die "Haarschneiderei" niedergelassen. Nachdem der Salon vor eineinhalb Jahren in der Belgiergasse eröffnet hatte, ging das preisgünstige Schneidegeschäft im ausgeflippten Retrodesign-Ambiente mit Musik- und DVD-Begleitung der beiden 23-Jährigen Nicky Pollinger und Jakob Esslinger so gut, dass sie innerhalb des Viertels in ein größeres Geschäftslokal umziehen mussten.

Der neue Laden teilt seinen Eingang mit der "Agentur en garde - freelance creatives", die das Marketing für die Friseure entwickelten. Die Kunden der Haarschneiderei sitzen nun an umgebauten antiken Singernähmaschinen vor dem Spiegel oder warten auf einem opulenten Ledersofa unter einem aus Föhns und einer Trockenhaube von Jakob gebauten Luster. Ein zweites Zimmer, in Rosa und Gold getaucht und mit historischen Fotografien geschmückt, wird "der Barockraum" genannt - eine Einladung auch für "Kundschaft von 40 bis 50 plus", schmunzelt Jakob.

Lesestoff

Wer den richtigen Lesestoff unter der Trockenhaube braucht, findet den gleich vis-à-vis: Ebenfalls 2006 eröffnete hier Wolfgang Wagner am Beginn der Josefigasse und in Nachbarschaft zum Szenebeisel Exil, das Studenten in Massen vom Uni-Viertel über die Mur zieht, seinen Buchladen "Wendepunkt".

Auch der studierte Germanist und langjährige Sozialpädagoge will in seinem kleinen Zweiraumladen nicht Geld scheffeln, sondern einfach Bücher unter die Leute bringen, die er selbst schätzt. Das Sortiment reicht von globalisierungskritischer, teils linker, teils alternativer Theorie über Belletristik bis zu Comics und Rockgeschichte. Noam Chomsky, Jean Ziegler oder Arundhati Roy findet man zwar auch in anderen Buchhandlungen, allerdings nicht in direkter Nachbarschaft zu Bildbänden über bewohnbare Baumhäuser, Hermann Hesse und Thomas Bernhard oder der legendären Comic gewordenen Hitlerparodie Maus von Art Spiegelman.

Was Wagner selbst liest? "Ich lese gerne Biografien, weil sie Geschichte von immer wieder neuen Standpunkten erzählen. Vor Kurzem hab ich die von Vera Broido gelesen, die als Kind von politischen Aktivisten in der Zarenzeit und während der Revolution aufgewachsen ist. Später ist sie als gebürtige Jüdin nach Berlin und weiter nach London geflohen, wo sie ganz spät alles niedergeschrieben hat." Broido starb erst vor drei Jahren 97-jährig in London. Ein einziges Lieblingsbuch habe Wagner aber nicht, dazu gebe es zu viele - auch bei ihm: Jede Woche frische Ware. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2.9.2007)

  • Unter Buddhas gelassenem Blick: Martin Pichler vor seinem Geschäft "Möbel und Raum", in dem er mit einem Freund chinesische Möbel und Accessoires verkauft.
    foto: gubisch

    Unter Buddhas gelassenem Blick: Martin Pichler vor seinem Geschäft "Möbel und Raum", in dem er mit einem Freund chinesische Möbel und Accessoires verkauft.

  • "Wendepunkt" mit Standpunkt: Wolfgang Wagner führt nur Bücher, die er selbst gerne liest.
    foto: gubisch

    "Wendepunkt" mit Standpunkt: Wolfgang Wagner führt nur Bücher, die er selbst gerne liest.

  • Die Beleuchtung aus Föhns und einer Trockenhaube hat der Besitzer der Haarschneiderei selbst gebastelt.
    foto: haarschneiderei

    Die Beleuchtung aus Föhns und einer Trockenhaube hat der Besitzer der Haarschneiderei selbst gebastelt.

Share if you care.