Krimischiene: Die Reichen und die Unschuldigen

7. September 2007, 13:20
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Die Verschwundene und die Geschichte - Der Brand und die Rache - Die Reichen und die Unschuldigen

Die Schläger und der Detektiv

Die Genueser Polizei hat seit dem G8-Gipfel nicht den besten Ruf, und der Genueser Autor und Psychotherapeut Bruno Morchio setzt noch eins drauf. Was seinem Protagonisten und Serienhelden, dem linken Detektiv Bacci Pagano auf der mit faschistoiden Schlägern besetzten Wachstube widerfährt, geht auf keine Kuhhaut. Dabei will Pagano nur herausfinden, wer ein Gewehr aus dem Radiosender seiner Freunde gestohlen hat. Schrotthändler, die zur Mafia gehören, schwarze Prostituierte und illegale Einwanderer bilden die Staffage für Morchios Kritik an den italienischen Zuständen à la Berlusconi. Morchio nennt als eines seiner Vorbilder den verstorbenen Jean-Claude Izzo. In der Tat erinnert der eigenwillige Krimi Kalter Wind in Genua (Deutsch: Ingrid Ickler, € 20,50, Unionsverlag) von der Atmosphäre her an das große französische Vorbild.

Die Reichen und die Unschuldigen

Darf es einen Anwalt kümmern, dass sein Klient schuldig ist? Und was ist, wenn der Anwalt einen Verdächtigen nicht gut genug vertreten hat, so dass dieser unschuldig zu lebenslangem Gefängnis verurteilt wurde? Hat der Reichtum des Angeklagten Auswirkungen? Mit solchen Fragen schlägt sich Michael Connelly in seinem Thriller Der Mandant (Deutsch Sepp Leeb, € 20,60, Heyne) herum. Er tut das auf packende Weise, denn die ethischen Probleme sind nicht das Einzige, was Mickey Haller umtreibt. Er vertritt Bösewichte im Dutzend, verdient aber wenig. Da kommt der Sohn einer reichen Immobilienhändlerin wie gerufen: Haller legt sich ins Zeug, um zu beweisen, dass der Typ nie und nimmer eine Prostituierte misshandelt haben kann. Aber allmählich beschleichen ihn Zweifel, und der Leser wird von bösen Ahnungen befallen.

Die Verschwundene und die Geschichte

Die Gerichtsmedizinerin Kathy Reichs gibt wieder ein Seminar in Sachen Naturwissenschaften: In ihrem zehnten Thriller Knochen zu Asche (Deutsch: Klaus Berr, € 20,60, Blessing) mit der Pathologin Tempe Brennan blendet sie zurück zu den Kindheitserinnerungen ihrer Heldin. Als Tempe das Skelett eines halbwüchsigen Mädchens untersuchen soll, überfallen sie die Bilder ihrer Jugendfreundin. Das Mädchen, mit dem Tempe am Strand gespielt und Gedichte rezitiert hat, war damals verschwunden. Tempe fragt sich, ob sie womöglich die Überreste ihrer Freundin auf dem Seziertisch hat. Ihr Freund Ryan versucht indessen, den Mörder einer Reihe von jungen Frauen zu finden. Reichs' Abstecher in die Geschichte der französischen Besiedelung Kanadas förderte bedrückende Fakten zutage, die sie geschickt in ihre Krimihandlung einbaut.

Der Brand und die Rache

Frank, arbeitslos und depressiv, ist nicht gerade der Hellste. Aber dass er sich besser bedeckt hält, wenn die Villa des Nachbarn niederbrennt, ist ihm klar. Mechtild Borrmann beschreibt in Morgen ist der Tag nach Gestern (€ 10,20, Pendragon) einen Kriminalfall mit zwei Toten in der Asche der Brandruine und die zwanghafte Abhängigkeit eines erwachsenen Mannes von seiner herrschsüchtigen und doch bemitleidenswerten Mutter. Die dritte Handlungsebene schildert das Schicksal eines Vaters, dessen Tochter entführt wurde und nie wieder aufgetaucht ist. Als sich Gelegenheit ergibt, Nachforschungen auf eigene Faust anzustellen, schreitet der von der Kripo als Täter verdächtigte Vater mithilfe eines Mittelsmannes zur Rache. Borrmanns Plot klingt nicht übertrieben raffiniert, dafür sind die inneren Dramen der Protagonisten umso überzeugender.

(Ingeborg Sperl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 01./02.09.2007)

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    cover: unionsverlag
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