"Joe Strummer: The Future Is Unwritten": Der Hippie als Punk

17. September 2007, 12:44
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Julien Temple würdigt in der Doku "Joe Strummer: The Future Is Unwritten" den im Jahr 2002 verstorbenen Sänger der legendären britischen Punkband "The Clash"

Wien – Zu den größten Niederlagen seines Lebens zählte diese: Die britische Punk-Legende Joe Strummer musste während des ersten Golfkrieges 1991 auf CNN mitansehen, wie das US-Militär eine Rakete gegen den Feind in Stellung brachte. Auf der stand als Widmung ein alter Songtitel von ihm geschrieben: "Rock the Casbah!"

Der 1952 als Diplomatensohn John Graham Mellor geborene und 2002 mit nur 50 Jahren an einem Herzfehler verstorbene Strummer zählt mit seiner Londoner Band The Clash neben den Sex Pistols oder den Ramones zu den Vätern eines Stils, der von 1977 an die Musikwelt nachhaltig erschüttern sollte. Rechtzeitig zum 30-jährigen Jubiläum von Punk als anarchistischem Aufschrei gegenüber einer als feindlich empfundenen kapitalistischen Warenwelt und Scheindemokratie hat nun der britische Regisseur Julien Temple (The Great Rock’n’Roll Swindle, The Filth & The Fury...) als Zeuge der damaligen Revolte eine berührende Kinodokumentation gestaltet.

In Joe Strummer: The Future Is Unwritten erzählt Temple anhand von Interviews mit Freunden und Kontrahenten Strummers und über die Jahrzehnte selbst gefilmter Kameraeindrücke von einem kurzen, aber mild glosend bis heute wirkenden Aufflackern einer generellen jugendlichen Opposition zu Gott und der Welt. Unabsichtlich zeichnet Temple aber auch anhand der Karriere von Joe Strummer und The Clash eines nach: Das wirksamste Gegengift für oppositionelle Bestrebungen stellt deren möglichst rasch unternommene Eingemeindung dar.

So zählte der ebenso talentierte wie karrierebewusste Song-Demagoge Strummer ("White Riot") nach seinen Anfängen als Szeneheld der vom selbstverwalteten Hippietum kommenden Band The 101ers nach seinem Wechsel in die um ein paar Jahre jüngere und unreflektiertere Punkszene zu den ersten Musikern, die ihre Rebellion gleich wieder an die internationale Plattenindustrie verkauften. Das etwas trotzige Argument: Wenn man gehört werden will, muss man dafür sorgen, dass man von einem internationalen Konzern weltweit vermarktet wird.

CBS befördert seinen Größenwahn ab 1979/80 zügig in die Hitparaden – und in die Sportstadien Nordamerikas. Und auch musikalisch verfolgt Strummer als begabtester und für andere Einflüsse offenster Punkmusiker mit hervorragenden Alben wie London Calling oder Combat Rock eine langfristig in die (politisch gedeutete) Weltmusik zielende Fusion aus hartem, aggressivem Rock ’n’ Roll, jamaikanischem Reggae und südamerikanischen wie afrikanischen Einflüssen.

Am Lagerfeuer

1985 brach die Band wegen harter Drogen und der uneingestandenen Einsicht, mittlerweile genauso korrumpiert wie die alten Rock-Establishment-Feindbilder Rolling Stones oder Led Zeppelin geworden zu sein, auseinander. Joe Strummer versucht sich als Schauspieler und Soundtrackkomponist für Filme von Jim Jarmusch oder Alex Cox. Er entdeckt in den 90er-Jahren seine Liebe zu Techno-Raves und den dortigen nächtlichen Lagerfeuern als uraltem Ort des Austauschs und der Inspiration. Und er versucht sich mit seiner neuen Band The Mescaleros wieder erfolgreich als Rockmusiker.

Man sieht es diesem zweistündigen Film an, dass Julien Temple keine überkritische Durchleuchtung der Person Joe Strummer unternehmen wollte. Die Widersprüche des Mannes erschließen sich eher nebenher. Wenn aber Temple die alten Kollegen und Weggefährten tatsächlich am Lagerfeuer beobachtet und interviewt, statt sie langweilig zu Hause abzufilmen, erschließt sich die Faszination für den Mythos eines ebenso beherzten wie widersprüchlichen Künstlers, an dem seit 1977 kein vernünftiger Nachgeborener mehr auf dem Weg in die Charts vorbeischleichen kann. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 01./02.09.2007)

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  • Ein Diplomatensohn als Galionsfigur des britischen Punk: Der 2002 mit 50 Jahren verstorbene Joe Strummer wird jetzt in einer Kinodokumentation gewürdigt.
    foto: stadtkino

    Ein Diplomatensohn als Galionsfigur des britischen Punk: Der 2002 mit 50 Jahren verstorbene Joe Strummer wird jetzt in einer Kinodokumentation gewürdigt.

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