Als Angelina Jolie die Seide der Camorra trug

2. September 2007, 10:00
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Roberto Savianos Reportage aus dem schwarzen Herzen der italienischen Verbrecherorganisation

Feuerland. Apokalypse. Auf der Haut ein schmieriger Film. Die Luft zum Schneiden dick. Der Boden qualmt, ist tief, matschig, aufgeweicht von Lastwagenspuren, durchtränkt mit Dioxin. Was im ganzen Körper ein Brennen auslöst. Unablässig prasselt Regen auf Kopf und Schultern Roberto Savianos. Er ist unterwegs auf einer riesigen illegalen Mülldeponie, auf der Abfall nur auf eine Art entsorgt wird – durch Verbrennen. Ganz gleich, ob giftig oder nicht. Das Wasser steigt schnell, seine Schuhe versinken im Morast. Im hüfthohen Wasser, das die Müllberge entlangschießt, treibt ein Kühlschrank vorbei. Eine Hölle, wie sie sich ein Dante nicht hätte vorstellen können. Mittendrin der junge neapolitanische Reporter, der aus Leibeskräften "Ihr Dreckskerle, ich lebe noch!" brüllt. Mitten in Europa, in Kampanien.

Mitten in China. Denn der Umschlag von Waren aus der Volksrepublik nimmt einen großen Teil des Hafens von Neapel ein. Über diesen Hafen werden 20 Prozent des Wertes der Textilproduktion dieses Landes nach Europa eingeführt, ihn passieren allerdings 70 Prozent der Warenmenge. Die Differenz erklärt sich mit einem Wort – Camorra.

Die Camorra ist die größte kriminelle Organisation Europas. "Auf jeden sizilianischen Mafioso", so Saviano, "kommen zwei kampanische Camorristen, auf jedes Mitglied der ’Ndrangheta sogar acht." Zugleich ist sie kaum bekannt, das Interesse seit Längerem stark fokussiert auf Sizilien und die Bomben der Cosa Nostra. Dabei hat Kampanien die höchste Zahl an Kommunalverwaltungen, die nachweislich von einer Verbrecherorganisation infiltriert wurden. Seit dem Jahr 1991 wurden dort 71 lokale Administrationen abgesetzt und unter staatliche Kuratel gestellt.

Das ist nur eine von vielen Fakten, die Saviano recherchiert und nun in Gomorrha zusammengetragen hat. Dieses Buch ist wie ein Schlag in den Magen. Der junge Neapolitaner nennt Namen, Daten, Orte, Beteiligte. Und die Vorlieben, die Gewohnheiten und pompösen Eitelkeiten der Bosse. Sie operieren global, und ihre Vorbilder sind ebenfalls global, entstammen Filmen wie Matrix, Scarface oder Kill Bill. Er schildert minuziös die Vorgehensweisen der Clans, die in und um Neapel und Caserta operieren.

Dass er im letzten Herbst untertauchen musste und seither von Leibwächtern abgeschirmt wird, verwundert keine Sekunde. In keinem anderen Buch ist die Camorra bisher derart bloßgestellt, seziert, so detailreich und umfassend beschrieben worden.

Sie ist Krake und treibende ökonomische Kraft. Ob Lebensmittelgroß- und -zwischenhandel, italienische Designermode, die ohne die Schneiderfabriken rings um Neapel und den weltweiten Vertrieb über Strohfirmen nicht existieren könnte – einmal trug Angelina Jolie bei einer Feier in Hollywood einen in Secondigliano maßgeschneiderten Hosenanzug aus weißer Rohseide –, Müllentsorgung oder Hoch- und Tiefbauaufträge, die Camorra operiert einerseits mit brutaler Einschüchterung und Morden. Andererseits ist sie äußerst ökonomische Avantgarde: flexibel, durchlässig, aufgeschlossen für neue Geschäftsfelder und Kooperationen. Im illegalen Sektor wie auf legalen Gebieten. Auf letzteren konnte sie infolge der Gewinne aus Drogen- und Waffenhandel andere rigoros unterbieten und zudem günstige Finanzierungsmodelle unterbreiten. "Nicht die Camorristen jagen den Geschäften nach, es sind die Geschäfte, die den Camorristen nachjagen. Die Logik des kriminellen Unternehmertums, das Denken der Bosse ist identisch mit radikalstem Neoliberalismus. Er diktiert, ja erzwingt die Regeln des Geschäfts, des Profits, des Sieges über alle Konkurrenten."

In der Kommune Casal di Principe – Roberto Saviano: "Verglichen mit Casal di Principe ist Corleone Disney-Land" – wurden seit dem Jahr 2000, wie er mit trockener Wut aufzählt, hochgezogen: eines der größten Multiplex-Kinos Italiens, das größte Einkaufszentrum Europas in Marcianise und das größte Einkaufszentrum Süditaliens in Teverola. All dies in einer Region mit extrem hoher Arbeitslosigkeit und ständiger Abwanderung. Und in Afragola steht heute auf von Camorra-Firmen beherrschtem Gebiet der größte Ikea-Komplex Italiens; die Strecke für das Hochgeschwindigkeitszugnetz in Süditalien nimmt, ganz zufällig, hier ihren Beginn.

Italien wurde errichtet mit Zement aus den Fabriken der Konsortien. Da fällt auch nur kurz auf, dass ein Silvio Berlusconi genau einmal erwähnt wird, dafür schimmert er umso stärker durch die Seiten. Berlusconi startete seine Geschäftstätigkeit einst im Bauwesen, mit Zement. Die Anschubfinanzierung seiner Firma Fininvest liegt bis heute im Dunkeln.

Gegen dieses Dunkel ist Savianos zutiefst moralischer, aber an keiner Stelle ins Predigen verfallender Bericht gerichtet. Seine zornige Reportage über aussichtslose Existenzen und die Zerstörung der Umwelt wie der Seelen ist auch deshalb so anrührend, weil er sich und seine Emotionen keine Sekunde beiseite lässt oder schont. "Ich bin geboren im Land der Camorra", schreibt er, "wo mehr Menschen ermordet werden als irgendwo sonst in Europa, wo Geschäftemacherei und brutale Gewalt unauflöslich miteinander verbunden sind und nur das einen Wert besitzt, was Macht verspricht."

Selbst Pathos kommt bei Saviano unpathetisch daher. "Wissen, Verstehen und Ergründen ist daher nicht bloß eine moralische Pflicht, es ist eine Überlebensfrage. Ohne diese Selbstverpflichtung ist kein menschenwürdiges Dasein möglich." Eine grandiose investigative Leistung, ebenbürtig den Reportagen eines Nick Tosches, Gay Talese oder Seymour Hersh. Ein eminentes Buch. Eines der beeindruckendsten, erschreckendsten und wichtigsten der letzten Jahre. (ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 01./02.09.2007)

Roberto Saviano, "Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra". Aus dem Italienischen von Friederike Hausmann und Rita Seuß. € 22,10/368 Seiten. Carl Hanser Verlag, München 2007.
  • "Wissen, Verstehen und Ergründen ist nicht bloß eine moralische Pflicht, es ist eine Überlebensfrage." Roberto Saviano
    foto: roberto pompili

    "Wissen, Verstehen und Ergründen ist nicht bloß eine moralische Pflicht, es ist eine Überlebensfrage." Roberto Saviano

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    Krake und treibende ökonomische Kraft:Ob im Lebensmittelgroßhandel, bei Designermode, Müllentsorgung oder Bauwirtschaft, die neapolitanische Camorra hat die Hände im Spiel. Im Bild ein Polizei-einsatz heuer in Neapel.

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