Gift und schöne Frauen

1. September 2007, 17:00
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Warum trägt eine der giftigsten heimischen Pflanzen den Namen einer Göttin, fragt Ute Woltron

Und dieser reizende Strauch hier, sprach der eben zum Freizeitlandmenschen mutierte Stadtmensch bei der Besichtigungstour der neuen Wochenendlatifundie nicht ohne Stolz, ist hier von selbst aufgegangen. Man hielt im Schatten des Waldesrandes zur Betrachtung eines Gewächses inne, das mit nur wenigen, dafür besonders schön anzuschauenden blauschwarz glänzenden Beeren behangen war. Wie kostbare Tahitiperlen lagen die in ihre Blattkelche gebettet.

Kinder, sprach einer der Gäste süffisant zu seiner Brut, packt's doch eine davon für die Omi ein! Die Omi ist die Schwiegermutter, der Witz besonders bösartig, die Perlen waren Tollkirschen. Ein paar davon zum Dessert, und die Schwiegermutter läge ebenfalls niedergebettet, allerdings für die Ewigkeit.

Atropa Belladonna heißt diese Pflanze, sie ist eines der giftigsten heimischen Gewächse. Sonderlich oft begegnet man ihr nicht, und wenn, dann sollte man selbstverständlich die Finger von ihr lassen, sie ist durch und durch vom Alkaloid Hyoscyamin durchdrungen. Der Genuss desselben führt zu Wahnzuständen und tobsuchtsartigen Anfällen und in der Folge im schlimmsten Fall zum Tod durch Atemlähmung. Vor allem Kinder sind gefährdet, der Genuss von nur zwei bis drei der (angeblich) süß-bitteren Beeren ist tödlich, Erwachsene verkraften laut Fachliteratur höchstens eine Dosis von zehn bis zwanzig Tollkirschen.

Schicksalsgöttin Atropos

Die Pflanze wächst mehrjährig in schattigen, feuchten und vorzugsweise stickstoffreichen Regionen und wird rund 50 bis 150 Zentimeter hoch. Ihr Name leitet sich einerseits von der griechischen Schicksalsgöttin Atropos ab - falls Sie in der Schule auch geschlafen haben sollten: Das ist jene der drei Moiren, die den Lebensfaden zu kappen pflegt.

Der Namenszusatz Belladonna - schöne Frau - klingt freundlicher und gewissermaßen lebensnäher und erklärt sich dadurch, dass in früheren Zeiten Damen gelegentlich Tollwutkirschensaft in ihre Augen träufelten, um damit die Pupillen zu erweitern und mittels eines gewissen tränenumflorten geheimnisvollen Blicks potenzielle Liebhaber zu umgarnen.

Selbstverständlich blieb die Omi vom Schicksal Atropos verschont, die Kinder wurden gewarnt, der Gastgeber erholte sich vom Schreck und des Spinnens philosophischer Gedanken zum Thema Tod und Schönheit, Gift und Frauen war noch lang kein Ende. (Ute Woltron/Der Standard/rondo/31/08/2007)

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    Der Genuss führt zu Wahnzuständen und tobsuchtsartigen Anfällen und in der Folge im schlimmsten Fall zum Tod durch Atemlähmung.

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