Ein Hauch von Süden

1. September 2007, 17:00
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Mehrere Urlaube in einem: Das Tessin ist die italienische Sonnenterrasse der Schweiz, mit den angenehmen Seiten beider Kulturen

Manche wissen genau, wohin im Urlaub. Ans Wasser muss es gehen. Oder nichts als Wandern. Oder endlich einmal Kultur. Nur ins Ausland. Nein, nur dort, wo man deutsch spricht. Jeder dieser Wünsche ist erfüllbar.

Schwerer hat's, wer von allem etwas haben will und das möglichst an einem Ort. Mit dem Finger auf der Landkarte fahren wir an Gegenden vorbei, die zu weit weg, zu kalt oder zu heiß (und immer heißer) sind. Zu den wenigen, die übrig bleiben, zählt das Tessin.

Natürlich gibt es auch andere als solche mechanischen Ausschließungsgründe, warum die Fahrt gerade dorthin, ein paar Stunden nur jenseits der Vorarlberger Grenze, gehen soll. Es hilft, wenn der Ente turistico per il Ticino freundlicherweise auf Ruheinseln in der Hochsaison aufmerksam macht, sogar während des Filmfestivals in Locarno, das Anfang August den halben Kanton beschlagnahmt. Dazu mag Lust aufs Wiedersehen oder auf Neuentdeckungen kommen.

Vor allem aber hat das Wort von der "italienischen Schweiz" einen guten Klang. Denn anders als bei Vergleichen wie "Venedig des Nordens" geht es hier ja wirklich italienisch zu. Und es ist zugleich wirklich die Schweiz. Die beste beider Welten also?

Die Tessiner selber sind, wie wir hören, über die ihnen zugesprochene "Italianità" nicht nur glücklich. Sicher, das Licht, das Wetter, die Stimmung auf der Piazza della Riforma in Lugano um elf Uhr abends, der Merlot und die Pasta schmecken nach Süden. Das haben allerdings auch die nördlichen Nachbarn gemerkt und aus dem einst bäuerlichen Winkel die gerühmte "Sonnenterrasse" und sich selbst viele Zweitwohnsitze gemacht. Darum säumen heute neben den alten Villen, Palazzi und Grand-Hotels zunehmend moderne Hochbauten die Ufer und Bergrücken des Tessin.

Doch es ist eben auch die Schweiz, das heißt, nichts wird übertrieben, alles funktioniert, die Bahn ist pünktlich wie die Schweizer Bahn, man spricht zwei bis vier Sprachen, und sogar der Fremde kennt sich aus.

Darum haben wir aus dem Einbahnsystem der heimlichen Hauptstadt Lugano (die wirkliche ist Bellinzona) mit ihren 400 Banken und Treuhandgesellschaften rasch den Weg zum ersten Geheimtipp gefunden, der keiner ist: Carona oberhalb des Lago di Lugano.

In Carona haben Meret Oppenheim gelebt, Hermann Hesse und Bert Brecht, und Timothy Leary hat bei Sympathisanten Unterschlupf gefunden. Anders als auf dem nur zwei Berge weiter gelegenen Monte Verità wollten und wollen Künstler und ihre Patrons hier Ruhe haben. Der Ort hat einen eigenen Reiz, seit vor Jahrhunderten die gesuchten Caroneser Handwerker und Baukünstler Geld nach Hause brachten. Sechs Kirchen bei heute knapp 700 Einwohnern zeugen noch davon, auch die Fresken an den Steinmauern und die opulenten Gärten vor einem Panorama, das von den Alpen bis zum See reicht.

Neueres Geld bescherte dem Dorf einen Naturpark - ein ganzer Wald - und ein moder- nes Bad mit 50-Meter-Becken. "Es ist eine gute Mischung aus allem", sagt der Fotograf Adriano Geiger, der den Kanton beruflich durchforstet und seine "Casa del 1577" privat vermietet. Für ihn "und für manche Esoteriker" ist Carona ein Ort der Kraft.

Ein ganz anderes, ebenfalls nicht schwaches Stück Tessin ist Ascona. Will man seine Vorstellungen von einer Sommerfrische am See, von blumenverzierten Promenaden und einer eleganten Kulisse zu einem Bild verdichten: Hier am Lago Maggiore lebt es. Und will man es in aller Ruhe - also in wahrem Luxus - genießen, dann tut man das am besten im Eden Roc.

Das Haus ist mehrmals zum besten Grand-Hotel der Schweiz gewählt worden. Dabei ist es nicht einmal ein historischer Kasten, sondern die Kombination zweier Nachkriegsbauten, mit postmodernen Elementen angereichert - und damit allerdings schon wieder ein wenig historisch. Von der gerade installierten, nirgendwo wegzudenkenden "Wellness" zu reden erübrigt sich - das wahre Wohlbefinden ist der unauffällig perfekte Service guter alpenländischer Schule in diesem Eden.

Der dritte, etwas geheimere Tipp liegt ebenfalls am See, aber an dem von Lugano, und fern von Autos und Grand-Hotel-Ambitionen. Mit gerade einmal acht Zimmern schmiegt sich das Hotel Elvezia al Lago an die steile Bergwand, die Lugano von Gandria trennt. Nur zu Fuß, per Hotel-Boot oder mit dem Rundreiseschiff, das mehrmals täglich anlegt, kommen wir überhaupt hin. Weg mit dem Schiff kommt man je nach Laune ins Zollmuseum an der italienischen Grenze (klein und fein), zur Enklave Campione d'Italia (wenn man auf Glückspiel aus ist) oder eben rund um den See.

Alles nicht so wichtig. Mit dem Olivenweg, der zum Terrassendorf Gandria führt, mit Wanderpfaden auf den Monte Bré, Kultur in der Villa Favorita, im Heleneum, in Lugano sowieso, vor allem mit dem See vor der Nase und dem Blick vom Balkon auf die Berge - bis Carona! - hat man sowieso die verschiedensten Urlaube in einen verpackt. Jetzt nur keinen Stress. (Michael Freund/Der Standard/RONDO/31.8.2007)

Anreise: Flüge mit der Swiss nach Lugano via Zürich.

Mit dem Auto über Chur oder Engadin/Lago di Lugano.

Unterkunft: In den Sommermonaten rechtzeitig buchen. Tessiner Hotelführer in Verkehrsbüros.
Carona
Casa del 1577
Eden Roc
Hotel Elvezia al Lago

Auskunft: Tessin Tourismus


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  • Lugano, die heimliche Hauptstadt.
    foto: tessin tourismus

    Lugano, die heimliche Hauptstadt.

  • Markt in Bellinzone - der tatsächlichen Hauptstadt.
    foto: tessin tourismus

    Markt in Bellinzone - der tatsächlichen Hauptstadt.

  • Ascona.
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    Ascona.

  • Lugano
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    Lugano

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