Musikrundschau in Cowboy-Boots

6. September 2007, 17:00
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Neue Alben von Heavy Trash, The Gun Club, Tunng, Young Marble Giants und Black Strobe

HEAVY TRASH
Going Way Out With ...
(Cruchy Frog/Trost)
Jon Spencer aus New York hat schon in den 80er-Jahren mit seiner heute legendären "groovy hate-fuck combo" Pussy Galore in den Trümmerhalden der Rockgeschichte geforscht und aus altem Trash- und Garagerock seine avantgardistischen Amokläufe destilliert. Mit Boss Hog näherte er sich anschließend an herkömmlichere Popformate und stellt seit 1990 mit seiner Jon Spencer Blues Explosion die futuristisch wie gleichzeitig traditionsbewahrende Gründermusik des Blues in den Mittelpunkt. Gemeinsam mit Musikerfreund Matt Verta-Ray, einem passionierten Rockabilly-Haudegen, und der befreundeten Band The Sadies geht es nun auf dem zweiten Album seines Freizeitprojekts Heavy Trash (siehe Foto links) wieder einmal Richtung Gottesdienst in Memphis, Tennessee. Der Gottesdienst artet darin aus, dass diese Prediger gegen soziale Verträglichkeit, Anstand, Würde und gute Sitten schwer betrunken von der Kanzel herunter das Wort von Johnny Cash, Charlie Feathers, Link Wray, The Cramps, oder Eddie Chochran predigen. Ein Heidenspaß für die ganze Familie - so sie in einem Trailerpark wohnt. Heavy Trash für den White Trash. Und jetzt grillen wir uns eine Beutelratte und braten einen Bananentoast. Maximale Lautstärke würde sich beim Hören der CD empfehlen. Da geht das Rülpsen der Bierdosen vornehm im Lärm unter. Ein Album des Jahres! Rock 'n' Roll!

THE GUN CLUB
Da Blood Done Signed My Name
(Castle Music/Sanctuary)
Auch der 1996 früh verstorbene Jeffrey Lee Pierce und sein Gun Club beschäftigten sich von Los Angeles aus schon in den frühen 80er-Jahren in den Nachwehen des Punk mit der Erforschung der musikalischen Wurzeln des Rock 'n' Roll. Wer von der Band schon alles hat (vor allem die drei ersten Alben: Fire Of Love, Miami und The Las Vegas Story!), was wirklich jedem schwer anzuraten ist, der heute die White Stripes für genial hält, hier neue Schätze aus den Archiven. Neben Demo- und ersten Studioaufnahme aus 1980 und '81 beinhaltet die Doppel-CD vor allem auch einen wilder Liveauftritt aus 1982. Die beste Zeit dieser Band. Danach begann der Schnaps den Mann zu trinken, wie der Chinese sagt.

TUNNG
Good Arrows
(Full Time Hobby/Edel)
Das mittlerweile vom Duo zum Sextett aufgestockte Londoner Kollektiv verbindet zwei musikalische Pole, die nicht weiter voneinander entfernt sein könnten. Auf stimmige Weise wird klassischer, versponnener und vertrackter, britischer Psychedelic-Kunstfolk der guten alten Canterbury-Schule (Fairport Convention, The Incredible String Band...) mit der sensiblen und harmonieverliebten Frickelelektronik der Weilheimer Morr-Music-Schule verwoben. Das geht sich wunderbar aus! Musik für modische Vollbart- und Blumen-am-Arsch-der-Hölle-Träger.

YOUNG MARBLE GIANTS
Colossal Youth
(Domino/Edel)
Das Gesamtwerk dieser großartigen Band aus Cardiff, Wales, die nur knapp drei Jahre von 1978 bis 1981 bestand, liegt nun als Doppel-CD vor. Der unterkühlte und emotionslose Gesang von Alison Statton trifft auf einen knackigen Bass, eine schrille Gitarre oder eine billige Orgel - und wird nur vom Klackern einer selbstgebauten Drum-Machine unterstützt. Minimalistischer, bis auf das Skelett abgenagter, wohlige Gänsehaut machender kammermusikalischer Pop, der immer noch aus der Zeit gefallen klingt. Man höre nur heute längst als Klassiker geltenden Schätze wie "Searching For Mr. Right", "N.I.T.A." oder "Wurlitzer Jukebox"! Mit dieser Musik wird übrigens heute der Beginn der damaligen Post-Punk-Ära datiert.

BLACK STROBE
Burn Your Own Church
(Playlouder/Edel)
Neben den derzeit allgegenwärtigen französischen Röck-en-Röll-Disco-Buben Justice die zweite französische Dancefloor-Band, die mit Backenbart, Cowboy-Boots einen auf strammer Maxi macht und mit einer Mischung aus Laufsteg-Chic und Motörhead-im-Kinderzimmer-Revolte die Clubs rocken will. Liest sich allerdings interessanter als es dann tatsächlich klingt. Reicht aber für Tempo 120 im Autobahn-Baustellenabschnitt unserer Wahl. Für Freunde der Münchner Dakar & Grinser oder der Nine Inch Nails auf der Schmusecouch eine nette, absolut identisch klingende Abwechslung. Ach ja, die Coverversion von I'm a Man, ursprünglich aus der Pranke von Muddy Waters, verdient eigentlich einen Satz warme Ohren. (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.8.2007)

  • Heavy Trash
    foto: cruchy frog/trost

    Heavy Trash

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