"Albertina-Chef bis zur Pension"

6. September 2007, 18:47
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Klaus Albrecht Schröder im Interview über die Transformation der ehemaligen "graphischen Sammlung"

Soeben wird Herbert Batliners Moderne-Pinakothek von Vaduz nach Wien transportiert – als Dauerleihgabe für die Albertina. Direktor Schröder verteidigt gegenüber Thomas Trenkler seine Strategie.

STANDARD: Sie haben unlängst die wertvollen Sammlungen Batliner und Forberg an Land gezogen – und zeigen nun alles: Alte Meister wie Moderne, Gemälde wie Grafik. Im Vorwort zum Katalog für die Ausstellung "Von Monet bis Picasso" (ab 14. September) verteidigen Sie die "Transformation" der Albertina von einem Sparten- zu einem generellen Kunst museum. Stehen Sie angesichts der Debatte um eine Neuordnung der Bundesmuseen aufgrund von Doppelgleisigkeiten unter Legitimationsdruck?

Schröder: Nein. Die Albertina ist ein Universalmuseum, das sechs Jahrhunderte Kunstgeschichte – von der Gotik bis zur Gegenwart – abdeckt. Und die Sammlung ist von seiner Geburtsstunde an von der zeitgenössischen Kunst geprägt. Ich rufe das in Erinnerung – nicht um einer Rechtfertigung willen, aber um die Konsequenz dieses Handelns zu zeigen. Zudem geht es nicht nur um die Fortsetzung eines Kurses, sondern auch um einen Neuanfang durch die Etablierung einer Schausammlung. Die Sammlungen Batliner und Forberg verzahnen sich perfekt mit unseren Beständen.

STANDARD: Vor ein paar Jahren war es Ihr Ziel, entweder mit dem Kunsthistorischen Museum oder mit dem Belvedere zu fusionieren. Das ist gescheitert. Also schaffen Sie sich mit Batliner und Forberg Ihre eigene Gemäldesammlung ...

Schröder: Das ist sehr salopp formuliert. Aber es stimmt: Das Alleinstellungsmerkmal Grafik hat sich als die Achillesferse der Albertina herausgestellt. Und weil wir unsere Bestände nur zeitlich befristet zeigen können, aber ein permanentes Programm anbieten müssen, wird mit diesen beiden Sammlungen Druck herausgenommen: Wir reduzieren Wechselausstellungsflächen – und erhöhen die Flächen für die Schausammlung.

STANDARD: Wir haben also nun vier Museen, die sich mit der Klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst beschäftigen: Belvedere, Leopold Museum, Mumok, Albertina.

Schröder: Das Mumok hat in den letzten 20 Jahren keine einzige Ausstellung zur Moderne gemacht. Weder gab es dort eine Matisse- oder Beckmann-Ausstellung, noch gab es eine Ausstellung zum Surrealismus oder zum Kubismus oder zum Dadaismus. Das Mumok ist ein Museum zeitgenössischer Kunst mit dem Schwerpunkt Aktionismus. Und wenn wir einen Aktionisten präsentiert haben, dann deshalb, weil Günter Brus sich in der Kunst der Zeichnung versteht. Wir sollten froh sein, dass sich derart viele Museen mit der Gegenwartskunst beschäftigen: Sie hat einen Umfang angenommen, den kein Museum allein auch nur an nähernd abdecken kann.

STANDARD: Was aber zur Folge hat, dass Angelika Kaufmann, deren 200. Todestag heuer gefeiert wird, überhaupt nicht in Wien präsent ist.

Schröder: Angelika Kaufmann war charmant und umworben, aber als Künstlerin epigonal bis ins Innerste. Und: Unsere Lassnigs und Rainers, Nitschs und Schmalix' klagen zu Recht, dass sie mit keinem einzigen Werk in den Bundesmuseen hängen. Das ändert sich eben mit unserer Schausammlung der Kunst nach 1970. Generell: Trotz der hohen Investitionen in den letzten 15 Jahren fehlen den Museen noch immer Ausstellungsflächen!

STANDARD: Sie sagten vor vielleicht fünf Jahren, man müsse Ausstellungsfläche vom Markt nehmen, weil die Konkurrenz in Wien zu groß ist.

Schröder: Das würde ich zum Teil noch immer sagen. Mir geht es jetzt aber nicht um Flächen für Wechselausstellungen, sondern für Schausammlungen. Und die bauen wir eben auf, um die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts darstellen zu können.

STANDARD: Auch dadurch ändert sich das Profil der Albertina. 1923 wurden die Museen neu geordnet: Die Albertina gab ihre Ölgemälde ab – und erhielt, von nun an "graphische Sammlung", von den anderen Museen deren Grafikbestände. Etwas Ähnliches könnte auch jetzt wieder verordnet werden.

Schröder: Ja, aber diese Entscheidung, ein Spartenmuseum zu machen, hat zur schwersten Krise der Albertina geführt, zu einem Besucherschwund ins Bodenlose. In der heutigen Zeit ist eine Trennung nach Sparten kunsthistorisch und künstlerisch obsolet. Zudem: Im Mumok hängt derzeit kein Matisse, kein Warhol, kein Rauschenberg. Denn das Museum ist viel zu klein, um seine wesentlichen Bestände permanent zu zeigen. Es bringt daher gar nichts, die 20.000 Werke der Moderne und zeitgenössischen Kunst der Albertina ins Mumok zu schieben! Ich kann auch nicht den Vorwurf nachvollziehen, dass die Bundesmuseen kein eindeutiges Profil hätten. Die Unverwechselbarkeit unserer Häuser ist schon durch deren starke historische Gravitationskraft gegeben. Aber ich will nicht leugnen, dass es Überschneidungen gibt. Um das zu vermeiden, brauche ich aber nicht die Sammlungen zerlegen und neu zusammensetzen! Und es gibt noch einen Aspekt: Durch die Hereinnahme soll die Sammlung Batliner geschlossen erhalten bleiben – als Vermächtnis, immerwährend und unveräußerlich.

STANDARD: Immerwährend? Ich dachte, die Dauerleihgabe ist an Ihre Person geknüpft ...

Schröder: Sie kann nach zehn Jahren aus triftigen Gründen gekündigt werden. Aber das wird keiner wollen, der halbwegs bei Sinnen ist. Und sie kann gekündigt werden, wenn ich das Haus vorzeitig verlasse. Aber ich weiß nicht, warum ich es verlassen sollte.

STANDARD: Sie bereiten eine große Van-Gogh-Ausstellung vor. Da ist die Sammlung Batliner, über die Sie die Verfügungsgewalt haben, sehr hilfreich: Sie können die Picassos und Monets verleihen – um im Austausch Bilder zu bekommen, die Sie ansonsten nicht bekommen hätten.

Schröder: Das ist ein wichtiger Aspekt: Kunst zur Verfügung zu haben, die international gefragt ist. Es wird also durch die Sammlung Batliner leichter, Bilder zu bekommen.

STANDARD: Mit einer Cézanne-Schau haben Sie sich vor acht Jahren vom Kunstforum verabschiedet. Und van Gogh könnte das Sprungbrett für eine neue Herausforderung sein: Demnächst wird das KHM frei.

Schröder: Es ist nicht mein Lebensziel, immer Häuser im Augenblick ihrer tiefsten Krise zu übernehmen. Da halte ich lieber ein Museum, das derart erfolgreich auf Schiene gebracht wurde, auf Track. Es ist mein Ziel, als Albertina-Chef in Pension zu gehen. Und ich füge hinzu: Ich habe nicht vor, in Frühpension zu gehen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.8.2007)

Zur Person
Klaus Albrecht Schröder, geboren 1955 in Linz, war von 1988 bis 1999 Gründungsdirektor des Kunstforums der BA-CA. Sein Vertrag als Albertina-Chef läuft 2010 aus.
  • Die Ausstellungsfläche der Albertina hat nun bald ihre größtmögliche Ausdehnung erreicht: Direktor Klaus Albrecht Schröder posiert für den Standard im rekonstruierten "Spanischen Appartement", das demnächst eröffnet wird.
    foto: standard / robert newald

    Die Ausstellungsfläche der Albertina hat nun bald ihre größtmögliche Ausdehnung erreicht: Direktor Klaus Albrecht Schröder posiert für den Standard im rekonstruierten "Spanischen Appartement", das demnächst eröffnet wird.

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