Die Sache mit dem verflixten Geld

1. Oktober 2007, 15:28
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Geld ist eine phantastische Erfindung. Allerdings ist sie mit Umlaufschwierigkeiten verbunden - Von Helmut Creutz

Geld ist eine phantastische Erfindung. So wie mit dem Rad der Transport der Güter auf eine vorher unvorstellbare Weise vereinfacht wurde, wird mit Geld der Tausch erleichtert. Ohne seine Erfindung wäre unser heutiger Wohlstand nie möglich geworden.

Beide Erfindungen - Rad und Geld - waren aber von Anfang an mit Umlaufschwierigkeiten verbunden. Während sie beim Rad schon lange überwunden sind, kommt es beim Geld heute noch zu Umlaufsunterbrechungen und partiellen Blockierungen. Dabei kennen doch alle das Sprichwort vom Rubel, der rollen muss.

Mit Blockierungen ist nicht das Sparen bei den Banken gemeint. Das dort geparkte Geld kommt über Kredite in den Kreislauf zurück. Gemeint ist das Zurück- und Festhalten von Geld, das zu Unterbrechungen oder Verzögerungen der Nachfrage führt. Aufgeschobene Nachfrage hat liegen bleibende Angebote zur Folge, ein Herunterfahren der Produktion und damit der Beschäftigung. In letzter Konsequenz führt zurückgehaltenes Geld zu Arbeitslosigkeit.

Wie kommt es zu den Blockierungen?

Geld ist - im Auftrag des Staates von der Notenbank herausgegeben - eine öffentliche Einrichtung. Nicht nur als "gesetzliches Zahlungsmittel", sondern auch als allgemein geltender Wertmaßstab und Tauschvermittler. Als Tauschvermittler ist es aber den einzutauschenden Gütern und der Arbeit überlegen: Es verdirbt nicht, wird nicht alt und das heißt, wenn man Geld übrig hat, ist die Versuchung groß, es für später aufzuheben, womit es jedoch für andere nicht verfügbar ist.

Wozu es bei Blockierungen öffentlicher Einrichtungen kommt, erleben wir täglich im Straßenverkehr. Dort drohen uns beim Parken auf der Fahrbahn Strafgebühren und für die Nutzung öffentlicher Parkplätze müssen wir zeitbezogene Gebühren zahlen. Beim Geld hingegen wurde das Prinzip auf den Kopf gestellt. Beim Geld werden die Blockaden mit Zins belohnt. Das heißt, Teilnehmer im Geldverkehr, denen das zurückgehaltene Geld fehlt, müssen dem Blockierer eine Freigabeprämie zahlen. Und deren Höhe wird sogar vom "Spielverderber" bestimmt: Erscheinen ihm die gebotenen Zinsen zu gering, dann wartet er, und den Geldnachfragern bleibt nichts anderes übrig als mehr zu bieten.

Was sind die Folgen?

Die Freigabe des Geldes über Zinsen verursacht einen dauernden Einkommensstrom, der ohne reale Gegenleistung von den Geldleihern zu den Geldverleihern fließt, und damit letztlich von der Arbeit zum Besitz. Dieser Zinsstrom nimmt aber nicht mit dem Wirtschaftswachstum zu, sondern mit der Masse der Geldvermögen und Schulden, die, bedingt durch Zins- und Zinseszinseffekt, immer schneller wachsen. Daraus erklären sich sowohl die eskalierenden Spannungen zwischen Arm und Reich als auch die globale Überflutung der Welt mit Anlage suchenden Geldersparnissen. Lagen in Deutschland der 1950er Jahre die von den Banken ausgeschütteten Zinsen an die Sparer erst bei zwei bis drei Prozent der Nettolöhne, hatten sie im Jahr 2000 mit 293 Milliarden Euro bereits die Hälfte dieser Lohneinkommensgröße erreicht.

Besonders problematisch ist dabei, dass sich diese Zinsströme, auf Grund des Überwachstums der Geldvermögen, immer mehr als Einnahmen bei einer Minderheit konzentrieren. Dorthin fließt auch das Gros der vom Staat gezahlten Zinsen, die seit 1970 bis heute von drei auf 66 Mrd. Euro angestiegen sind. Und da diese Zinsen auf Grund der heute möglichen künstlichen Verknappung des Geldangebotes nie auf Null fallen können, geraten alle Volkswirtschaften in ein Dilemma: Entweder mit weiterem Wachstum die Umwelt zerstören oder ohne Wachstum den sozialen Frieden. Am Ende beider Alternativen stehen Kampf und Krieg.

Was ist zu tun?

Wer ein Problem lösen will, muss bei seinen Ursachen ansetzen. Die Ursache des Geldproblems sind die dauernd positiven Zinsen, die auch dann noch erpressbar sind, wenn die Volkswirtschaften die Sättigungsgrenzen erreicht haben. Überwindbar ist diese Fehlentwicklung durch Kosten für die Geldhaltung bzw. auf die Zahlungsmittel. Diese Lösung, von Silvio Gesell vor rund hundert Jahren entwickelt, hat auch der wohl bekannteste Ökonom des vergangenen Jahrhunderts, John Maynard Keynes, aufgegriffen. In seinem 1937 erschienenen Hauptwerk "Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" schreibt er, dass eine solche Geldhaltegebühr, neben einer Verstetigung des Umlaufs, der "vernünftigste Weg sein (würde), um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden."

Für eine historische Umsetzung dieser Forderung steht das in der "Blüte des Hochmittelalters" über einige Jahrhunderte in Mitteleuropa verwendete Dünnblechgeld, Brakteaten genannt, das ein bis zwei Mal im Jahr "verrufen" und gegen Abschlag eingetauscht werden musste. Und aus dem vergangenen Jahrhundert ist vor allem "das Wunder von Wörgl" bekannt, bei dem die Gemeindeverwaltung in der Krise der frühen 1930er-Jahre ein Notgeld einführte und damit die Arbeitslosigkeit senken konnte.

Die heute sich vermehrt bildenden Regio-Geld-Initiativen greifen diese Beispiele auf und regen damit auch zur Befassung mit unseren Geldproblemen an. In der Praxis dürften sie jedoch nur dann zu merkbaren regionalen Verbesserungen führen, wenn sie - wie seinerzeit in Wörgl - zumindest von den Gemeinden mitgetragen und als Zahlungsmittel anerkannt werden. Ansonsten sind die Nachteile eines solchen Zweitgeldes kaum auszugleichen.

Zur Person
Helmut Creutz, 1923 in Aachen geboren, zählt zu den Gründungsmitgliedern der Alternativen Liste und der Grünen in Aachen und Nordrhein-Westfalen (NRW). Seit 1982 arbeitet er als Wirtschaftsanalytiker und Publizist. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählen u. a. "Die 29 Irrtümer rund ums Geld" und "Das Geldsyndrom - Wege zu einer krisenfreien Marktwirtschaft".
  • "Es lindert die NOt, gibt Arbeit und Brot": Notgeld der Marktgemeinde Wörgl aus dem Jahr 1932.
    foto: unterguggenberger institut wörgl

    "Es lindert die NOt, gibt Arbeit und Brot": Notgeld der Marktgemeinde Wörgl aus dem Jahr 1932.

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