"Second Life": Wenn Avatare leise weinen

16. Oktober 2007, 11:41
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Petition für die Würde der toten Bewohner der virtuellen Welt - Auch in anderen Communities zahllose "Accountleichen"

"Second Life" verheißt eine neue Form von virtuellem Leben. Tatsächlich aber wird dort vor allem gestorben: 82,4 Prozent der 9,1 Millionen Avatare, die dort bisher angelegt wurden, haben in den vergangenen 60 Tagen keinen Gebrauch von ihrer Existenz gemacht. Viele haben kurz mal hinein geschnuppert in die virtuelle Welt, sind dann aber nicht wiedergekommen. Dieser toten Avatare hat sich jetzt die Berliner Internet-Künstlerin Susanne Berkenheger und ihre "Accountleichenbewegung" angenommen.

"seit tagen schon höre ich das leise heulen"

"seit tagen schon höre ich das leise heulen der unsichtbaren, untoten avatare", schreibt Avatar Muji Zapedzki alias Berkenheger in ihrem Blog. "heute bin ich sogar einem auf den fuß getreten (newberlin 218,207,31). bis die sonne aufging, blies mir sein eisiger hauch in den nacken." In der SL-Zentrale der Accountleichenbewegung findet sich allerdings kein Friedhof von Avataren, sondern nur ein Müllplatz mit den von ihnen hinterlassenen Relikten: Reklametafeln, umgekippte Bäume, zum Verkauf stehende Häuser und weggeworfene Prims, wie die kleinste Baueinheit von Objekten im SL-Sprech genannt wird.

Respekt

Linden Lab, die kalifornische Betreiberfirma von "Second Life" (SL) mache Werbung mit gigantischen Nutzerzahlen, sagt die Gründerin der "Accountleichenbewegung". Daher sollten auch die nicht mehr genutzten Avatare in irgendeiner Form sichtbar gemacht werden. Für den "Kampf gegen die visuelle Unterdrückung von Accountleichen" hat die 44-Jährige eine Petition gestartet: "Die Unterzeichner fordern, dass Linden Lab die Würde aller Avatare respektiert. Dazu gehört unserer Ansicht nach, dass Linden Lab keine einmal von liebender Hand erstellten Avatare in der Datenbank vergammeln lässt."

Beerdigung

Anders als die unzähligen Avatare, die sang- und klanglos dahinscheiden, hat Li Guyot sein Leben als Avatar stilvoll beendet. Auf dem Friedhof "Memorial Park" hat er einen Grabstein hinterlassen mit seinem Foto und einer Abschiedsbotschaft: "Ich verlasse SL, um in mein wirkliches Leben zurückzukehren - und leider werde ich nicht zurückkommen."

Zwangsversteigerung

Auf die Initiative Berkenhegers hat Linden Lab zwar noch nicht reagiert. Im offiziellen SL-Blog wird aber bereits heftig diskutiert, was mit Land von Avataren geschehen soll, die sich nicht mehr blicken lassen. Hier will Linden Lab die Besitzer der verschwundenen Avatare mit einer Mail anschreiben und eine Versteigerung des Besitzes vorschlagen.

Selbst ein Forschungsprojekt der Kulturstiftung des Bundes beschäftigt sich unter Hinweis auf sinkende Nutzerzahlen von Second Life mit der Frage, ob aufgegebene Grundstücke in Second Life einfach so gelöscht "oder mit digitaler Landwirtschaft" für ein Third Life genutzt werden können. Und "wohin migrieren die ehemaligen User von Second Life?" Für die Klärung solcher Fragen startete das Projekt "Schrumpfende Städte" jetzt den Wettbewerb "Reinventing the Virtual City - Die virtuelle Stadt neu denken". Kluge Antworten werden bis Mitte November erbeten - natürlich in Form "einer "realen Intervention in Second Life".

AFK

Derweil wirbt die "Accountleichenbewegung" für den Kauf von T-Shirts, die einen Avatar mit gesenktem Kopf zeigen - die typische AFK-Haltung ("Away From Keyboard") der längere Zeit inaktiven Figuren. Avatar-Aktivistin Berkenheger, die sich bisher vor allem mit Hypertext-Literatur beschäftigt hat, will das Projekt im nächsten Schritt von SL auf nicht mehr genutzte Accounts in anderen Internet-Communities wie eBay, Flickr oder Xing ausweiten.

Im Anlegen von Accounts für die verschiedensten Web-Portale sieht Susanne Berkenheger eine "Multiplizierung des eigenen Selbst". Solange es im Internet keinen "einzigen Account für alles" gebe, seien Accountleichen unvermeidlich. "Im Grunde ist eigentlich jeder eine Accountleiche." (APA)

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    screenshot: derstandard.at
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