Die Mikrowelt mit Gefühl erforschen

15. September 2007, 15:00
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Brigitte Weiss war jahrzehntelang die einzige weibliche Professorin für Physik an der Universität Wien

"Frauen forschen mit mehr Fingerspitzengefühl und sind deswegen mitunter erfolgreicher als Männer, die stets analysieren wollen."

Brigitte Weiss war jahrzehntelang die einzige weibliche Professorin für Physik an der Universität Wien, hat alle Männerintrigen gemeistert und untersucht die Mikrowelt über das Pensionsalter hinaus. Ein Porträt von Gastautorin Teresa Arrieta.

Ausbildung: Studium der Materialwissenschaften Montanuniversität Leoben, Studium der Physik Universität Wien.
Position: Professorin i.R.
Branche: Angewandte Grundlagenforschung für Physik.

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In Österreich hat ihr die Weite gefehlt und der Urwald – denn Brigitte Weiss hat ihre Kindheit in Indonesien verbracht, und dort die Natur intensiv und wild erlebt. "Der Dschungel begann hinterm Haus und die Affen haben mir beim Schlafen zugeschaut, es war wunderschön", erinnert sich die Physikprofessorin an ihre paradiesische Kindheit. Mit dreizehn musste die Familie jedoch die Heimkehr nach Österreich antreten, denn die Mutter strebte eine gute Ausbildung für ihre Tochter an: Statt einer Villa mit Dienerschaft musste man sich nun mit der Enge einer Wohnung in Leoben zufrieden geben. "Aber als junger Mensch ist das kein Problem", sagt Brigitte Weiss resolut. Ein Lächeln und eine Ausstrahlung, als wäre ihr Leben ein einziger Siegeszug gewesen. Nur die Milde in ihren Augen offenbart viel Verständnis für menschliche Schwächen – das kommt wohl daher, dass auch sie einiges an Härten erlebt hat und sich früh behaupten musste: Weil ihre Familie ihr kein Studium in den Bundeshauptstädten finanzieren konnte, inskribierte sie, die immer schon technisch interessiert war ("Von Kindheit an hat mich die Eisenbahn mehr interessiert, als die Puppen") Materialwissenschaften an der Montanuniversität Leoben.

Durchs Studium gekämpft

Zwei Frauen unter 150 Studenten - Brigitte Weiss freundete sich prompt mit ihrer Mitstreiterin an, gemeinsam hantelten sie sich durchs Studium. "Was machst denn du da, suchst eh nur an' Mann", habe ihr ein Kollege gleich zu Beginn entgegengeschleudert. Gewettet habe sie dann mit ihm, dass sie ihr Studium abschliessen wird, nach erfolgreichem Abschluss musste derselbe ihr dann ein Sektfrühstück bezahlen. "Schwierigkeiten waren für mich immer ein Ansporn", lacht die Forscherin und wirkt dabei wie ein Fels in der Brandung.

Einfach war die Studienzeit fürwahr nicht: Von den Professoren wurde sie anfangs nicht ernst genommen, ihr Vater weilte noch in Indonesien, ihre Mutter war ihr einziger Rückhalt, verzagt hat sie jedoch nie: "Ich hab meine Probleme immer selbst gelöst." Und diese Lösung hieß: Lernen, lernen, lernen, zeigen, dass man fähig ist, "dann kann einem niemand weh tun". Nach Abschluss des Studiums gelang der Zielstrebigen doch noch der Sprung nach Wien, um Physik zu studieren. Auch hier stieß sie auf dieselben Schwierigkeiten, denen sie aber mit viel Ehrgeiz und Optimismus begegnete. Nach dem Doktorat ging die angehende Professorin in die USA, um ihre Ausbildung zu vervollständigen ("Dort war ich auch die einzige Frau").

Neid und Missgunst vonseiten der Männer

In der Zwischenzeit hatte sie geheiratet und eine Tochter bekommen, ihre Mutter begleitete sie damals als Babysitterin auf ihre amerikanische Reise. Danach konnte Weiss in Wien habilitieren und wurde außerordentliche Professorin am Wiener Universitätsinstitut für Materialphysik. In jene Zeit fielen auch die härtesten Kämpfe: "Sobald man Erfolg hat und aufsteigt, wird man den Männern zur Konkurrenz, dann beginnen Neid, Missgunst und Intrigen", erinnert sie sich an diesen spannungsgeladenen Lebensabschnitt. Doch auch damals konnte ihr niemand ihren Optimismus nehmen, Courage setzt sich letztendlich durch. Zur Karriere verhalf ihr auch die Mutter, die stets die Kinderbetreuung übernahm. Beruflich hat sich die Physikerin ihr Leben lang der Erforschung von Materialeigenschaften gewidmet, und dabei immer in industrierelevanten Bereichen geforscht.

Die Geheimnisse von Materialien in kleinen Dimensionen

Ihr Spezialgebiet war die Ermüdungsforschung: Die Lebensdauer von Werkstoffen unter schwingender Belastung (Flugzeug- und Autoteile) aber auch im Menschen (Hüftprothesen aus Spezialwerkstoffen). Die letzten zehn Berufsjahre widmete sich Brigitte Weiss dann der Erforschung der Mikrowelt: Beispielsweise die Lebensdauer von Stents – zwei Millimeter kurze Hightech-Röhrchen, die in verstopfte Herzadern platziert werden. Daraus entwickelte sich ihr aktuelles Forschungsgebiet in enger Zusammenarbeit mit der Industrie: Die Wissenschaftergruppe um Brigitte Weiss testet die Eigenschaften von kleinstdimensionierten Materialien, Schaltkreise in Handylautsprechern oder Sensoren der Autoelektronik. Ihr Forscherteam hat neue Messverfahren entwickelt, um die Belastbarkeit dieser Minisysteme bis hin zur Nanotechnologie zu prüfen: Wie diese auf Hitze und Kälte reagieren, und wie lange sie zuverlässig funktionieren.

Heute sind Untersuchungen von Brigitte Weiss und ihren Mitarbeitern gefragter denn je, so dass sie über die Pension hinaus ohne Honorar weiter forscht. Ihre privaten Leidenschaften Sport und Reisen kommen dabei zu kurz, wie sie bedauernd feststellt. Ihr Lebensmotto? "Niemals aufgeben, es geht immer weiter. Ich war in allen schwierigen Lebenslagen meist optimistisch und kraftvoll."

Gastautorin Teresa Arrieta ist freie Journalistin und Ö1-Sendungsgestalterin.

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www.w-fforte.at
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    foto: privat
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