"Übermäßiger Erfolgsdruck geht wider die menschliche Natur"

22. September 2007, 07:00
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Virenforscherin Karin Möstl findet, dass der extremer werdende Leistungsstress auf Kosten der Kreativität geht - ein Porträt

"Wer Karriere machen will, kommt mit einer üblichen 40 Stunden-Arbeitswoche nicht durch, für Frauen mit Kindern ist das ein Handicap."

Virenforscherin Karin Möstl kämpft mit der Zeit, findet, dass der extremer werdende Leistungsstress auf Kosten der Kreativität geht, verhilft Frauen zur Karriere und erklärt, wieso man bei Rindern zuschlagen muss. Ein Porträt von Gastautorin Teresa Arrieta.

Position: Leiterin der "Klinischen Virologie" und Departmentsprecherin des Departments für Bildgebende Diagnostik, Infektions- und Laboratoriumsmedizin der Veterinärmedizinischen Universität Wien.
Ausbildung: Studium der Veterinärmedizin in Wien.
Branche: Veterinärwissenschaft

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Karin Möstl zählt zu Österreichs führenden VirologInnen in der Veterinärmedizin und hat eine beachtliche Universitätskarriere absolviert, aber sie musste oft die Zähne zusammenbeißen. Es gab "schwierige" Jahre. Etwa, als ihre Tochter in der Pubertät war und sie selber ungeplante fünf Jahre lang die interimistische Leitung des Universitätsinstituts übernehmen musste. Ein ständiger Zeitkampf sei es gewesen, mit "wahnsinnig viel schlechtem Gewissen auf beiden Fronten". Natürlich müssten Frauen dieselbe Möglichkeit zur Karriere erhalten, wie Männer. Aber diese Theorie dann in der Praxis mit dem Familienleben zu vereinen, sei schwer. Wie soll frau zu karrierenotwendigen Arbeitsmeetings gehen, die nach Dienstschluss gegen 17.30 Uhr beginnen, wenn das Kind zur selben Zeit vom Kindergarten abgeholt werden muss? Karriere ohne Mehraufwand ist nicht möglich, so die bittere Erkenntnis. Dennoch hat Karin Möstl es geschafft, alles unter einen Hut zu bringen. Wobei sie ihre fulminante Laufbahn nie angestrebt hat: Ein bisschen unverhofft sei sie da "hineingestoßen" worden, dann jedoch habe sie den sich auftuenden Weg gern beschritten und sich "voll hineingestürzt".

Vom "Mauserl" zur Frau Professor

Veterinärmedizin studierte sie, um Tieren zu helfen. Die Frauenquote war damals, vor dreißig Jahren, noch niedrig, die Aufstiegschancen gering. Kommentare wie: "Na Mauserl, kannst des wieder net", machten die Haltung deutlich, die Frauen von Seiten einiger Lehrenden entgegengebracht wurde. Zugute kam ihr, dass sie gleich zu Studienbeginn ihren zukünftigen Mann kennen lernte, der ihr über die ärgsten Hürden hinweghalf. Denn die Rechtsanwaltstochter war zwar seit ihrer Kindheit mit Pferden vertraut, hatte jedoch den Umgang mit Nutztieren wie Rindern oder Schweinen nie gelernt. Ein Umstand, den damals an der Universität niemand verstand. Schwer fiel ihr vor allem das Blutabnehmen: Während man beim Pferd "gefühlvoll in die Vene sticht", muss man beim Rind "zuschlagen", um die dicke Haut zu durchbohren.

Einige Zeit übte Karin Möstl mit ihrem Mann – einem Tierarztsohn, bis sie ihre Hemmschwelle überwunden hatte. Nach dem Studium wollte sie eigentlich an einer Universitäts-Tierklinik arbeiten, doch es wurden keine Frauen genommen. Begründung: Diese können sich bei den Wärtern nicht durchsetzen – eine Aussage, die damals auf allgemeinen Konsens stieß. Der Posten auf der Virologie, der ihr stattdessen angeboten wurde, markierte dann den Startschuss für ihre Karriere.

In die Karriere hineingerutscht

Karin Möstl arbeitete als Universitätsassistentin bis die Tochter zur Welt kam. Das darauf folgende Jahr blieb sie zu Hause, "sicher eines der schönsten Jahre". Geplant war damals, dass ihr Mann, der ebenfalls an der Vetmed arbeitete, habilitieren sollte und sie nebst familiären Pflichten "halt auch gerne am Institut war". Dann jedoch "passierte" ihr der Karrieresprung: Aus heiterem Himmel beschloss ihr Chef: "Sie habilitieren." Ihre Zweifel wischte er vom Tisch und sobald sie Frau Professor geworden war, emeritierte er – ebenfalls sehr überraschend.

Die darauf folgenden Jahre als interimistischer Institutsvorstand waren Arbeitsstress pur, die heranwachsende Tochter kam damals zu kurz, bedauert die Virologin heute. Erst nach der Spaltung des Institutes aus fachlichen Gründen und ihrer Bestellung zur Leiterin des somit neu gegründeten "Instituts für klinische Virologie" konnte sie aufatmen und sich ihrem persönlichen Forschungsschwerpunkt widmen: Die Forscherin aus Leidenschaft befasst sich mit krankmachenden Eigenschaften von Viren, neuen Diagnoseverfahren und prophylaktischen Maßnahmen. Für "Coronaviren", die bei diversen Tierarten auftreten können und schwere Erkrankungen hervorrufen, gilt Karin Möstl als internationale Kapazität.

Frauenkarrieren fördern

Ein besonderes Anliegen ist ihr die Förderung von Frauen. Als ihre Tochter noch klein war, waren flexible Arbeitszeiten kein Thema. Das will sie als Chefin nun anders machen: Bis auf zwei Ausnahmen sind ihre großteils weiblichen Mitarbeiterinnen Mütter. Als Institutsleiterin sieht sie ein, "dass man, wenn ein Kind krank ist, nicht um acht Uhr da sein kann." Ja, sie bekenne sich dazu, Frauen, die sich für den Karriereweg entschieden haben, "mehr Chancen" ermöglichen zu wollen - und das bekomme man ja "absolut zurück": Ihr Institut für klinische Virologie zählt im internen Vetmed-Ranking zur absoluten Forschungsspitze, ein Umstand, den sie auf das besondere Engagement ihrer MitarbeiterInnen zurückführt.

Insgesamt erlebt sie die aktuellen Entwicklungen im Forschungsbereich mit gemischten Gefühlen. Der Druck sei enorm gestiegen. Gut sei es zwar, dass durch den verstärkten Wettbewerb mehr Forschungsleistung erbracht werden müsse. Aber der extreme Publikationszwang gehe auf Kosten der Kreativität. Auch fragt sich die Departmentsprecherin mitunter, "warum denn alles so schnell gehen muss". Der hohe Druck zu rasch erzielten Erfolgen und ständig steigender Leistung gehe "gegen die menschliche Natur", psychosomatische Beschwerden seien an der Tagesordnung. Auch die Tatsache, dass immer mehr Frauen, die sich zu einer Forscherkarriere entschließen, keine Kinder mehr bekommen, ist in ihren Augen keine gute Entwicklung.

Sie selber hat, seit die Tochter aus dem Haus ist, neue Freiheiten gewonnen. Geht mit ihrem Mann, der ebenfalls an der Veterinärmedizinischen Universität arbeitet, auf dem gemeinsamen Heimweg spätabends noch essen, jetzt ist das ja möglich. Und widmet sich ihrer Leidenschaft, dem Reitsport, als Ausgleich für die Seele. Reitexkursionen über eine Woche in Island gehören zum Schönsten, schwärmt Karin Möstl. Am wichtigsten ist, dass ausreichend Zeit für die Familie bleibt. Ein Herzenswunsch ist noch offen: Besonders freuen würde sich Karin Möstl über Familienzuwachs, wenn ihre Tochter sie "zur Großmutter machen sollte".

Gastautorin Teresa Arrieta ist freie Journalistin und Ö1-Sendungsgestalterin.

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www.w-fforte.at
Wirtschaftsimpulse für Frauen in Forschung und Technologie
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    foto: privat
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