"Frauen müssen aus Komfortzone"

8. September 2007, 21:42
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Neo-Unternehmerin Irina Korschineck entwickelt molekularbiologische Nachweismethoden und tätigt genetische Analysen für die Gerichtsmedizin - ein Porträt

"Ich hab mein Unternehmen Schritt für Schritt nach oben geführt, ohne fremdes Kapital, dafür mit sehr hohen Qualitätsansprüchen."

Irina Korschineck im Porträt - von Gastautorin Teresa Arrieta.

Ausbildung: Studium Biotechnologie, Universität für Bodenkultur, Wien.
Werdegang: Postdoc Medizinische Universität Wien & Applikationsspezialistin bei Applied Biosystems.
Gründerin von Ingenetix, 2003

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"Eines meiner Motive war, dass ich keinen Chef mehr wollte", erläutert Irina Korschineck die Gründe, die sie zur Selbstständigkeit bewogen. Sie sei eben ein sehr autonomer Mensch: "Es fällt mir schwer, Anordnungen von oben einfach auszuführen – ich diskutiere, hinterfrage und lasse mich danach auch überzeugen, nur: So funktioniert das in einer großen Firma nicht", erinnert sich die Biotechnologin an mitunter schwierige Zeiten als Angestellte. Bevor sie zur Gründerin wurde, arbeitete sie als Applikationsspezialistin für molekularbiologische Geräte in der österreichischen Niederlassung eines amerikanischen Biotechnologie-Unternehmens, zu dessen Kunden Pharmafirmen und Universitäten zählten. Sie führte die Klientel in die Anwendung der Geräte ein und versorgte sie auch mit den dazugehörigen chemischen Reagenzien.

Die Technik der molekularbiologischen Geräte hat Irina Korschineck schon seit dem Studium fasziniert: "Die Methodik war immer schon das Interessanteste für mich, das Geschehen im Labor, das technische Drumherum." Damals wurde der amerikanische Konzern Applied Biosystems auf ihre Talente aufmerksam. Sechs Jahre lang arbeitete sie in der österreichischen Niederlassung des Biotechnologie-Unternehmens, heute blickt sie mit gemischten Gefühlen auf diese Zeit zurück: Zwar konnte sie viel reisen und erleben, wie internationale Teamarbeit funktioniert. Auch erhielt die Gentechnik Spezialistin viel Anerkennung von Kundenseite aufgrund ihrer hohen fachlichen Expertise.

Unverschämtheit bei Gehaltsverhandlungen

Darüber hinaus profitierte sie von den erstklassigen firmenunterstützten Weiterbildungen im Bereich Marketing und Kommunikation. "Ich habe viel gelernt, was mir jetzt sehr zu gute kommt." Etwa, dass zu Beginn eines Vortrages Schweigen sinnvoll ist, wenn es gilt, das murmelnde Publikum zur Ruhe zu bringen. "Wenn man einfach wartet und nichts sagt, werden die Zuhörer von ganz alleine still. Und man hat schnell die ungeteilte Aufmerksamkeit auf seiner Seite", plaudert sie einen der damals erlernten Kommunikations-Tricks aus. Neben diesen Highlights innerhalb des Großunternehmens tat sie sich jedoch schwer mit den konzern-typischen Hierarchien, auch wurden ihr im Laufe der Jahre die Gehalts- und Karriereunterschiede zwischen Männern und Frauen immer deutlicher bewusst. "Männer erreichen Führungspositionen rascher und verdienen mehr, Frauen fehlt einfach die Unverschämtheit bei den Gehaltsverhandlungen", so ihr Fazit heute. "Aber wir müssen aus der Komfortzone heraus, mit fünf Prozent darf man sich nicht zufrieden geben."

Insgesamt fand sie es als Frau schlichtweg schwieriger, Karriere zu machen, und da sich die hoch Qualifizierte mit wenig nicht zufrieden geben wollte, wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit. Dabei wurde ihr von den damaligen Kunden stets Ermutigung und Unterstützung zuteil. Bis heute verdankt sie den steilen Aufwärtstrend ihres Unternehmens der Mundpropaganda, die auf die hohe Qualität ihrer Arbeit zurückzuführen ist.

Unerklärliches Expertenwissen

Den Kern ihrer heutigen Tätigkeit in allgemeinverständliche Worte zu kleiden, ist kein leichtes Unterfangen: Ingenetix tätigt einerseits genetische Analysen, beispielsweise Vaterschaftstests. Ein weiterer Bereich sind die Entwicklungen von so genannten molekularbiologischen Assays, u.a. die Etablierung neuer Nachweismethoden für seltene Viren und Bakterien. Mitunter lagern Industrie und Universitätsinstitute Teile eines Forschungsprojekts an Ingenetix aus, z.B. Analysen zur Mengenbestimmung von Nukleinsäuren (RNA/DNA) oder Nachweis von Polymorphismen (genetische Variabilität). Darüber hinaus vertreibt Ingenetix auch Testverfahren, welche gemeinsam mit Universitäten entwickelt wurden: "Es liegt viel Spezialwissen in Österreich brach, das nicht in der Schublade landen sollte", weiß die Biotechnologin.

Der Erfolg ihrer vor kaum dreieinhalb Jahren gegründeten Firma beruht auf rein weiblichem Know How, insofern passt der Firmenname Ingenetix ("Mit X, wie das X-Chromosom") perfekt. Denn Ingenetix wird zurzeit von einem reinen Frauenteam gestellt - und das ist kein Zufall: "Ich arbeite nur mit hoch qualifizierten Mitarbeitern. Unter diesen sind Frauen eher als Männer bereit, bei einem Start-up Unternehmen einzusteigen." Denn Männer haben auf dem von Ingenetix geforderten Qualifikationsniveau bereits anderwärtig Karriere gemacht und sind nicht so leicht abzuwerben.

Auf Expansionskurs

"Wir sind ein sehr gutes Team, das hart arbeitet, aber wir haben auch viel Spaß zusammen und das ist mir sehr, sehr wichtig", erklärt Irina Korschineck ihre Firmenphilosophie. "Ich kritisiere hart, aber ich teile auch Lorbeeren an meine Mitarbeiter aus - übrigens ist es umgekehrt genau so." Im Zuge der Firmengründung zog sie die ihr so wichtige Autonomie auch auf finanzieller Ebene durch und verzichtete auf jegliches Fremdkapital, um sich nicht in erneute Abhängigkeiten zu begeben. "Da hätte ich mich schon wieder rechtfertigen müssen dafür, wie ich die Dinge anpacke."

Irina Korschineck reduzierte stattdessen ihre Lebenserhaltungskosten und startete mit einem uralten Computer im Homeoffice, bis sie den Ankauf der teuren Biotechnologie Geräte selbst bestreiten konnte. "Ich hab die Firma völlig allein aus dem Boden gestampft und bin dabei kein großes Risiko eingegangen", sagt sie heute stolz, und der Erfolg gibt ihr Recht: Ingenetix wächst jedes Jahr um 35 bis 40 Prozent, alle 12 Monate kommt zumindest eine neue Mitarbeiterin dazu. Irina Korschinecks Zukunftspläne: Weiter auf Expansionskurs bleiben und in naher Zukunft einen männlichen Mitarbeiter einstellen "um auch der männlichen Gleichberechtigung eine Chance zu geben und so der genetischen Vielfalt genüge zu tun", verrät Irina Korschineck mit einem Augenzwinkern.

Gastautorin Teresa Arrieta ist freie Journalistin und Ö1-Sendungsgestalterin.

Link
www.w-fforte.at
Wirtschaftsimpulse für Frauen in Forschung und Technologie
  • Artikelbild
    foto: privat
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