Opfer der Subprimes und windiger "Engel"

27. September 2007, 16:32
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Nadine Bostic aus Elkridge im US-Bundesstaat Maryland hat sorglos auf windige Geldvermittler gesetzt, dann wurde sie von ihren "Rettern" um ihr Haus geprellt

Wenn der amerikanische Traum hässlich zerplatzt: Nadine Bostic aus Elkridge im US-Bundesstaat Maryland hat sorglos auf windige Geldvermittler gesetzt, der Immobilienmarkt schien eine ewige Bonanza zu sein. Dann wurde sie von ihren "Rettern" um ihr Haus geprellt.

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Elkridge - Es sind die Briefkästen, die als Erstes ins Auge fallen in der Duckey’s Run Road. Große Kästen auf massiven Holzpfosten. Es sind Statussymbole. Bei wem ein solches Unikum vorm Garagentor steht, der hat es geschafft. Der hat sich Amerikas schönsten Traum erfüllt, den vom eigenen Haus.

"Fünf Zimmer, drei Bäder, eine Doppelgarage", zählt Nadine Bostic auf. Der Besitzerstolz steht ihr ins Gesicht geschrieben. Seit 16 Jahren, als es gebaut wurde, wohnt sie in diesem Haus, in Elkridge, einer Siedlung im Speckgürtel um Washington DC. Als ihr Mann sich aus dem Staub machte, hatte sie den Klotz der Hypothek allein am Bein. Als sie dasaß mit Alia, ihrer achtjährigen Tochter. "Ich musste mein Leben neu ordnen. Aber das Haus aufgeben? Kam nicht in Frage." Das war leichter gesagt als getan. Die Schuldenlast drückte. 2300 Dollar hatte Nadine pro Monat an Zinsen und Tilgung zu berappen. Es war nicht zu stemmen für eine allein erziehende Mutter, die ein kleines Studio betreibt – Nagelpflege und Afrofrisuren. Prompt geriet Nadine mit den Zahlungen in Verzug. Ein hässliches Wort drängte sich in ihre Vorstadtidylle: "Foreclosure", Zwangsvollstreckung. Aber dann lernte sie Joy Jackson kennen, Geldvermittlerin, die ihre Dienste als "Foreclosure Rescue" pries.

"Wir regeln das!"

Peter Holland, Nadines Anwalt, beschreibt, wie die "Engel" argumentierten: "Sie haben Ihr Haus vor ein paar Jahren für 100.000 Dollar gekauft. Dann ist es jetzt mindestens 300.000 Dollar wert. Machen Sie sich keine Sorgen, wir regeln das." Es klang glaubhaft, man schrieb das Frühjahr 2006, der US-Immobilienmarkt hatte fünf Jahre lang nur eine Richtung gekannt: nach oben. Goldgräberstimmung, Immobilien schienen eine unerschöpfliche Bonanza zu sein. Ein hoher Schuldenberg? Kein Problem! Die Preise stiegen, alle würden gewinnen, hieß es. Nadine, sagte Joy, bräuchte nur eine kurze Durststrecke zu überstehen. Für zwölf Monate müsste sie ihr Haus einem Investor borgen. Der würde an ihrer Stelle die Raten bezahlen, nach einem Jahr würde sie in der Schuldnerkartei wieder tadellos dastehen. Eine Bank würde ihr zu niedrigen Zinsen Geld leihen, ihr Zuhause käme nicht unter den Hammer. "Das war’s. Alle meine Gebete wurden erhört", sagt Nadine. Auch der Name des rettenden Engels klang gut: Metropolitan Money Store, Hauptstädtisches Geldkaufhaus. Bei Gospel Radio, wo sie religiöse Lieder senden, hatte sie erstmals davon gehört. Joy Jackson, die Chefin des Ladens, gewann auf Anhieb ihr Vertrauen. Im Büro hing das Zertifikat einer Verbraucherschutz-Organisation, des Better Business Bureau.

Und dann kippte im Frühjahr 2007 der Markt.

In den USA begannen die Immobilienpreise zu fallen. All die windigen Finanzkonstruktionen, die auf einen ewigen Aufwärtstrend spekulierten, wackelten bedenklich, bevor sie in sich zusammenfielen. Die Branche lockte Kunden, die null Eigenkapital hatten. Sie köderte sie mit Hypotheken zweiter Klasse ("Subprime Mortgage"), bei denen die Zinsen zwei Jahre niedrig blieben, ehe sie nach oben schnellten. Kaum jemand hatte das Kleingedruckte gelesen.

Michelle Jones auch nicht. Sie hatte sorglos eine solche Hypothek aufgenommen. Als sich ihr Zinssatz verdoppelte, stand sie vor dem Ruin. Auch sie landete bei Money Store. "Die gaben dir das Gefühl, als wären sie deine Familie. Entspann dich, ganz ruhig, wir machen das."

Bostic und Jones, beide Afroamerikanerinnen, hatten in Mietskasernen gewohnt, sehnten sich nach eigenen vier Wänden. "Du hast deine Freiheit. Deine Enkel werden dir dankbar sein. Den Kredit kannst du komplett von der Steuer absetzen. Ich würde nie wieder mieten", sagt Nadine Bostic noch heute. So ähnlich hatte ihre "Retterin" geredet.

Aber mit dem Papier, das sie so arglos unterschrieb, verborgte Nadine ihr Haus nicht an den "Investor". Sie vermachte es ihm. Sie erfuhr es sechs Monate später, als der "Investor" mit dem Zwangsvollstrecker drohte. Die nette Joy Jackson war inzwischen untergetaucht. Nadine ging zum Rechtshilfeverein Civil Justice in Baltimore. Dessen Anwälte basteln an einer Sammelklage gegen Money Store. 2008 kommt der Fall vor Gericht. Bis dahin darf Nadine Bostic unbehelligt in der Duckey’s Run Road wohnen. (Frank Herrmann, Elkridge, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.08.2007)

  • Nadine Bostic und Tochter Alina
    foto: standard

    Nadine Bostic und Tochter Alina

  • Ihr Lebenstraum Haus brach mit dem US-Häusermarkt zusammen, dann wurde sie noch von "Rettern" betrogen.
    foto: standard

    Ihr Lebenstraum Haus brach mit dem US-Häusermarkt zusammen, dann wurde sie noch von "Rettern" betrogen.

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