Filmischer Lichtblick in der Josefstadt

10. Oktober 2007, 10:54
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Mit dem Festival "Vision Film" will der Bezirk "cineastische Entwicklungshilfe" leisten, um nach über 15 Jahren wieder ein Kino in den Achten zu bringen

Dem Kinosterben wird ein anspruchsvolles Programm an vielen Orten entgegen gesetzt.

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Wien – Anfang der 1970er-Jahre gab es in der Josefstadt noch drei Kinos mit insgesamt 1200 Sitzplätzen – dann schlossen das Arkaden- und das Palastkino. Im Jahr 1990 sperrte mit dem Albertkino das letzte Kino im Bezirk zu.

Das Festival "Vision Film" soll nun die über 15-jährige Kinoabstinenz des 23.000 Einwohner starken Bezirks beenden und dem seit geraumer Zeit im Sterbebett befindlichen Programmkino neues Leben einhauchen: Bis zum 13. November werden an verschiedenen Orten über 60 Spiel-, Dokumentar- und Avantgardefilme gezeigt, 21 verschiedene Initiativen und Veranstalter sind mit eigenen Programmreihen beteiligt.

Gestartet wurde bereits am Montag, die offizielle Festivaleröffnung erfolgt am kommenden Freitag mit der russischen Experimentaldoku Der Mann mit der Kamera von Dziga Vertov (1929), der gleichzeitig die Großstadt-Filmreihe „Im Sog der Stadt“ einleitet. „Wir wollen dem kinoentwöhnten Publikum in der Josefstadt nichts Populistisches entgegen setzen, sondern ein anspruchsvolles Programm präsentieren“, umreißt Veranstalter Kurt Hoffmann die „Vision Film“. Unter diesem Motto werden Kurz- und Dokumentarfilme aus Österreich genauso gezeigt wie Kino aus Mittelamerika und der Türkei. Die Organisation Südwind ist mit einer Schiene zu Globalisierung und Migration vertreten, das Amateurfilmfestival „umna8et“ ruft die Josefstädter auf, ihre privaten Aufnahmen einzureichen. Begleitet wird das umfassende Programm von Diskussionen und der Ausstellung „Vorhang auf – Film ab“, die sich der Geschichte der Bilderwerfer und der Vorführer widmet.

Kinoqualität

Bei den Vorführungen, die hauptsächlich in der Bezirksvorstehung und im Museum für Volkskunde, aber auch in Parks und auf Plätzen stattfinden, wird bewusst auf „Kinoqualität“ Wert gelegt, wie Markus Trenker, Grüner Bezirksrat und Festivalinitiator, betont. „Das Festival ist ein einmaliges Experiment cineastischer Entwicklungshilfe, um das Kino wieder in die Josefstadt zu bringen“, formuliert er das Ziel des Festivals. Wenn das Publikum auf den Geschmack kommt, bestehe eine „realistische Hoffnung“ auf ein fixes Kino, Gespräche dazu seien bereits in Gang.

Möglich gemacht wurde das grün-rote Projekt in dem traditionell bürgerlichen Bezirk, in dem seit den Gemeinderatswahlen 2005 mit Herbert Rahdjian die Grünen den Bezirksvorsteher stellen, durch eine massive Erhöhung des Kulturbudgets: Wurden im Jahr 2005 noch 60.000 Euro bereit gestellt, stehen für das Jahr 2007 150.000 Euro oder 4,6 Prozent des Bezirksbudgets zur Verfügung. Damit hat die Josefstadt gemessen an den Gesamtausgaben das relativ höchste Kulturbudget. (Karin Krichmayr/DER STANDARD – Printausgabe, 28.8.2007)

Wissen:

Der achte Bezirk ist nicht der einzige, in dem es kein Kino mehr gibt. Auch die Bewohner der Bezirke 12, 13, 16, 17, 18, 19 und 23 müssen ohne lokales Kino auskommen. Insgesamt gibt es in Wien 39 Kinos mit 172 Sälen und 32.200 Plätzen. Um dem anhaltenden Kinosterben, dem auch viele Großkinos zum Opfer fallen, Einhalt zu gebieten, vergibt die Stadt Wien seit 1999 eine Kinoförderung für kleine und mittlere Kinos – 2007 300.000 Euro. (kri/DER STANDARD – Printausgabe, 28.8.2007)

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"Vision Film"

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    foto: bv josefstadt
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