Freudige Biennale-Turbulenzen

3. September 2007, 13:38
posten

Der chinesische Pavillon auf der Kunst-Biennale in Venedig bringt Kunst des Feminismus - Lebendig und fröhlich - Teil I

Über Öltanks hängen Yin Xiuzhens Flugobjekte aus Stoff, im Video verschwindet die nackte Kan Xuan von einem Denkmalsockel. Der chinesische Pavillon auf der Kunst-Biennale in Venedig bringt Kunst des Feminismus - lebendig und fröhlich. Eine Reportage von Kerstin Kellermann.

Aus dem Eingang des venezianischen Militärsperrgebietes, das eigens für die Kunst Biennale geöffnet wird, treten drei Kapitäne in blendend weißen Uniformen. Das Arsenale wirkt wie eine kleine, südliche Stadt mit den teilweise baufälligen Innenhöfen, dem hellen Kies und dem Labyrinth aus schmalen Gängen zwischen den Backstein-Gebäuden. Lavendel, Rosmarin und Oleander wachsen in Töpfen. Viele Biennale-BesucherInnen haben glasige Augen und diesen etwas entfernten Blick, der auf zu viel Kunstgenuss schließen lässt. Die gerade aus dem afrikanischen Pavillon kommen, schauen lebendiger aus.

"Ich bin die einzige Frau meines Lebens", steht auf einer Tafel. "Um was zu machen?", auf der nächsten. "Unruhe zu bringen in die feindliche Armee." "Um was zu machen?" Bili Bidjocka aus Kamerun stellt in seiner "Unendlichen Schreiberei" ("l'ecriture infinie 3/2007") die ewige Frage nach dem Sinn von Aktion und Ansporn. Auf Französisch klingt das viel besser: "Il faut poursuivre la lutte. Pourquoi faire?" Und ganz groß und quer über den Raum auf einem Transparent: "L'Art Africaine. Pourquoi faire?"

Verzerrungen und Vernähungen

Vor kurzem wurde im deutschen Magazin "Stern" kritisiert, dass ein bedeutender Teil der Afrika-Ausstellung aus der deutschen Sammlung Hans Bogatzke kommt, die der kongolesische Sammler Sindika Dokolo, der mit einer der reichsten Frauen Afrikas verheiratet ist, gekauft hat. Auffällig ist auf jeden Fall, dass zum riesigen Kontinent Afrika in Bezug auf die Künstlerinnen beinahe nur in Europa lebende Frauen afrikanischer Herkunft und einige weiße Frauen aus Afrika vertreten sind.

Ingrid Mwangi zeigt in der Serie "Masked" eine schwarze Frau, die ihr Gesicht verzweifelt in ihren Händen und Haaren vergräbt. Auf dem zweiten Video-Standstill flicht sich die Protagonistin eine Maske aus ihren langen Haaren. Auf dem dritten Bild steht die Frau aufrecht da und trägt eine dichte, schwarze Maske. Die in Kenia und Deutschland lebende Medienkünstlerin Mwangi will Barrieren aufbrechen, die durch Unterschiede, bedingt durch Gender oder soziale Kulturen, entstanden sind. Ghada Amer (Kairo/New York) stickt hingegen Abbildungen von Frauen aus Pornomagazinen nach und überlagert sie mit bunten Fäden und wilden Seilen. Sie überstickt und vernäht die Erotisierung von Frauenkörpern für Männer.

In einem fröhlichen Trickfilm verzerrt Minette Vari ihre eigene Tanzperformance mit Löwen, VW-Bussen und Helikoptern ins Groteske. Vari, die in Südafrika lebt, hinterfragt Identität als Referenz. Selbstironisch und neugierig blickt die Künstlerin während der Performance immer wieder in die Kamera. "Alien" (1998) heißt der Film.

Alltägliche Wunder

"Kan Yuan Ai!", hallt es durch den chinesischen Pavillon. Im Video läuft die Künstlerin Kan Xuan in den Gängen einer U-Bahn herum, rempelt die Passanten an und schreit immer wieder "Kan Yuan Ai!" Der Chinesische ist der einzige volle Pavillon der Biennale. Über riesigen rostigen Öltanks, die die Halle füllen, hängen die bunten Waffen von Yin Xiuzhen, 100 Stück pfeilähnliche Flugobjekte, alle in eine Richtung ausgerichtet. Die "Weapon TV Towers" sind aus Alltagssachen wie Stoffen gemacht. Yin nennt die Tanks "Öltrommeln".

Kurator Hou Hanru, der als nächstes die Biennale in Istanbul ausrichten wird, spricht von einem explizit feministischen Pavillon. "Chinas Modernisierung basierte auf einem sehr männlichen Blick auf die Welt", schreibt er im Katalog. "Hou Hanrus Entscheidung vier Künstlerinnen auszusuchen, hängt mit dem Konzept des nationalen Pavillons zusammen", meint Shen Yuan dazu. "Das kann als 'politisch korrekt' gelesen werden. Es gibt wenige Künstlerinnen in China. Männer und Frauen sind über den Feminismus verärgert, weil ja schon Gleichheit erreicht wurde."

Shen Yuan stellt im angrenzenden "Virgin Garden" Plastikskulpturen, wie einen überdimensionalen Schnuller oder rosa Plastikbrustwarzen, aus. In einem aufgeschnittenen blassgelben Babyfläschchen hängt ein Video, das die erste Reise von adoptierten Kindern in den Westen zeigt. Die Meisten der Adoptierten sind Mädchen und "handicapped". Drinnen in der Halle geht die Post ab. Ein Video von Kan Xuan heißt "In Focus, Out Focus", ein anderes "Happy Girl". Eine nackte Frau steht auf einem Podest in einem Wäldchen und macht verschiedene Heldenposen nach. Sie verschwindet immer wieder vom Bildschirm. "Sie erfinden die Welt neu, indem sie das Alltägliche selbst neu erfinden", schreibt der Kurator, als Begründung, dass der Pavillon den Namen "Everyday Miracles" trägt. "Kan Yuan" tönt es, "Ai", ruft eine Besucherin lachend.

Rhythmische Turbulenzen

Kleine Carabinieri-Schiffe und große Boote der Guardia Costiera liegen im verlassenen Arsenale-Hafen. Das Schiff der Guardia di Finanza schaut noch am schnittigsten aus. Rot und rostig steht der laut Tafel „letzte Überlebende“ von neun hydraulischen Kränen in der Landschaft. "The great Armstrong" stammt aus 1883 und wiegt über 100 Tonnen. Um die Ecke staut sich in der lang gestreckten Corderie die Hitze in den hohen Räumen mit spitzem Holzdach. „Der Schmerz der Utopie steht auf dem Fußboden einer Halle. Hinter einer Zinkwanne mit dunklem Industrieöl wird Valie Exports "…remote…remote…passagen" (1973/2007) gezeigt. Zwei Italienerinnen stehen mit verzerrten Gesichtern davor, in Erwartung des Schmerzes. Im Film schneidet sich eine junge Export mit langen orangenen Haaren mit einem metallischem Teppichmesser in die Finger und steckt die blutende Hand in eine Schüssel voller Milch, die sie am Schoß trägt. Eine Anspielung auf den Verlust ihrer Tochter, die sie wegen ihrer Performances an das Jugendamt abgeben musste? Wie Schmerz ausdrücken? Wie Muttermilch und Trauer? Unten im schwarzen Becken spiegelt sich das im Film verdrehte Wort "Passagen" im Öl.

Auf vier Video-Leinwänden bewegen sich Stimmritzen, die "Glottis". "Die Stimme, Medium des Begehrens, befreit sich vom Körper und wird zu einer Spur der Aufregung, die die Gedanken zurück lassen." Wenn man vor dem langen englischen Gedicht steht, das Valie Export zum Thema Stimme und Sprache geschrieben hat, klingen die unterschiedlichen Videos aus ihren Ecken wie extra für den musikalischen Eindruck zusammen gestellt. Vor einer rhythmischen Musik- und Sprach-Unterlegung ertönt immer wieder das Wort "Turbulenzen!". Die Kombination aus Video-Texten zusammen genommen klingt wie Minimal-Music oder beginnendes New Wave. "Sprech-Wellen sind Skulpturen", steht da. "Turbulenzen zerstören die Visionen." "Ich kann die sprechenden Stimm-Bänder sehen", spricht Export. "Sie öffnen und schließen sich, sie berühren sich im Rhythmus der Kraft.“ Die Utopie liegt hinter der Säule und tut weh.

Bei einer Performance zur Eröffnung der Biennale sprach Valie Export persönlich ihren Sprach-Text, mit einem durch die Nase und die Mundhöhle eingeführten Laryngoskop und einer in den Körper eingeführten Kamera, die ihre Stimmritzen filmte. "Meine Stimme spricht den 'split-body'. Meine Stimme ist die Spur meines individuellen Körpers, genauso wie die des sozialen Körpers. Sie näht die zwei Teile zusammen. Die Näh-Muster halten meine kurzfristigen Identitäten zusammen." Und an anderer Stelle: "Meine Stimme hat keinen Raum. Sie ist raum-los. Sie ist kein Raum." (dieStandard.at, 27. August 2007)

Links

Ein Fenster ist keine Grenze - Teil Zwei der Biennale-Reportage

La Biennale di Venezia
Die 52. Internationale Kunstausstellung trägt den Titel "Think with the Senses – Feel with the Mind. Art in the Present Tense". Sie ist noch bis 21. November geöffnet.

  • Ingrid Mwangi, Masked (2000)Video artwork, 2'28''
    foto: courtesy sindika dokolo african collection of contemporary art
    Ingrid Mwangi, Masked (2000)
    Video artwork, 2'28''
  • Ghada Amer, not about orange (2007) Acrylic, embroidery and gel medium on canvas. 91 x 106 cm
    bild: courtesy sindika dokolo african collection of contemporary art
    Ghada Amer, not about orange (2007)
    Acrylic, embroidery and gel medium on canvas. 91 x 106 cm
  • Minnette Vári, Alien (1998)digital video (DVD), single channel projection, video 52'', stereo audio 2'14''
    bild: courtesy sindika dokolo african collection of contemporary art
    Minnette Vári, Alien (1998)
    digital video (DVD), single channel projection, video 52'', stereo audio 2'14''
  • Yin Xiuzhen,  Armoury (2007)
Sizes: 800x4000x400(cm), Material: Cloth
    bild: biennale
    Yin Xiuzhen, Armoury (2007)
    Sizes: 800x4000x400(cm), Material: Cloth
  • Valie Export, "Remote, Remote..." (1973)16 mm film, b/w and color, sound, duration 12 min
    bild: archive valie export
    Valie Export, "Remote, Remote..." (1973)
    16 mm film, b/w and color, sound, duration 12 min
Share if you care.