Zehn Festnahmen im Mordfall Politkowskaja

3. September 2007, 11:30
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Offiziere des Innen­ministeriums sollen am Mord an der Journalistin beteiligt gewesen sein - Auftraggeber würden aber im Ausland sitzen

Offiziere des russischen Innenministeriums sollen am Mord an der Journalistin Anna Politkowskaja beteiligt gewesen sein. Die Hintermänner seien aber im Exil lebende Oppositionelle, sagt der Generalstaatsanwalt.

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Moskau/Wien – Die Ermordung der russischen Journalistin vor zehneinhalb Monaten Anna Politkowskaja ist nach Ansicht der obersten Anklagebehörde von Feinden der russischen Führung im Ausland gesteuert worden. Die Spur führe zu Oppositionellen im ausländischen Exil, sagte Generalstaatsanwalt Juri Tschajka am Montag.

Zehn Verdächtige seien festgenommen worden, darunter ehemalige und aktive Offiziere des Innenministeriums und des Geheimdienstes FSB. Sie seien Teil einer Moskauer Organisation unter Führung eines Tschetschenen, die auch mit den Morden an dem US-Journalisten Paul Klebnikov im Jahr 2004 und an Vize-Zentralbankchef Andrei Koslow im vergangenen September in Verbindung gebracht werde.

„Die Person, die den Mord anordnete, lebt im Ausland“, sagte Tschajka zum Fall Politkowskaja bei einer Pressekonferenz. Auf die Frage, ob er dabei an den in London im Exil lebenden Multimillionär Boris Beresowski denke, lächelte Tschajka, gab aber keine Antwort. Die Auftraggeber hätten eine Destabilisierung des Landes angestrebt, gab sich der Chefankläger sicher.

Die Moskauer Attentäter seien von einem aus Tschetschenien stammenden Kriminellen angeführt worden, sagte Tschajka. Er erwarte, dass rasch Anklage gegen die Festgenommenen erhoben werde. Leider gehörten zur Gruppe auch frühere und jetzige Mitarbeiter der Sicherheitskräfte, bedauerte Tschajka.

Bei der Zeitung Nowaja Gaseta, für die die vor ihrer Wohnung hinterrücks erschossene Politkowskaja geschrieben hatte, freute man sich über die Festnahmen. Ob der Mordanschlag tatsächlich aufgeklärt sei, wollte man aber nicht bewerten. Politkowskajas Freunde hatten immer wieder den Verdacht geäußert, dass ihr die schonungslos kritischen Artikel über Verbrechen der tschetschenischen Machthaber zum Verhängnis geworden seien.

Die Hauptverdächtigen wurden immer im Dunstkreis von Ramsan Kadyrow, den Statthalter des Kremls in Tschetschenien, vermutet.

Boris Beresowski als Auftragsgeber kommt dagegen nicht allen geheuer vor. 83,5 Prozent der Anrufer des russischen Echo Moskwy bezweifelten Montagabend in einer Blitzumfrage die offizielle Version. Auch Oleg Panfilow vom „Zentrum für Journalismus in Extremsituationen“ schließt nicht aus, dass der Staat angesichts des näher rückenden Jahrestages der Ermordung Fragen mit positiven Meldungen zuvorkommen will.

Der Kreml-Kritiker Beresowski war auch schon für den qualvollen Gifttod der Ex-Spions Alexander Litwinenko verantwortlich gemacht worden. (Eduard Steiner/DER STANDARD, Printausgabe, 28.8.2007)

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    Nach dem Mord machten Demonstranten den Kreml verantwortlich.

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