"Exote ist noch nicht ausgereift"

16. Oktober 2007, 15:28
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Christa Kranzl, Staats­sekretärin für Innovation und Schifffahrt, im STANDARD-Interview über die Zukunft des Forschungsrats, fehlen­des Geld und ihr Problemkind Seibersdorf

STANDARD: Wissenschaftsminister Johannes Hahn lässt eine neue Forschungsstrategie ausarbeiten. Macht sich jetzt jedes Ministerium eine eigene, damit jeder machen kann, was er will, und damit ungestört Geld verteilen kann?

Kranzl: Nein. Es gibt die Strategie 2010 des Rats für Forschung- und Technologieentwicklung, und es gibt eine entsprechende Strategie im Infrastrukturministerium, die sich im Doppelbudget 2007/2008 niederschlägt. Wir entwickeln keine neue Strategie, sind aber offen für einen intensiven Dialog über Verbesserungen. Bei Minister Hahn geht es meines Wissens um ein Grünbuch.

STANDARD: Der Forschungsrat wird dadurch sicher nicht gestärkt, sondern weiter demontiert. Wann wird er aufgelöst?

Kranzl: Der Rat für Forschung und Technologieentwicklung wird sicher nicht aufgelöst. Er hat nach wie vor eine beratende Funktion für die Bundesregierung, seine Expertise ist uns sehr wichtig.

STANDARD: So wichtig kann er nicht sein. Der Rat darf keine Empfehlungen mehr für die Mittelverteilung abgeben, seine Strategie 2010 wird durch die Ministerien laufend konterkariert, und es wird sogar offen der Austausch einzelner Ratsmitglieder diskutiert. Welche Rolle soll er künftig spielen?

Kranzl: Ich wiederhole mich: Er ist ein Beratungsgremium, auf dessen Expertise wir keinesfalls verzichten wollen. Es wird auch in Zukunft keine Mittelvergaben ohne Forschungsrat geben. Was in anderen Ministerien geplant ist, weiß ich nicht.

STANDARD: Jedes Ministerium macht, was es will, Wettbewerb gibt es nicht um die besten Köpfe und im Einsatz der begrenzten Fördermittel, sondern vor allem zwischen den Ministerien, nämlich jenen, wer die bessere PR-Maschine hat und den anderen aussticht – Stichwort Klimafonds. Das ist ja peinlich und schadet auch noch der Forschung.

Kranzl: Jetzt sind Sie ungerecht. Es gibt ein halbes Jahr nach der Regierungsbildung vielleicht Abstimmungsprobleme, aber wir haben ein gemeinsames Ziel, das ist im Koalitionsübereinkommen fixiert. Beim Klimafonds ist Konsens, dass ein Drittel der insgesamt 500 Millionen Euro bis 2010 in Forschung und Entwicklung geht, das empfehlen auch alle Experten. Ein Drittel ist für den öffentlichen Nahverkehr, also Maßnahmen zur Verkehrsreduzierung, und das dritte Drittel für Marktdurchdringung und Bewusstseinsbildung, zum Beispiel für das Energiesparen.

STANDARD: Der Wissenschaftsminister fordert rund acht Prozent für Grundlagenforschung. Findet das Ihre Zustimmung?

Kranzl: Das diskutieren wir noch. Klar ist, dass der größte Teil in die Entwicklung neuer Technologien zur Steigerung der Energieeffizienz, in Solarenergie und Maßnahmen zur Eindämmung des Hausbrands gehen muss. Heuer und 2008 hängt es natürlich vor allem auch davon ab, welche projektbezogenen Entwicklungen überhaupt vorliegen.

STANDARD: Stichwort "Exote", die vom Forschungsrat vorgeschlagene Prämie für exzellente Forschungsgruppen und -projekte. Was soll das bringen, das ist ja wieder Gießkanne und kostet 75 Millionen Euro.

Kranzl: Es stimmt, Exote ist absolut nicht ausgereift. Wir werden deshalb eine Arbeitsgruppe einsetzen und diskutieren, ob das sinnvoll ist. Das hat auch der Forschungsrat vorgeschlagen. Außerdem gibt es "Comet", das neue Kompetenzzentrenprogramm, das explizit auf exzellente Projekte abgestellt ist. Budgetär geht 2007 und 2008 allerdings nichts mehr.

STANDARD: Ihr größter Problemfall ist das Forschungszentrum Seibersdorf. Dort sind die Gemeinkosten auf 14 Prozent des Umsatzes explodiert, es gibt 170 Mitarbeiter in der Verwaltung. Wo sparen?

Kranzl: In der Privatwirtschaft sind nicht mehr als acht bis zehn Prozent Gemeinkosten üblich. Die Gemeinkosten müssen runter, das ist richtig. Aber: Die wissenschaftliche Exzellenz der Austrian Research Centers ist gegeben, dem muss jetzt die wirtschaftliche folgen. Anfang September sollen die Businesspläne vorliegen. Es muss auch gelingen, auf dem riesigen Gelände in Seibersdorf innovative Betriebe anzusiedeln. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.08.2007)

Zur Person
Christa Kranzl (47) war bis 1991 Standesbeamtin in Persenbeug-Gottsdorf, gründete mit ihrem Ehemann eine Tischlerei und war ab 1999 in Niederösterreich Landesrätin (SPÖ) für Schulen, soziale Verwaltung und Konsumentenschutz. Seit Jänner ist die Mutter zweier Söhne als Staatssekretärin für Innovation, Forschung und Schifffahrt zuständig.
  • Will insbesondere die tausenden Klein- und Mittelbetriebe zu Forschung und Innovation motivieren: SPÖ-Staatssekretärin Christa Kranzl. 
Foto: Hendrich
    foto: standard/regine hendrich

    Will insbesondere die tausenden Klein- und Mittelbetriebe zu Forschung und Innovation motivieren: SPÖ-Staatssekretärin Christa Kranzl. Foto: Hendrich

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