STANDARD-Interview: Der letzte Strohhalm der Fatah

4. September 2007, 14:17
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Nahostexpertin Muriel Asseburg: Ohne Einbindung der Hamas sind alle Fortschritte gefährdet

Auch wenn der Westen Zugeständnisse an die Fatah macht: Ohne Einbindung der Hamas sind alle Fortschritte gefährdet, sagt die Nahostexpertin Muriel Asseburg zu András Szigetvari.

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STANDARD: Der Westen versucht die Menschen im Gazastreifen durch Boykottmaßnahmen spüren zu lassen, dass die Hamas die falsche Wahl war, schreiben Sie in einem Forschungspapier. Wohin führt diese Taktik?

Asseburg: Zunächst einmal dahin, dass sich die sozioökonomische und humanitäre Situation für die Menschen extrem verschlechtert. Dass die EU etwa in den vergangenen Tagen aufgehört hat, den Treibstoff für den Gazastreifen zu finanzieren, hatte gewaltige Auswirkungen auf die Bevölkerung. Die Generatoren liefen nicht mehr, es konnte kein Wasser mehr gepumpt werden. (Die EU hat die Treibstofffinanzierung wieder aufgenommen, Anm.)

Ob diese Taktik die Folgen zeitigt, die man gerne hätte, ist fraglich. Es ist sicher so, dass viele Menschen im Gazastreifen die internationale Isolation auch der Hamas anlasten. Sie sagen: Ihr schafft es nicht, uns aus der Blockade rauszubringen. Aber ob die Menschen durch diese Politik moderater werden, bezweifle ich stark.

STANDARD: Die Hamas signalisiert Gesprächsbereitschaft mit der Fatah, diese lehnt aber eine Annäherung ab. Warum?

Asseburg: Es gibt Kräfte in der Fatah, die sagen, dass der Dialog wieder aufgenommen werden muss. Das ist aber nicht die Linie, die der Präsident (Mahmud Abbas) und der Premierminister (Salam Fayad) verfolgen. Die Fatah hat die Hoffnung, dass sie über die Kooperation mit den USA und jetzt auch mit Israel ihre Position ausbauen und sich gegenüber der Hamas durchsetzen kann. Also wenn man so will, sehen die Fatah-Leute ihren letzten Strohhalm in der Kooperation mit dem Westen, weil sie sonst Angst haben, die Kontrolle zu verlieren.

STANDARD: Kann die Taktik der Fatah aufgehen?

Asseburg: Momentan sieht es so aus, also ob sich relativ viele Interessen in der Region überlappen, sodass die Fatah bis zu einem gewissen Maße mit dem Ansatz erfolgreich sein könnte. Die israelische Führung dürfte jetzt tatsächlich Interesse daran haben, Fortschritte in einem Prozess zu erzielen, der in Richtung Endstatusverhandlungen geht. Auf der anderen Seite haben wir die moderaten arabischen Staaten – Ägypten, Jordanien und bis zu einem gewissen Grad auch Saudi-Arabien –, die auch Interesse daran haben, die Fatah zu stärken.

Und wir haben in den USA eine Administration, die Interesse an Fortschritten hat, damit sie überhaupt irgendwo im Nahen Osten etwas Positives aufweisen kann. Das Hauptproblem ist aber, dass, wenn man die Kräfte, die man als Vetoakteure sieht – also die Hamas, aber auch Syrien –, nicht in so einen Prozess einbindet, man nur Fortschritte schafft, die jederzeit umgeworfen werden können.

STANDARD: Wie weit wird Israel bei dieser Annäherung gehen?

Asseburg: Israel geht es jetzt darum, einen politischen Horizont zu schaffen. Ob man dann bereit ist, die Konsequenzen zu ziehen, was heißen würde, aus dem Westjordanland 60.000 bis 70.000 Siedler zu evakuieren, da habe ich keine großen Hoffnungen. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.8.2007)

Zur Person
Muriel Asseburg (39) leitet die Forschungsgruppe Naher Osten und Afrika bei dem Berliner Thinktank Stiftung Wissenschaft und Politik.
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