Kolonialwaren im Schrebergarten

12. September 2007, 16:02
posten

Beim indischen Greißler auf Lindøya, der "Kleingarteninsel" im Oslofjord

Jarnail Singh Virk hat geflaggt: Außer der Eisreklame hängen neben der Ladentür die rot-blau-weißen norwegischen Farben in der lauen Sommerluft. Er fasst um das silbern glänzende Armband an seinem Handgelenk, sein Turban sitzt perfekt. Zufrieden streift sein Blick von der kleinen Veranda vor dem Eingang aus über die Blaskapelle, die Kinder und Erwachsenen in Sonntagsstaat und Trachten, die versammelte Bevölkerung des 41 Hektar großen Eilands Lindøya im Oslofjord. Jarnail Singh Virk aus dem nordindischen Batala lächelt, er winkt vergnügt einem Nachbarn zu, dem Lindøya zur Sommerheimat geworden ist - genau wie dem 55-Jährigen selbst.

Sein achter Sommer auf der Insel geht nun zu Ende, im Jahr 2000 haben Jarnail Singh und seine Frau Davinder Kaur "Lindøya Kolonial" übernommen, den Inselladen. Das Geschäft ist in einem lang gestreckten roten Holzhaus in der Inselmitte untergebracht, es gibt Blumenerde, Grillkohle, Eis am Stiel, tiefgefrorenes Rentiergeschnetzeltes - alles, was der Sommerhäusler braucht. Denn Lindøya, nur eine Viertelstunde Fährfahrt vom Vippetangen-Kai entfernt, ist eine "hyttekoloni", wie die Norweger sagen: eine Siedlung von 300 meist einstöckigen gelben, grünen, blauen und roten Holzhäusern.

Wie ein Mann aus dem Panjab zum Greißler in diesem norwegischen Wochenend- und Sommerferien-Paradies wird? "Ich kannte den vorigen Besitzer, einen Norweger", erzählt er lapidar. Als Tourist besuchte er das Land 1972 zum ersten Mal, in dem sein Bruder und einige Bekannte aus der indischen Heimat sich niedergelassen hatten.

Clash of cultures? Jarnail Singh schüttelt den Kopf. Die Norweger seien ein gebildetes, ein zivilisiertes Volk. "Ist man nett zu ihnen, dann sind sie auch nett zu einem." Auch an das raue skandinavische Klima kann man sich gewöhnen, findet er. "Gefroren haben wir nur ganz am Anfang, im Winter. Jetzt ist das kein Problem mehr." Beim Grillfleisch jedoch, das er seinen Kunden verkauft, muss er sich zurückhalten - Sikhs sind Vegetarier. Und die felsigen Badebuchten, das charmante kleine Schwimmstadion von Lindøya, Jarnail Singh und Davinder Kaur nutzen sie nicht. Im salzigen Meer zu schwimmen, das ist nicht ihre Welt.

Sonne heißt Arbeit

An Ostern beginnt die Saison für "Lindøya Kolonial", an sieben Tagen in der Woche ist der Laden den Sommer über geöffnet. "Das ist harte Arbeit, Freizeit haben wir im Sommer keine", sagt Davinder Kaur. "Alle Waren müssen mit dem Boot von Oslo herübergebracht und dann vom Anleger hierher geschafft werden." Denn wenn das Wetter gut ist, dann läuft auch der Laden gut - und dann bleiben die beiden über Nacht in ihrem Häuschen auf der Insel. Das macht das Leben leichter, als es bei der morgendlichen Anreise mit Auto und Fähre aus der Stadtwohnung in Grorud wäre. Im September wird aufgeräumt für den Winter, den die beiden in Indien verbringen. Es gibt Prozente auf Frolic und Krabbensalat, zwischen Würstchensenf und Substral wischen Jarnail Singh und Davinder Kaur die Regalgänge. "Vi skal ha det rent og pent", erklärt sie, es ist eine typisch norwegische Redensweise: Wir wollen es hübsch sauber haben. Dazu klimpert aus den Lautsprechern Sithar-Musik. Man kann im 21. Jahrhundert auch auf Lindøya indisches Radio empfangen.

Zwei Welten in ein Leben zu packen, das gelingt ihnen heute offenbar ohne große Mühe. Wie lange sie den Inselladen noch führen werden, darüber wollen sie nicht spekulieren. In beiden Ländern aber wollen er und seine Frau auch nach der Pensionierung leben. "Das ist am besten", sagt Davinder Kaur knapp, und Jarnail Singh nickt dazu. Denn immer wenn sie in Indien sind, dann freuen sie sich auf das fette grüne Gras und das Kiefernwäldchen auf Lindøya, auf die klare Luft, die Schreie der Möwen, die Windjacken und die vom Wind rot gefärbten Gesichter der Norweger. Warum sollten sie darauf verzichten, zumal ihre sanfte Strategie nicht mit der eigenen Generation endet? "Meine Enkel, die werden ganz bestimmt sehr gute Skiläufer!", sagt Jarnail Singh schon jetzt voraus. (Sebastian Balzter/Der Standard/Printausgabe/25./26.8.2007)

Zum Vippetangen-Kai fährt Bus 60 vom Osloer Hauptbahnhof. Lindøya-Ost (Skytterbrygga) steuert von dort die Fähre 93 an, Fähre 92 bedient Lindøya-West (Romerbrygga). Aktuelle Fahpläne unter trafikanten.no

"Lindøya Kolonial" liegt in der Mitte zwischen beiden Anlegern und ist am Sonntag nur bis 16 Uhr geöffnet, jeden anderen Tag länger.

Info: Visit Oslo


Die aktuellsten Reisethemen gibt es wöchenlich im Reise- Newsletter. Abonnieren sie hier den Reise-Newsletter
  • In fünfzehn Minuten gelangt man mit der Fähre vom Hafen    Oslos auf die sechs Inseln
    foto: balzter

    In fünfzehn Minuten gelangt man mit der Fähre vom Hafen Oslos auf die sechs Inseln

Share if you care.