Journalistische Kriterien

26. September 2007, 15:10
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Die interessanteste Frage im Rahmen der "Sommergespräche" des ORF ist die nach den journalistischen Kriterien ...

Wenn die "Sommergespräche" des ORF, längst zu einer Pflichtübung in politischer Information von eher dürftigem Informationsgehalt herabgesunken, diesmal bisher eine interessante Frage aufgeworfen haben, dann war es die, was unter so genannten journalistischen Kriterien zu verstehen sei. Ich verstehe, dass manche Zeitungen mit der Form, die Elmar Oberhauser für die Sommergespräche gewählt hat, nicht einverstanden sind, gab sich Generaldirektor Alexander Wrabetz in einem Interview mit "News" verständnisvoll.

Und auf die Frage nach einem im "Standard" kritisierten angeblichen Naheverhältnis ORF und Raiffeisen fuhr er fort: Diese Kritik bezog sich auch auf die Einladungspolitik von Elmar Oberhauser. Er hat nach rein journalistischen Kriterien ausgewählt. Wir haben aber nicht nur in Bezug auf die Politik, sondern auch zu den Printmedien in diesem Land eine äquidistante Haltung erreicht.

In der "Kleinen Zeitung" vom 16. August sprang Oberhauser mit der ihm eigenen Subtilität seinem Chef zur Beantwortung der Frage, was besagte rein journalistische Kriterien für ihn bedeuten, mit folgender Äußerung bei: Erstens kann man über die Qualität der Zeitungen stundenlang diskutieren, das ist ja ein selbst ernannter Anspruch. Ich habe nur fünf Gespräche, so gibt es auch nur die Möglichkeit, fünf Zeitungen zu berücksichtigen. Es wurde eben diese Auswahl getroffen. Beim nächsten Mal wird 's anders sein.

Man könnte diese Antwort in einem Wort zusammenfassen - "schmeck's!" -, womit im Sinne des Generaldirektors eindeutig definiert wäre, was sein Mitarbeiter unter rein journalistischen Kriterien versteht, und woran sich auch nichts ändert, wenn er im nächsten Satz anfügte: Da werden der ,Standard' und die ,Presse' dabei sein und die Geschichte ist erledigt. Oder auch nicht, denn niemand kann wissen, was herauskommt, wenn Oberhauser, vorausgesetzt er moderiert beim nächsten Mal noch die Sommergespräche, über die Qualität der Zeitungen wiederum stundenlang diskutieren muss - mit wem tut er das eigentlich? -, um zu einer Entscheidung zu kommen, die sich von der eines Wolfgang Fellner wenigstens in einigen Details unterscheidet.

Ob sich der ORF in seinem Qualitätsanspruch mit einem Moderator, der erst nach stundenlanger Diskussion über die Qualität der Zeitungen zu einem Ergebnis kommt, für das andere ORF-Mitarbeiter keine Minute bräuchten, und dann zu dem bekannten, ist Wrabetz' Problem, man muss darüber ebenso wenig stundenlang diskutieren wie über die in diesem Land - wo sonst? - erreichte äquidistante Haltung zu den Printmedien. Wenn Fellner dem ORF schon vorkaut, dass "Österreich" die beste Zeitung ist, warum dann noch stundenlang über einen selbst ernannten Anspruch diskutieren, wo es doch, bei recht verstandener Äquidistanz nur ein Anspruch ist, der sich selbst ernennt, und nicht etwa einer, den sich Fellner selbst zuerkennt. Über derart feine Unterschiede könnte man stundenlang diskutieren, aber wozu, wenn Wrabetz ohnehin versteht, dass manche Zeitungen mit der Form, die Elmar Oberhauser für die Sommergespräche gewählt hat, nicht einverstanden sind.

Wenigstens zwei Leserbriefschreiberinnen der "Presse" hat Christian Ortner mit seiner Tirade gegen den nahezu obszönen Anblick von vermummten Frauen aus dem Orient in Wien (Blattsalat vom Dienstag) bis Donnerstag aus der Seele gesprochen. Für mich als Frau ist es jedes Mal eine Zumutung, in meinem schönen Wien, im Herzen unseres Gott sei Dank aufgeklärten Europas, den Scharen von Vermummten begegnen zu müssen, schrieb eine Leserin aus ihrem schönen Spittal an der Drau. Warum sie Burka statt Prada ausgerechnet als Frau als eine Zumutung empfindet, und zwar jedes Mal, blieb zwar offen, Ortner habe aber ausgesprochen, was sich viele nicht zu sagen getrauen, um nicht gleich in das rechte Eck gestellt zu werden. Einer muss es ja machen, was auch eine Münchnerin als wohltuend empfand, die beklagte, dass sich zu Hause nahezu das gleiche Stadtbild biete.

Ein Grazer regte zu mathematischer Betrachtung an. Nimmt man den Prozentsatz freier Körperfläche der Wiener Touristen und fittet diese mit der dafür nahe liegendsten statistischen Verteilung, wird sich vermutlich zeigen, dass Vermummte mit Augenschlitz im Donauturm-Café als ebenso weit weg von der Mitte angesehen werden können wie solche in Badehose oder Bikini und das Vollvermummte aus den selben Gründen beim Durchschnittsgast zu vergleichbaren Gefühlen Anlass geben können wie der "Nackerte im Hawelka".

Herr Ortner hat mein Beileid, denn solche Sätze sind normalerweise Textvorlage für Stammtische im Würgegriff kleinformatiger Zeitungen, nahm ein anderer den Schreiber ernster. Und ein dritter: Unglaublich, wie viel Hass und Intoleranz sich hier ihre Bahn brechen. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 25./26.8.2007)

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    foto: orf
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