Kleinste Teilchen, große Profite

3. September 2007, 13:08
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Erst Minus-Ionen, nun Nanotechnologie - Japans Elektronik­konzerne rüsten Föhne, Klimaanlagen oder Zahn­bürsten technisch auf

Ob die Dinge wissenschaftlich halten, was sie versprechen, darf bezweifelt werden.

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Haben Sie schon einmal von so genannten Minus-Ionen gehört? In Europa steigen die wundersamen negativ geladenen Teilchen bisher eher nur aus esoterischen Armbändern auf, um ihre gestressten und von bösen positiv geladenen Ionen bombardierten Träger zu erfrischen. In Japan hingegen sind Minus-Ionen bereits seit der Jahrtausendwende ein absolutes Marketing-Muss für Haushaltselektronik- und selbst Autohersteller.

Staubsauger, die nur saugen, Klimaanlagen, die nur die Luft kühlen, Föhne, die nur die Haare trocknen, sind in Japan kaum noch verkäuflich. Sie müssen mindestens gleichzeitig die Raumluft mit einer Anionenbrise in Meeres- oder Waldluft verwandeln. Unermüdlich erklären die Vermarkter, dass sich in Stadtluft nur 500 Minus-Ionen pro Kubikzentimeter finden, während auf dem Land 1000 bis 2000 dieser Teilchen in einem Kubikzentimeter Atemluft die Menschen vitalisieren. Im Gebirge 3000 und an Wasserfällen und in der Meeresbrandung gar bis zu 50.000.

Luftvitamine

Die Anreicherung der Raumluft durch die oft als "Vitamine der Luft" bezeichneten Teilchen sollen demnach neben Allergien, Asthma oder Heuschnupfen auch Ängste, Depressionen und Stresssymptome lindern. Die guten Ionen binden böse Pollen und Bakterien und reinigen so die Luft. Wie sehr, zeigt die japanische Wikipedia-Ausgabe. Unter "Ma-i-na-su-i-o-n" gibt es einen 17.000-Zeichen-Eintrag mit fast 50 Fußnoten zu Geschichte, Mythos und Wirklichkeit des Phänomens.

Dass ausgerechnet Japans Elektronikkonzerne die Werbemacht der kleinsten Teilchen erkannt haben, ist kein Wunder. Denn rund ein Dutzend japanischer Großunternehmen kämpft mit einem steten Strom an Innovationen um die Gunst der 127 Millionen Japaner. Den Höhepunkt erreichte der Hype bereits 2002. Seither hat sich die Bewegung verselbstständigt. Inzwischen widmen sich neben den Herstellern zwei mehr oder weniger wissenschaftliche Organisationen der Aufgabe, immer neue Anwendungsgebiete für Ionen zu entdecken.

Das neueste Produkt ist eine elektrische Zahnbürste von Panasonic, die Zahnbelag mit Minus-Ionen zu Leibe rücken will. Sie sollen die elektrische Bindung von Zahnbelag senken und so der Bürste die Reinigung erleichtern.

Neu: Nanoe-Ionen

Doch da Minus-Ionen inzwischen üblich sind, toppt Panasonic die Rivalen nun mit "Nanoe-Ionen". In der Wortschöpfung der Marketing-Abteilung ist alles enthalten, was irgendwie gut klingt. "Nano" für Nanotechnologie, "e" für Elektronik und eben die (Minus-)Ionen.

Wissenschaftlich gesehen verbirgt sich hinter dem Kunstbegriff die elektrostatische Zerstäubung von Wasser in 20 Nanometer große Tropfen, verrät der zuständige Forscher Toshiyuki Yamauchi. Diese Nanoe-Ionen sind mit einem PH-Wert von 5,5 besondere hautverträglich und würden besonders gut schlechte Gerüche vernichten und bänden - besser als Minus-Ionen - Schmutz, Pollen und Viren.

Österreichische Forscher zeigen sich etwas skeptischer. Der Grazer Nanophysiker Joachim Krenn, neuer Leiter des Instituts für Nanostrukturierte Materialien, hält den japanischen Ionen-Hype für einen genialen Werbegag, an dem wissenschaftlich nichts dran sei. Ähnlich sieht das sein Wiener Kollege Peter Weinberger von der TU Wien, will aber nicht ausschließen, dass die klei-nen Teilchen Auswirkungen haben. PseudowissenschaftsExperte Ulrich Berger von der WU Wien wiederum verweist auf ältere Untersuchungen über Minus-Ionen, die positive Effekte gezeigt hätten - allerdings je nach Person sehr schwankende.

Panasonic hat die neuen Nanoe-Ionen-Zerstäuber jedenfalls in Föhne eingebaut, die der Konzern mit einem Preis von fast 100 Euro rund 30 Euro teurer als einen Minus-Ionen-Föhn der Konkurrenz verkaufen kann. Vor zwei Wochen folgten Luftbefeuchter- und -reiniger. Kein Wunder, dass Panasonics Haushaltsgerätesparte zu den profitabelsten der Welt gehört. (Martin Kölling aus Tokio/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 8. 2007)

  • Alles nur ein Werbegag? Japanische Firmen statten Zahnbürsten, Klimaanlagen und Föhne mit Minus-Ionen-Spendern aus.
    foto: national electrics

    Alles nur ein Werbegag? Japanische Firmen statten Zahnbürsten, Klimaanlagen und Föhne mit Minus-Ionen-Spendern aus.

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