"Google weiß enorm viel über uns"

3. September 2007, 13:08
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Viktor Mayer-Schönberger ist international renommierter Experte für Rechtsfragen rund ums Internet - STANDARD-Interview

Der Harvard-Professor über das durchlöcherte Recht auf Privatheit, Big Brother und das Gedächtnis des Internets.

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STANDARD: Sie leben seit vielen Jahren in den USA. Wo ist es Ihrer Meinung nach um die Privatheit und das Recht darauf schlechter bestellt: diesseits oder jenseits des Atlantiks?

Viktor Mayer-Schönberger: In den USA ist das Recht auf Privatheit traditionell stark gegenüber dem Staat geschützt. Hier spielt sicher auch die Erfahrung aus der Watergate-Affäre eine große Rolle. Es ist aber schwach gegenüber anderen - vor allem kommerziellen Anbietern. In Europa hat man die Gefährdung immer umfassender gesehen, und jene durch kommerzielle Anbieter potenziell stärker. Deshalb wurde die Privatheit gerade gegenüber diesen Dritten grundrechtlich abgesichert.

STANDARD: Was hat sich durch 9/11 und den "war on terror" verändert?

Mayer-Schönberger: Das hat seit 2001 das Recht auf Privatheit merkbar durchlöchert, und zwar auf beiden Seiten des Atlantiks. In den USA gibt es bereits seit Langem eine starke Gegenbewegung der Bürger für mehr Schutz vor dem "Big Brother". In Europa scheint mir die noch relativ schwach zu sein.

STANDARD: Sind diese ganzen neuen Überwachungsmaßnahmen nicht auch stark durch neue technologische Möglichkeiten bedingt?

Mayer-Schönberger: Die neuen Technologien machen die Überwachung wirtschaftlich möglich, sie bedingen sie aber nicht. Im Übrigen halte ich den Trend zu einem Mehr an Überwachung auch nur vordergründig durch den Kampf gegen den Terrorismus begründet. In Wahrheit ist das nur eine der vielen reaktionären Bewegungen gegen jene Dynamiken, die unter dem Begriff der "Globalisierung" zusammengefasst sind, einschließlich der weltweiten Migrationsbewegungen.

STANDARD: Einige Theoretiker beschreiben unsere Gesellschaft in Anlehnung an den französischen Theoretiker Michael Foucault als eine der Überwachung - nur dass die mittlerweile über die Medien stattfindet. Können Sie dieser Beschreibung etwas abgewinnen?

Mayer-Schönberger: Ja, durchaus. Nur: Foucault hat ja selbst die Idee von Jeremy Bentham geklaut, der sie bereits vor rund 200 Jahren formulierte. Die Idee ist also uralt. Aber sie hat nichts an Bedeutung verloren.

STANDARD: Welche Rolle spielen die Medien bei der Überwachung bzw. der möglichen "Verabschiedung" der Privatheit? Hat sich da durch eine weitere Boulevardisierung - in Österreich zuletzt durch "Österreich" - auch etwas verändert?

Mayer-Schönberger: Ich bin da skeptisch. Eine Studie von Forschern an der Universität Chicago hat jüngst einmal mehr gezeigt, dass Medien stärker auf Marktveränderungen - also Veränderungen der Konsumpräferenzen - reagieren, als dass sie selbst neue Trends machen.

STANDARD: Und wie ist das mit den neuen Medien? Die großen Firmen wie Google - zuletzt mit den Straßenfotos auf Google Earth - scheinen nicht ganz zimperlich zu sein, was den Umgang mit dem Recht auf Privatheit angeht.

Mayer-Schönberger: Google weiß enorm viel über uns. Zum Glück hat Google sich jüngst ausdrücklich dazu entschlossen, viele personenbezogene Daten nach 18 Monaten zu anonymisieren. Microsoft hat übrigens vor Kurzem ein noch restriktiveres Vorgehen angekündigt. Das geht in die richtige Richtung. Zu wenig bekannt aber sind die großen Datensammler abseits des Internets, die vor allem Banken, Kasinos und Regierungen versorgen. Hier würde ich mir mehr Gegendruck wünschen.

STANDARD: Kennen Sie Fälle, wo sich so etwas negativ auf das "Real Life" ausgewirkt hat?

Mayer-Schönberger: Um nur ein aktuelles Beispiel zu nennen: Vor Kurzem wurde einem Kanadier die Einreise in die USA verweigert, weil er in den 1980ern wegen LSD-Konsums vorbestraft wurde. Erst die zeitnahe Datenbankabfrage hat diese Art von Grenzkontrolle ermöglicht. Und die Datenbanken vergessen nicht.

STANDARD: Apropos: Sie fordern zuletzt in einem viel beachteten Aufsatz, dass man im Internet eine Art "Vergessen" einprogrammieren sollte bzw. ein Verfallsdatum für Informationen. Wegen Fällen wie diesem?

Mayer-Schönberger: Einerseits geht es um solche Fälle. Andererseits möchte ich, dass User immer wieder mit der Frage konfrontiert werden, wie lange sie Informationen aufbewahren wollen. Damit werden sie sensibel dafür, dass der Wert einer Information über die Zeit hin verblasst.

Die Unfähigkeit des Vergessens ist aber keine unmittelbare Bedrohung der Privatheit, sondern eine Bedrohung gesellschaftlicher Entscheidungsfindung schlechthin. Diese Gefahr geht damit weit über Fragen der Privatheit hinaus.

STANDARD: Ihr Kollege Lawrence Lessig hat vorgeschlagen, dass die Bürger auf einer Art öffentlichem Datenmarkt selbst bestimmen sollten, was zu welchem Preis mit ihren Daten passiert. Können Sie damit etwas anfangen?

Mayer-Schönberger: Lessig trat für Eigentumsrechte an persönlichen Informationen ein. Er hat das aber in der zweiten Auflage seines Buches "Code" relativiert und schlägt nun obligatorische Rechte an Information vor. Ich bin da skeptisch, weil mir dabei erstens die persönlichkeitsrechtliche Dimension des Datenschutzes fehlt (das war das Thema meines Buches "Information und Recht"). Und zweitens kann Lessigs Vorschlag bestenfalls Privatheit im Internet zurückbringen, nicht aber das Vergessen.

STANDARD: Das Web 2.0 mit all seinen Möglichkeiten von Flickr über MySpace bis YouTube bietet alle Möglichkeiten, Intimes preiszugeben. Was macht man, wenn einem das später peinlich wird und man es weghaben will?

Mayer-Schönberger: Etwas im Netz ungeschehen machen zu wollen, ist ein bisschen so, wie wenn man eine unliebsame Tätowierung wegkriegen will: In beiden Fällen droht die Gefahr, dass die Information bzw. die Tinte noch weiter zerläuft, anstatt wegzugehen.

STANDARD: Wenn ich als Österreicher im Netz etwas entdecke, was mein Recht auf Privatheit verletzt, an wen wende ich mich am besten?

Mayer-Schönberger: An die Mutter Gottes in Mariazell, denn im weltweiten Internet nutzt Ihnen auch ein nach österreichischem Recht durchsetzbarer Anspruch wenig. Das ist ähnlich aussichtsreich wie Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen. (Klaus Taschwer, DER STANDARD/Printausgabe, 24.08.2007)

Zur Person:
Viktor Mayer-Schönberger (41) lehrt seit 1999 Öffentliches Recht an der Kennedy School of Government der Harvard University. Er ist Autor zahlreicher Fachartikel und Bücher zu rechtlichen Aspekten des Internets.
  • "In den USA gibt es bereits seit Langem eine starke Bewegung der Bürger für mehr Schutz vor dem "Big Brother". In Europa scheint mir die noch relativ schwach zu sein", meint Internet-Rechtsexperte Viktor Mayer Schönberger.
    foto: robert newald

    "In den USA gibt es bereits seit Langem eine starke Bewegung der Bürger für mehr Schutz vor dem "Big Brother". In Europa scheint mir die noch relativ schwach zu sein", meint Internet-Rechtsexperte Viktor Mayer Schönberger.

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