Nachlese: Vom heiligen Land und seinen irdischen Ländereien

19. März 2008, 19:17
44 Postings

Eine Historikerin und ein Journalist haben sich erstmals daran gemacht, die Geschichte der israelischen Siedlerbewegung nachzuzeichnen

An manchen Tagen schummeln selbst die integersten Götter. Da wäre zum Beispiel Justitia. Die Herrin des Rechts, der man einst in weiser Voraussicht eine Binde um die Augen gelegt hat, lugt zuweilen unverhohlen unter diesem dunklen Sichtschutz hervor. Das Vertrauen darauf, dass vor dem Gesetz jedermann gleich sei, wird dann von ihr mit kleinen Tricks unterlaufen. So war es vermutlich auch im Oktober des Jahres 1991. Zwar gibt es dafür keine Beweise, aber es gibt hinreichende Verdachtsmomente. Diese verbergen sich in einer Order, die Plia Albek, damals Leiterin der Zivilabteilung der Jerusalemer Staatsanwaltschaft, an ihren eifrigen Mitarbeiterstab herausgegeben hatte. Angesichts einer Schadensersatzklage eines Palästinensers, dessen Frau von einem israelischen Grenzpolizisten erschossen worden war, hatte Albek folgende Sprachregelung zum Besten gegeben: Der Kläger solle froh sein, dass er, bedingt durch den unerwarteten Tod der Gattin, diese nicht mehr unterstützen müsse.

Es ist dies vermutlich nur ein weiterer Höhepunkt in der nicht enden wollenden Sache Isaak gegen Ismael. Egal, wie man sich auch zu der Tragödie in den von Israel besetzten Gebieten positionieren mag; für diesen Oktobertag zumindest scheint das Fazit klar: Justitia hat ihre Binde wieder mal zu locker um den Kopf getragen. Manch ein Kritiker ist gar der Meinung, in Gaza und der Westbank laufe das Recht längst offenen Auges herum. Zu ihnen zählen die israelische Historikerin Idith Zertal und der renommierte Kolumnist der Tageszeitung Ha’aretz, Akiva Eldar.

Vor nunmehr drei Jahren haben beide ein Buch herausgebracht, das zwischen Haifa und Elat für heftige Kontroversen gesorgt hat. Auf mehr als fünfhundert Seiten haben sie darin die Geschichte der religiös-zionistischen Siedlerbewegung nachgezeichnet. Aufwändige Archivarbeit sowie zahlreiche Gespräche mit Siedlervertretern, Politikern, Juristen und Menschenrechtsaktivisten haben dabei bei den Autoren einen Verdacht bestätigt: Das israelische Siedlungsprojekt fußt von Beginn an auf einem ausgeklügelten System der Entrechtung und der doppelten Maßstäbe.

Aufgeklärte Israelis hatten Ähnliches schon immer vermutet. Dennoch: Auch in ihrer Wahrnehmung existieren die Siedlungen allzu oft nur als ein weißer Fleck. Es scheint, als hätte sich die Mehrheitsgesellschaft seit Ende des Sechstagekriegs sukzessiv zu Geiseln einer Handvoll religiöser Fundamentalisten gemacht. Kein Wunder also, dass Idith Zertal und Akiva Eldar bis dato die Ersten waren, die es überhaupt unternommen hatten, eine große Untersuchung zur Geschichte, Struktur und Ideologie der israelischen Siedlerbewegung in Angriff zu nehmen.

Nun ist ihre Studie auf Deutsch erschienen. Unter dem Titel Die Herren des Landes liefert sie nicht nur eine Übersetzung jener sieben großen Kapitel, die sich ausführlich mit der Entstehungsgeschichte der ersten Siedlungen, mit der ungleichen Rechtsprechung in Bezug auf Juden und Palästinenser oder mit den messianischen Erlösungsfantasien der Siedlervereinigung Gush Emunim auseinandersetzen. Die fortschreitenden Ereignisse seit Erscheinen der Originalausgabe haben es zudem nötig gemacht, das Buch um einen Ausblick auf die Zeit nach Ariel Sharon zu ergänzen.

Doch zurück zu jenem entlarvenden Oktobertag des Jahres 1991; zurück zu Pila Albek. Folgt man Zertal und Eldar, dann hat das zynische Statement der forschen Staatsanwältin nur ein weiteres Mal offenbart, was seit jeher schon der ideologische Kitt der Siedlerbewegung gewesen ist: Menschenverachtung und avantgardistisches Gehabe. Diese elitäre Grundhaltung war es auch, die den einstigen Ministerpräsidenten Yitzak Rabin schon früh vor einem „Krebsgeschwür an der israelischen Demokratie“ warnen ließ.

Und in der Tat: Mit Wucherungen kennt sich Pila Albek aus. Sie nämlich ist es gewesen, die in den 80er-Jahren von der Regierung Menachem Begin beauftragt worden war, Rechtsgrundlagen für die Enteignung palästinensischer Landflächen zu schaffen. Auf diese Weise ist die Ausweitung der Siedlungen und ihrer Außenposten immer weiter vorangetrieben, der Glaube an die „Sonderstellung“ Israels zementiert worden.

Albek, so zitieren die beiden Autoren ihre Kritiker, hätte für dieses Vorhaben jedes Gesetz nutzbar gemacht, das „seit den Tagen Napoleons“ erlassen worden sei. Mal hätte sie auf osmanische Gesetze aus dem Jahr 1858 zurückgegriffen, dann wieder hätte sie sich auf jordanisches oder auf israelisches Recht berufen. Das Offensichtliche indes – die Haager Landkriegsordnung und die Genfer Konventionen – sei sowohl von ihr als auch von vielen weiteren israelischen Juristen lange Zeit ignoriert worden. Für die Verfechter eines verbindlichen Völkerrechts mag dies kaum verwundern: Beide internationalen Rechtsabkommen verbieten ausdrücklich die Nutzung oder Zerstörung okkupierter Gebiete.

Für Zertal und Eldar nimmt sich der vorgebliche „Heilsplan“ für ein groß gesiedeltes „Erez Israel“ daher wie folgt aus: Während die extremistischen Siedler seit dem Jahr 1967 in zumeist nächtlichen Aktionen immer neue Fakten schafften, hinkten Justiz, Militär und Politik dem Pioniergeist der nationalreligiösen Fundamentalisten immer einen Schritt weit hinterher. Lebten etwa im Jahr 1978 in der Westbank grade einmal 7400 Siedler verteilt auf 39 Ansiedlungen, so beläuft sich ihre Zahl heute auf nahezu eine Viertelmillion.

Die größte Tragödie indes besteht für das detail- und kenntnisreich argumentierende Autorenduo in einem anderen Sachverhalt: Für Idith Zertal und Akiva Eldar ist die „Herrschaft des Rechts“ einer blindwütigen Ideologie von einem „Land der Ahnen“ und vom „Willen Gottes“ geopfert worden. Hätten sich Siedler nebst Wohncontainer und provisorischer Straßenanbindung nämlich erst einmal auf einer neuen Freifläche niedergelassen, dann traute sich kaum noch ein Politiker, gegen die illegale Landnahme zu protestieren.

In der Praxis, so weisen die Autoren nach, hätte es in dieser Hinsicht nie einen Unterschied zwischen einer Likud-Regierung oder einer der Arbeiterpartei gegeben. Neben einer längst überfälligen Geschichte über die Auswucherungen des religiösen Zionismus ist Die Herren des Landes somit vornehmlich eines: ein lesenswertes Lehrstück darin, wie ein unentschlossener Rechtsstaat schnell zum Erfüllungsgehilfen fundamentalistischer Ideologien wird. Es scheint die Zauderei zu sein, die den besten Absichten im Wege steht. (Ralf Hanselle/DER STANDARD, ALBUM, 25./26.8.2007)

Idith Zertal/Akiva Eldar, „Die Herren des Landes. Israel und die Siedlerbewegung seit 1967“. Aus dem Englischen von Markus Lemke. € 28,50/592 Seiten. DVA, Frankfurt/Main 2007.
  • „Die Herren des Landes“ heißt das nicht nur
in Israel kontrovers diskutierte Buch von Idith Zertal und Akiva Eldar über die israelische Siedlerbewegung. Unser Bild zeigt die Siedlung Ofra in der West Bank im Jahr 2006.
    foto: reuters/laszlo balogh

    „Die Herren des Landes“ heißt das nicht nur in Israel kontrovers diskutierte Buch von Idith Zertal und Akiva Eldar über die israelische Siedlerbewegung. Unser Bild zeigt die Siedlung Ofra in der West Bank im Jahr 2006.

  • Eine Gruppe von israelischen Kindern spielt in der Nähe einer Baustelle in der Siedlung Male Adumim in der Westbank, südlich der Stadt Ramallah.
    foto: getty/uriel sinai

    Eine Gruppe von israelischen Kindern spielt in der Nähe einer Baustelle in der Siedlung Male Adumim in der Westbank, südlich der Stadt Ramallah.

Share if you care.