Bergsteigertod am Glockner: "Da sind Leute, die haben null Ahnung"

3. September 2007, 10:33
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Der Tod zweier Bergsteiger nach Sturz in Gletscherspalte zeigt neuerlich das Problem des Massenansturms auf den Großglockner

Der Tod zweier polnischer Bergsteiger nach einem Sturz in eine Gletscherspalte zeigt neuerlich das Problem des Massenansturms auf den Großglockner. Unerfahrene Alpinisten unterschätzen die Gefahren, die durch den heißen Sommer verschärft werden.

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Klagenfurt – Es hätte eine Bergtour auf den höchsten Gipfel Österreichs werden sollen, für eine fünfköpfige Gruppe aus Polen endete sie am Freitagvormittag mit einer Katastrophe. Die Seilschaft stürzte in eine Gletscherspalte, zwei der verunglückten Urlauber konnten nur mehr tot geborgen werden, drei Frauen erlitten schwere Verletzungen, eine davon konnte sich noch selbst aus der Spalte im ewigen Eis befreien.

Das Team war auf dem mit 3798 Metern höchsten Berg Österreichs in Richtung der Erzherzog-Johann-Hütte auf der Adlersruhe unterwegs. Auf dem Hoffmann-Gletscher, rund 400 Meter unter der Hütte, ereignete sich der tödliche Unfall. Die Ursache war zunächst ein Rätsel. Friedl Fleißner, Ortsstellenleiter der Bergrettung in Heiligenblut, ging davon aus, dass die Alpin-Touristen einen entscheidenden Fehler gemacht haben: „Sie waren zwar angeseilt, aber es dürfte niemand gesichert haben. Nur so ist erklärbar, dass gleich alle fünf abgestürzt sind“, sagte Fleißner hörbar betroffen in einem Telefonat mit dem Standard. Seit Gründung der Heiligenbluter Bergrettungsstelle im Jahr 1935 wurde rund 1500 Rettungseinsätze durchgeführt. Zum Team gehören zehn Bergführer, 35 Bergretter und vier ausgebildete Such- und Lawinenhunde. Die dennoch oft nur Leichen bergen können.

Aufgrund der warmen Witterung sei der Gletscher derzeit mit Spalten übersät und entsprechend gefährlich zu queren. Viele Alpinisten ziehen daher inzwischen bereits den Aufstieg über die Osttiroler Seite vor.

Verschiedene Risiken

Der oberösterreichische Bergsteiger und Tourenveranstalter Edi Koblmüller teilt die Einschätzung, dass es sich um einen technischen Fehler der Gruppe gehandelt hat. Und skizziert die verschiedenen Gefahren, die bei der Route über den Hoffmann-Gletscher drohen können: „Nach einem heißen Sommer kann ein Gletscher völlig apper sein, und ist dann das blanke Eis. Man sieht zwar die Gletscherspalten, aber es ist in diesem speziellen Fall schlichtweg falsch, sich anzuseilen. Denn wenn einer ausrutscht, können sich die anderen kaum mehr halten“, erklärt der Experte im Gespräch mit dem STANDARD.

Grundsätzlich gehe man auf einem Gletscher natürlich angeseilt, doch auch dabei könnten fatale Fehler begangen werden, betont Koblmüller. Der Abstand zwischen den einzelnen Personen sollte nämlich acht bis zehn Meter betragen, um bei einem Unglücksfall Zeit für die richtige Reaktion zu haben. „Ich habe aber selbst schon gesehen, dass Menschen im Abstand von zwei Metern angeseilt aufgestiegen sind.“

Ein Problem sei, dass man ungeschulten Bergsteigern kaum simple Tipps geben kann. „Die einfache Faustregel gibt es in der Natur nicht, es hängt völlig von den Umständen vor Ort ab.“ Im Vergleich zur Vergangenheit beobachtet der Bergführer zwar eine bessere Ausrüstung, das Können habe aber nicht zugenommen. „Es sind Leute unterwegs, die haben null Ahnung und noch nie ein Seil in der Hand gehabt“, weiß Koblmüller.

Gerade der Großglockner übe aber natürlich eine Anziehungskraft auf Gäste aus. „Viele kennen gar keinen anderen Berg. Da spielt natürlich auch ein psychologischer Effekt eine Rolle: Touristen wollen daheim erzählen können, sie sind auf dem Glockner gewesen“, kritisiert er die Fixierung auf „Modeberge“.

Eine Patentlösung gegen den „Massenansturm“ auf die Gipfel sieht Koblmüller nicht. Er hat 1993 im Magazin „Land der Berge“ einen ironischen Lösungsvorschlag gemacht: „Sprengt den Gipfel, macht ihn um 50 Meter niedriger und zumindest das Problem Glockner ist gelöst.“ Bis dahin hat die Bergrettung aber weiter mit Unerfahrenheit und vor allem Selbstüberschätzung zu kämpfen. Diese beiden Gründe gelten als Hauptursachen für die 1407 Todesfälle im alpinen Bereich seit dem Jahr 2000.

Auf dem Großglockner kommen spezifische Gefahren dazu. Vor allem Wetterumstürze könne sich wegen der exponierten Lage des Gipfels schnell ergeben. Die starke Ausapperung des Gletschers hat in den vergangenen Jahren die Gefahr des Steinschlages enorm erhöht. Besonders gefürchtet sind in dieser Beziehung das „Glocknerleitl“ und die „Pallavicinirinne“.

Zerrissenes Eis

Auch mehr und mehr Gletscherspalten treten auf. Diese Öffnungen entstehen dort, wo das Eis in seinem Fluss gestört ist: „Es reißt auf, wo die Zerrspannung größer ist als die Möglichkeit des Eises, sich zu deformieren“, erklärt Andreas Kellerer-Pirklbauer vom Institut für Geografie der Universität Graz im Gespräch mit der Austria Presse Agentur. Gründe für einen gestörten Fluss können Felserhebungen unter dem Eis sein, das Gefälle des Untergrunds oder die Fließgeschwindigkeiten im Gletscher. Gletscherspalten können Tiefen bis zu 20 bis 30 Meter erreichen.

Wissen
30. Juli 2006: Ein 43-jähriger Tscheche stürzt am Hochgruber-Kees in der Glocknergruppe auf rund 3000 Metern in eine 25 bis 30 Meter tiefe Gletscherspalte, wird von Bergrettung und Alpinpolizei geborgen und zu Tal geflogen. Vom zuständigen Sprengelarzt kann allerdings nur noch der Tod durch Genick- und Schädelbasisbruch festgestellt werden.
22. Juni 2003: Ein 61-jähriger Oberösterreicher kommt bei einer Tour auf den Großglockner ums Leben. Er war am späten Nachmittag knapp unterhalb des Gipfels auf einer losen Felsplatte ausgerutscht und vor den Augen seiner beiden Begleiter – darunter auch sein Sohn – in die Pallavicini-Rinne gestürzt. Er kann nur noch tot geborgen werden.
1. Juli 2002: Ein Todesopfer und ein Schwerverletzter ist die Bilanz einer Glocknerbesteigung durch eine Alpingruppe aus Leipzig. Die sieben Bergsteiger, darunter zwei Frauen und ein zwölfjähriger Schüler, hatten sich beim Abstieg im Nebel verirrt und waren ins so genannte Lammereis geraten. (APA)

Links
bergrettung.at
bergspechte.at
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    Zwei Bergsteigern konnte die Bergrettung am Freitag nicht mehr helfen. Die Tour auf den Glockner endete mit einem Todessturz

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