Halo 3: Eine neue Art Spiel zu entwickeln

16. Oktober 2007, 11:41
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Über drei Jahre wurden SpielerInnen bei ihren Abenteuern mit dem MasterChief gefilmt und die Daten minutiös ausgewertet

Der kommende Ego-Shooter Halo 3 ist für Microsofts Spielekonsole Xbox 360 von immenser Bedeutung. Der Softwarekonzern, der Unsummen in den Einstieg in die Videospielebranche investiert hat und sich in der jüngeren Vergangenheit mit einigen technischen Problemen konfrontiert sah, will sich mit diesem Titel deutlich von der Konkurrenz abheben. Daher ist es auch wenig verwunderlich, wenn die EntwicklerInnen der Bungie Studios, die mittlerweile zu den Microsoft Game Studios gehören, alle Möglichkeiten in der Entwicklung ausnutzten. Unter anderem wurden SpielerInnen in einem Testlabor während ihrer Abenteuer mit dem Hauptcharakter, dem MasterChief, gefilmt und ihre Bewegungen und Reaktionen genau aufgezeichnet.

Das Testlabor

Über drei Jahre lang beobachteten die EntwicklerInnen die SpielerInnen in ihrem "Bungie Lab". Dabei handelt es sich um einen Raum im Entwicklerstudio, der mit Flachbildschirm, Spielekonsole und Sofa eingerichtet ist und der mit Videokameras und einem verspiegelten Fenster ausgestattet ist, um so die Reaktion und Aktionen der SpielerInnen beobachten und aufzeichnen zu können, berichtet das US-Magazin Wired in seiner aktuellen Ausgabe. Die Kameras filmten nicht nur die Reaktionen der SpielerInnen, sondern auch die entsprechenden Szenen im Spiel, welche Knöpfe gedrückt wurden und welche Wege im Spiel eingeschlagen wurden.

Wissenschaftliche Untersuchungen

Im Labor sollen die Antworten auf die zentralen Fragen bei der Spiele-Entwicklung gefunden werden: Macht das Spiel Spaß? Kennen sich die SpielerInnen in der Welt und mit der Handlung aus? Wie reagieren die Testpersonen auf Schlüsselszenen und gibt es ein durchgehendes Spannungsniveau oder herrscht manchmal Tristesse und Langeweile?

Auf dem Bildschirm findet gerade eine große Schlacht statt, die Testspielerin scheint zufrieden und hat innerhalb von wenigen Sekunden ihre Haut gerettet. "Hier liegt der Fehler", so Randy Pagulayan gegenüber Wired, "sie hat die Granaten nicht gefunden, die genau vor ihr im Gebüsch liegen. Die müssen wir sichtbarer platzieren."

Auf seinem Display kann der Bungie-Mitarbeiter das Geschehen auf dem Bildschirm aus Sicht der Testspielerin mitverfolgen. Seit geraumer Zeit ist Pagulayan damit beschäftigt, Probleme und Fehler im Spiel aufzuspüren und Verbesserungen einzubringen. Seine Hauptaufgabe ist es allerdings, herauszufinden, wann und ob den SpielerInnen langweilig wird, Passagen frustrierend sind oder die Spiellogik nicht ganz der Realität entspricht. Bislang zahlten Entiwcklerfirmen professionelle SpieletesterInnen, die Bugs aufspüren sollten und die Probleme an den Hersteller meldeten. Die Qualität und der Unterhaltungswert waren bislang selten Objekte der Untersuchungen auch weil die SpieletesterInnen meist nur einzelne Abschnitte und nie den ganzen Titel zum Austesten vorgesetzt bekamen.

Eine Novität

Bei den Bungie-Studios kann man als der Teil Microsoft Game Studios aber auf einen anderen finanziellen Background und ausgefeilte Testlabors zurückgreifen. Nicht weniger als 3000 Stunden Halo 3-Material von über 600 "Normalsterblichen"-SpielerInnen haben Pagulayan und sein Team bislang analysiert. Bevorzugte Waffen, beliebte Verstecke und die schnellsten Wege durch die virtuelle Welt, sind dabei nur ein Paar Erkenntnisse, die die Entwickler gewinnen konnten.

Auch die Konkurrenz wird analysiert

Bungie wertet auf diese Art und Weise aber nicht nur seine eigenen Titel aus, auch die Produkte der Konkurrenz werden diesem Prozedere unterzogen."Ich habe noch nichts Vergleichbares gesehen", so Ian Bogost, Professor an der Georgia Tech-Universität gegenüber Wired, "ihr System ist unglaublich." Auf den ersten Blick mag es wie ein unglaublich steriler Ansatz erscheinen, auf diesem Weg Spielspaß und Unterhaltungswert zu ermitteln, aber die Spiele-Branche sieht sich mit neuen Herausforderungen und immer anspruchsvolleren SpielerInnen konfrontiert. Es geht nicht mehr nur um bessere Grafik und realistischere Haarpracht bei Fußballspielern" es geht um den Spaß und um viel Geld.

Besser, größer und unterhaltsamer

Die Halo-Serie gehört untrennbar zur Xbox und wird von Experten als das wichtigste Franchise genannt weit vor Forza oder dem kommenden Bioshock. Exklusive Titel werden den Kampf auf dem Konsolenmarkt entscheiden, aber Exklusivität reicht nicht, es müssen sehr gute Titel sein, die die SpielerInnen auf eine Plattform ziehen sollen. Was Bungie mit Halo; vorgelegt hatte, musste bei Halo 2 getoppt werden und muss nun bei Halo 3 noch besser, größer und unterhaltsamer sein. Die Xbox 360 wird sich auf Dauer nicht über den Preis durchsetzen können, erwarten die Fachleute. Die technisch überlegene PlayStation 3 und Nintendos Überraschung Wii wollen ihren Teil vom Kuchen müssen aber, wie auch die Xbox 360, noch (weitere) grandiose Exklusivtitel bringen. "Ich kann derzeit kein Spiel am Horizont erkennen, dass eine so große Auswirkung auf die Xbox haben könnte, wie Halo 3", so Dean Takahashi, Autor von "The Xbox 360 Uncloaked". "Die Entwickler müssen für Microsoft eine große Anzahl von Konsolen mitverkaufen."

Die Wissenschaft hinter den Spielen

Während Bungie wissenschaftliche Methoden anwendet, um bessere Spiele zu entwickeln, lernen die Wissenschaftler mehr und mehr über das Gameplay selbst. Finnischer Forscher haben festgestellt, dass SpielerInnen gerne getötet werden. In einem Spiel zu sterben, erzeugt die gleichen positiven Emotionen wie einen Gegner zu besiegen oder einen Level erfolgreich abzuschließen. In einer anderen Studie entdeckte Jonas Heide Smith, dass ein zentrales Thema bei Spielen der Zusammenhalt sei. Auch sehr gewinnorientierte SpielerInnennaturen tendierten dazu, anderen SpielerInnen zu helfen. Das Verlangen nach Fairness und Zusammenhalt im Spiel, ist demnach genauso groß wie jenes nach Erfolg. Auch Betrügen, das so genannten Cheaten, ist ok" wenn auch in einem begrenzten Ausmaß. Die Wissenschaftlerin Mia Consalvo entdeckte, dass ein Großteil der SpielerInnen betrügt, dabei aber einem strikten Kodex zu folgen scheint, was noch akzeptabel ist. Außerdem erweisen sich Computerspiele als gutes Training für die Praxis. In einer Studie vom Februar 2007 fand man heraus, dass Chirurgen, die Videospiele spielen, 47 Prozent weniger Fehler machen und zudem noch um 39 Prozent schneller arbeiten als ihre Kollegen.

Am Anfang waren Wenige

Bungie entwickelte sich von einem Zwei-Personen-Unternehmen im Jahr 1991, gegründet wurde es von Alex Seropian und Jason Jones, zu einem der größten Studios der Welt.

Die ersten Hits waren der First-Person-Shooter "Marathon" und "Myth" Für das Original-Halo waren nur zehn EntwicklerInnen verantwortlich. Bei Halo 2 waren es bereits mehr als 60 und beim dritten Teil der Saga hat man die 100er-Marke schon lange übersprungen. (grex)

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    screenshot: gp
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