Die Goldgräber im Maisfeld

21. September 2007, 14:36
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Der Ethanol-Boom hat den Bauern in Iowa Reichtum beschert. Aber langsam wird klar, dass der Biokraftstoff kein Allheilmittel ist - Reportage

Wie eine Spielernatur wirkt Greg Rinehart eigentlich nicht. Mit schweren, ruhigen Schritten stapft er über die satte, schwarze Erde. Alles an ihm ist bodenständig, die schwieligen Hände, der Strohhut, das Baseball-Fan-Hemd der Chicago Cubs. Er müsste noch lange laufen, um das Ende seines Ackers zu erreichen, die Baumwipfel am flachen Horizont, hinter denen das Städtchen Boone beginnt. Aber drinnen wartet Polly mit dem Abendessen, weshalb er es bei ein paar hundert Schritten belässt.

Hört man Polly Rinehart reden, dann könnte man denken, ihr Mann sei ein Glücksritter, ein notorischer Zocker, der besser an die Pokertische von Las Vegas passte als in die monotonen Ebenen von Iowa. "Greg hat das Geld komplett geborgt – zu hundert Prozent“, sagt Polly und legt ihre Stirn in kritische Falten. „Mein Gott, wenn das nur gut geht." Es ist fünf Jahre her, da sprang Greg Rinehart auf den anrollenden Zug, indem er Anteile an einer Ethanolfabrik kaufte. 25.000 Dollar steuerte er bei, damit sie drüben in Lakota eine Anlage hinklotzen konnten. Betrieben wurde sie von einer Kooperative. Wer mitmachen wollte, musste Bauer sein und den Mais, der zu Ethanol gärt, möglichst selbst liefern. Nach ersten Startproblemen kassierten die Rineharts Dividenden von bis zu 30 Prozent. Jährlich. Bald kauften sie sich in vier anderen Fabriken ein, vom benachbarten Nevada bis nach Coon Rapids im Westen. Jedes Mal waren 25.000 Dollar der Mindesteinsatz, jedes Mal lieh sich Greg die Tausender, wie ein risikofreudiger Aktionär, der munter auf steigende Kurse setzt. "Bislang ging die Rechnung auf", sagt er mit einem triumphierenden Seitenblick hinüber zu Polly. "Die einzige schlechte Nachricht ist die: Ich hab zu wenig Dollars geborgt." Die Farmer im Maisgürtel des Mittleren Westens müssen sich fühlen wie Alaska-Goldgräber, die nach langer Durststrecke faustgroße Nuggets finden. Wohin man blickt, tiefschwarze Zahlen. Getrieben vom Ethanol-Boom, haben sich _die Maispreise binnen zwölf Monaten verdoppelt. Mit der Körnerfrucht wird auch der Boden teurer. Selbst die Hauspreise steigen, mögen sie anderswo in Amerika auch erdrutschartig fallen. Die Rineharts können es sich leisten, all ihre zehn Kinder auf die Uni zu schicken, da brauchen sie gar nicht lange zu überlegen.

Greg Rinehart holt den Laptop hervor, klickt sich durch, bis eine Landkarte erscheint. Wo helle Pünktchen leuchten, steht ein Ethanolwerk. In Iowa verdichten sich die Punkte zu einem Klumpen. Dort sind 26 Anlagen fertig, 41 in Bau oder geplant. Längst sind es nicht mehr nur kleine Kooperativen, die sie hinklotzen. Bis nach Australien reicht die Liste der Betreiber. Eine Hausse, von der zu Beginn des Millenniums niemand zu träumen wagte.

Da war der Ölpreis auch noch nicht so hoch, und George W. Bush hatte die Produktion von Biokraftstoff noch nicht zur nationalen Mission erklärt. Der 11. September, der Irak-Krieg, die Zweifel an der Loyalität Saudi-Arabiens: Heute ist es patriotische Pflicht, dass sich Bushs potenzielle Nachfolger im Wahlkampf vor bunte Ethanol-Poster stellen. Auf diesen wenden sie den Ölscheichs aus Nahost demonstrativ den Rücken zu, während sie dreckverschmierten Bauern aus Mittelwest auf die Schulter klopfen.

Bis 2015 soll die Hälfte aller Tankstellen E85 anbieten, ein Gemisch, das zu 85_Prozent aus Ethanol und zu 15 Prozent aus Benzin besteht. Um diese Mischung Autofahrern schmackhaft zu machen, wird sie gefördert, 51 Cent pro Gallone (3,78 Liter).

Doch längst haben kritische Köpfe erkannt, dass der "Mais-Sprit" auf lange Sicht auch nicht die Lösung sein kann. Selbst wenn die USA ihre gesamte Agrarfläche für den Maisanbau verwenden würden, könnten sie bestenfalls 16 Prozent ihres Treibstoffbedarfs decken. "Ethanol ist nicht das Heilmittel für unsere öldurstige Ökonomie", doziert Ray Nothstine, Energie-Experte am Acton Institute in Grand Rapids.

Der Mais verlange viel Dünger, viel Wasser, das Endprodukt sei teuer in der Herstellung. Weil die Flüssigkeit Metall schnell rosten lässt, kann sie nicht durch Pipelines gepumpt werden wie Öl. Die Tanklaster wiederum, die sie transportieren, verbrauchen viel Sprit. Nahrungsmittel, die auf Mais basieren, ziehen kräftig an, etwa die Cornflakes zum Frühstück oder das Popcorn im Kino. In Mexiko löste die Preisspirale bei Tortillas heftige Unruhen aus. Und in Iowa leiden die Böden unter der Monokultur. (Frank Herrmann, Boone/Iowa, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.08.2007)

  • Der
Maisfarmer
Greg
Rinehart hat
in Ethanolfabriken
investiert –
auf Pump.
Bisher sind
seine
Investments
aufgegangen.
    foto: standard/herrmann

    Der Maisfarmer Greg Rinehart hat in Ethanolfabriken investiert – auf Pump. Bisher sind seine Investments aufgegangen.

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