Helfen wir uns lieber selbst: "Zusammen ist man weniger allein"

11. September 2007, 19:49
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Sozialutopie zum Wohlfühlen von Claude Berri, der mit eher unscheinbarer Hand eine gegen feindliche Übernahmen sicher geschlossene Welt inszeniert

Wien – Alles gerät durch ein wenig erhöhte Aufmerksamkeit in Bewegung. Camille hilft eines Abends ihrem Nachbarn, dem beschwipsten Philibert, durch die Eingangstür ins Haus. Damit ist der erste Kontakt hergestellt, und hinkünftig wird man nicht mehr wortlos aneinander vorübergehen. Ein Picknick in Camilles Dachmansarde bereitet die nächste Stufe der Annäherung vor. Danach handelt Philibert schon wie ein Ritter und rettet die stark verkühlte junge Frau in die eigene, viel größere und weit besser beheizte Wohnung, um sie gesund zu pflegen.

Ganz so geschmeidig wie in den ersten Minuten von Zusammen ist man weniger allein / Ensemble, c’est tout, in denen die gängigen Verhaltensregeln anonymer Großstädter schlicht übergangen werden, geht es in Claude Berris Film zwar nicht weiter, die Grundhaltung dieses modernen Märchens, das auf einem Bestseller von Anna Gavalda basiert, bleibt aber gleich: Mit mehr gutem Willen und Nächstenliebe kämen wir vereinsamten Einzelgänger viel schneller zu dauerhaftem Glück.

Mit Audrey Tautou in der Hauptrolle ist der Verweis auf Die fabelhafte Welt der Amélie nicht weit hergeholt: Verkörperte sie schon darin die verschüchterte Fee, die einen ganzen Pariser Bezirk durch ihr Wirken zu verzaubern vermochte, so leuchten ihre Rehaugen diesmal zwar ein wenig matter – doch die tagsüber als Putzfrau arbeitende, im Grunde ihres Wesens aber talentierte Zeichnerin ist allemal imstande, locker die Hürden einer Männer-WG zu nehmen und dort für neue Ausgelassenheit zu sorgen.

Camille muss zwar zunächst mit dem übellaunigen Koch Franck (Guillaume Canet) Revierkämpfe ausfechten – der Freund Philiberts ist von Überstunden und dem Unfall seiner Großmutter zermürbt –, doch jede Figur dieses Films ist durch Zuwendung therapierbar, auch Franck: Camilles Feldzug gegen die "unmenschliche Anonymität" zeitigt in seinem Fall sogar Wirkungen, die über die ursprünglichen Intentionen noch hinausgehen.

Der Routinier Berri inszeniert mit eher unscheinbarer Hand eine gegen feindliche Übernahmen sicher geschlossene Welt. Von Chansons beflügelt – zeitgenössische Musik wird hier eher mit dem Lärmpegel gemessen – rückt die Patchwork-Familie so allmählich immer näher zusammen: Sogar für die Großmutter ist dann noch ein Zimmer in der Wohnung frei.

Vielleicht versteckt sich in diesem Märchen doch Politik: Wo die öffentlichen Institutionen versagen, setzt Zusammen ist man weniger allein auf die heilende Kraft der Kommunen – und nimmt den Staat damit aus der Pflicht. (Dominik Kamalzadeh/ DER STANDARD, Printausgabe, 21.08.2007)

  • Zu zweit ist es auch im Bett weniger einsam: Audrey Tautou und Guillaume Canet in Claude Berris WG-Drama "Zusammen ist man weniger allein".
    foto: polyfilm

    Zu zweit ist es auch im Bett weniger einsam: Audrey Tautou und Guillaume Canet in Claude Berris WG-Drama "Zusammen ist man weniger allein".

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