Grenzüberschreitendes Kaufkraft-Absaugen

14. September 2007, 13:54
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Das Land Salzburg stampft ein Einkaufszentrum nach dem anderen aus dem Boden. Die Bayern wollen mit einem Outletcenter in Grenznähe dagegenhalten

Das Land Salzburg stampft ein Einkaufszentrum nach dem anderen aus dem Boden. Um den Abfluss von Kaufkraft zu den Nachbarn wenigstens einzudämmen, wollen die Bayern mit einem Outletcenter in Grenznähe dagegenhalten.

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Salzburg/Piding – "Kein Wettrüsten mit Mega-Einkaufstempeln" – unter diesem Motto schlossen Anfang August der bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber (CSU) und der oberösterreichische Wirtschaftslandesrat Viktor Sigl (VP) eine Vereinbarung der beiden Länder zur Sicherung der Nahversorgung. Kern des Abkommens: Beim Bau neuer Einkaufszentren, wo Auswirkungen auf den Nachbarn zu erwarten sind, soll es frühzeitig zur gegenseitigen Beteiligung an den raumordnerischen Prüfverfahren kommen. Damit sollen funktionierende Handels- und Nahversorgungsstrukturen erhalten und neue Großprojekte auf der grünen Wiese eingedämmt werden.

Bayern strebt ähnliche Übereinkünfte auch mit Salzburg und Tirol an. Wobei Huber anmerkt, dass man sich mit Salzburg wohl „außerordentlich schwer“ tun werde. Tatsächlich ticken in Salzburg die handelspolitischen Uhren völlig anders. Mit dem Slogan "Ermöglichen statt verhindern" bewilligt die sozialdemokratisch geführte Landesregierung alles, was gerade noch bewilligungsfähig ist. Erklärte Absicht der SP-Wirtschaftspolitik: "konsequentes Ausnutzen der Lage Salzburgs als überregionales Zentrum nicht nur für Salzburg, sondern auch für den südbayerischen und den angrenzenden oberösterreichischen Raum". Salzburg ziehe "Kunden, Kaufkraft und Arbeitskräfte aus dem gesamten Großraum mit mehr als einer Million Menschen an", freut sich Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SP).

Jüngster Coup dieser liberalen Ansiedlungspolitik: Nach Ikea und Europark entsteht derzeit direkt an der Westautobahn der nächste Konsumtempel. Auf dem Gelände des ehemaligen Airportcenters in Wals-Siezenheim, den sprichwörtlichen Steinwurf von der Staatsgrenze entfernt, errichtet die Wiener Städtische mit einer Investitionssumme von 100 Millionen Euro ein riesiges Designer-Outlet-Center.

1000 Arbeitsplätze

Auf rund 28.000 Quadratmeter Verkaufsfläche werden ab Mitte 2009 etwa 140 Markenshops ihre Ware feilbieten. Betreiber des Outletcenters ist die britische Gruppe McArthur Glen, die bereits im burgenländischen Parndorf ein derartiges Projekt betreibt. Erhoffter Effekt laut Burgstaller: tausend Arbeitsplätze.

Wenig Freude haben die bayerischen Nachbarn mit dem Salzburger Verkaufsflächen-Boom. Nach Schätzungen von Handelsexperten sind schon 2005 aus den angrenzenden bayerischen Landkreisen hundert Millionen Euro ins Bundesland Salzburg geflossen. Retour waren es gerade einmal 26 Millionen. Und: In den nächsten Jahren werde die Kaufkraft in der Region auch nicht zulegen, warnen die Experten. Mehr Verkaufsflächen führten demnach nur zu einer Umverteilung des vorhandenen Geldes.

Um diesem Kaufkraftabfluss zu begegnen, beginnen nun auch die Bayern aufzurüsten: Die 5000-Seelen-Gemeinde Piding, keine zehn Kilometer vom zukünftigen Salzburger Center-Standort entfernt, will ihr bestehendes Adidas-Outlet-Store zum größeren Factory-Outlet auffrisieren. Auf 8000 Quadratmetern sollen sich dort neben dem Kundenmagneten Adidas alle "üblichen Verdächtigen" wie Puma oder S. Oliver tummeln, beschreibt Ludwig Schauer, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berchtesgadener Land, das Konzept. Im Vergleich zu Salzburg sei das allerdings "ein Bauchladen", räumt Schauer ein.

Dass man größenmäßig mit der Salzburger Konkurrenz nicht mithalten kann, beunruhigt den Pidinger Bürgermeister Valentin Reichenberger (Freie Wählergemeinschaft) nicht: "Wir haben den besseren Standort." Im Shopping-Tourismus steht Piding tatsächlich besser da als Salzburg, weil es direkt an der Autobahn A8 München–Salzburg liegt und somit Kunden abfangen kann, bevor sich die Strecke Richtung Wien (A1) beziehungsweise Villach (A10) teilt.

Im Kampf gegen den Salzburger Goliath kam den Pidingern das so genannte Zielabweichungsverfahren zu Hilfe. Damit konnte Bayerns Wirtschaftsminister Huber die geltende, eher restriktive Raumplanung außer Kraft setzen und den Standort Piding bewilligen. Wie in Salzburg, wo Wirtschaftskammer und ÖVP gegen die liberale Ansiedelungspolitik und "den Kniefall vor den Handelsgroßformen und Kapitalfonds" Sturm laufen, gibt es auch in Bayern Widerstand: Die Nachbargemeinden Pidings, Berchtesgaden und Bad Reichenhall, fürchten um die Läden in ihren Ortskernen und haben gegen das Zielabweichungsverfahren beim Verwaltungsgerichtshof München Klage eingelegt. "Wir haben nichts davon, wenn das Geld in Bayern bleibt, aber unsere Geschäfte leer stehen", sagt Anton Kurz, Geschäftsleiter der Gemeinde Berchtesgaden. Das Münchener Gericht berät über die Klage erstmals Ende September. (Karin Portenkirchner, Thomas Neuhold, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.08.2007)

  • Auf dem Gelände des ehemaligen Airportcenters in Wals-Siezenheim entsteht ein riesiges Designer-Outlet-Center.
    fotos: standard/wr. städtische/mcarthur glen, wild & team

    Auf dem Gelände des ehemaligen Airportcenters in Wals-Siezenheim entsteht ein riesiges Designer-Outlet-Center.

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