
Alexander Kohler, Geschäftsführer der Österreichischen Qualitätssicherungsagentur (AQA) gibt den Ausstieg der Österreichischen Universitäten am CHE-Ranking bekannt.
derStandard.at: Kürzlich wurde das aktuelle Ranking der Shanghai University veröffentlicht. Demzufolge sind einige österreichische Universitäten zurückgefallen. Die angewandte Rankingmethode wird generell massiv kritisiert, aber wie beurteilen Sie den Einfluss der Ergebnisse? Wer ist daran interessiert?
Kohler: Dieses Ergebnis interessiert in erster Linie die Öffentlichkeit und die Medien. Die Universitäten reagieren auf diese Rankings Gott sei Dank etwas gelassener als dies noch vor einigen Jahren der Fall war. Der Grund dafür ist: Es bietet keine Überraschungen mehr. In diesem und in anderen Rankings werden statische Größen erfasst, etwa die Zahl der Nobelpreisträger. Die Anzahl der Nobelpreisträger einer Universität verändert sich jedoch über Jahrzehnte kaum. Das führt auch dazu, dass immer dieselben Universitäten unter den Top- Unis bleiben.
Das Shanghai-Ranking ist ausschließlich forschungsorientiert. Es gibt keine Auskunft über die Lehrqualität einer Universität. Rankings sind generell mit großer Vorsicht zu genießen. Sie bieten keine umfassende Information über die Qualität einer Universität. Sie stellen nur einen Ausschnitt des Leistungsspektrums dar. Zur Qualitätssicherung im Hochschulbereich sind sie deshalb kaum geeignet.
derStandard.at: Österreich beteiligt sich beim CHE-Hochschulranking. Die Schweizer Rektorenkonferenz ist Anfang des Jahres aus dem Ranking ausgestiegen ...
Kohler: Die österreichischen Universitäten haben bisher teilgenommen. In der nächsten Runde werden sich die Unis nicht mehr über die AQA beteiligen. Wir haben einige wesentliche methodische Kritikpunkte im CHE-Ranking festgestellt. Das war der Anlass, das Projekt nicht weiterzuführen.
derStandard.at: Welche methodischen Kritikpunkte haben Sie konkret festgestellt?
Kohler: Das CHE-Ranking basiert etwa auf sehr geringen Stichprobengrößen und ist deshalb statistisch gesehen nur bedingt aussagekräftig. Die Rahmenbedingungen der österreichischen Universitäten werden im CHE-Ranking nur unzureichend erfasst. Wir haben in Österreich weitgehend freien Hochschulzugang, was zu Massenstudien führt. Damit herrschen im Gegensatz zu deutschen Universitäten, wo der Hochschulzugang in Massenfächern reglementiert ist, völlig unterschiedliche Bedingungen vor.
derStandard.at: Wird sich Österreich in dieser Form also an keinem Ranking mehr beteiligen? Gibt es eine Alternative zur Evaluation der Hochschulen?
Kohler: Es kann sein, dass einzelne österreichische Universitäten am CHE-Ranking teilnehmen. Meinen Informationen zu Folge werden sich die meisten österreichischen Unis aber nicht mehr beteiligen.
Eine Alternative gibt es, allerdings nicht in der Form eines klassischen Rankings in dem Daten aufbereitet werden, die in erster Linie der Veröffentlichung dienen. Die Alternative ist ein Benchmarking-Verfahren (Anm.: Vergleichende Analyse mit einem festgelegten Referenzwert), das wir mit einigen Universitäten und Fachhochschulen durchführen. Dabei werden nicht punktuell einzelne Outputgrößen miteinander verglichen. Vielmehr werden Leistungen in den Bereichen Forschung und Lehre in einen Zusammenhang gesetzt und anhand verschiedener Messgrößen verglichen. Berücksichtigt werden Ressourcen und Organisationsstrukturen, welche die Hochschulen steuern können.
Die Universitäten und Fachhochschulen erhalten damit aussagekräftige Informationen, die sie für ihre interne Qualitätsentwicklung nutzen können. Zudem können sie aus gegenseitigem Erfahrungsaustausch lernen. Außerdem haben die Universitäten die Möglichkeit, ihre internen Qualitätsmanagementsysteme durch die AQA anhand eines internationalen Labels zertifizieren zu lassen. Wir denken, dass wir mit einem derartigen Verfahren den Universitäten und Fachhochschulen sehr viel mehr bieten können als durch ein Hochschulranking, das deren Rahmenbedingungen nur unzureichend berücksichtigt.
derStandard.at: Was würden Sie einem Studienanfänger bei der Wahl der Universität raten - Woran soll man sich orientieren?
Kohler: Ich denke, man soll sich als Studienanfänger oder Studienanfängerin über die Berufsperspektiven eines Studienabschlusses kundig machen. Auch darüber geben Rankings keine Auskunft. Die Studienbedingungen an Universitäten sollte man sich persönlich ansehen. Natürlich kann man einen Blick auf Rankings werfen, man sollte sich aber nicht von ihnen verleiten lassen. Ich denke, dass eine fundierte Studieninformation viel mehr bringt als der Blick aufs Ranking.
derStandard.at Die Qualitätssicherung der universitären Lehre wird in Österreich zunehmend ernst genommen und professioneller betrieben. Negative Evaluationsergebnisse können Konsequenzen haben. Glauben Sie, dass die Evaluation der Lehre motivierend wirkt oder kontraproduktiv ist?
Kohler: Ich denke, die Qualitätssicherung der Lehre ist absolut notwendig. Man kommt nicht umhin, die Gestaltung von Lehrplänen und didaktische Qualität eines Lehrenden bewerten zu lassen. Studierende spielen dabei eine sehr wichtige Rolle. Wichtig ist, das Feedback der Studierenden über einen längeren Zeitraum hinweg zu betrachten. Ich halte wenig davon, dass die Ergebnisse eines einzelnen Semesters zu Konsequenzen führen. Mit Lehrenden sollen entsprechende Feedbackgespräche geführt und Konsequenzen gezogen werden. Mit Konsequenzen meine ich in erster Linie Qualifikationsmaßnahmen im didaktischen Bereich.
derStandard.at: Sollen die Ergebnisse einzelner Lehrveranstaltungsevaluationen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden?
Kohler: Man sollte Evaluationsergebnisse grundsätzlich einer Öffentlichkeit zugänglich machen, damit sie an Verbindlichkeit gewinnen. Eine Evaluierung sollte sich jedoch nicht in Richtung eines an-den-Pranger-stellens von schlechten Leistungen entwickeln. Vielmehr sollten sie dazu genutzt werden, Verbesserungsmaßnahmen in die Wege zu leiten. (derStandard.at/Katrin Burgstaller, 21. August 2007)
Alexander Kohler, Jg. 1967, ist Geschäftsführer der AQA. Zuvor koordinierte er das EU-Berufsbildungsprogramm Leonardo da Vinci in Österreich und war als Sachverständiger bei der Europäischen Kommission tätig.
Info
AQA wurde als unabhängige Einrichtung auf gemeinsame Initiative der Österreichischen Rektorenkonferenz, der Fachhochschulkonferenz, der österreichischen Privatuniversitäten, der HochschülerInnenschaft und des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur Anfang des Jahres 2004 gegründet.
"gerated" werden.
Voll verständlich, weil die Tests können nicht objektiv sein.
Aber, solange "gerated" und "gerankt" wird: jene die gar nicht vorkommen, werden implizit hinten angestellt.
Spitzenunis könnten viel plausibler argumentieren: dieses Rankingverfahren ist unzureichend.
Wir? Nicht einmal ingnoriert.
Ich suche Top-Restaurants weiter nach Michelin.
Rankings schaffen "Tatsachen", denen sich die gerankten Unis - auch die guten - nur schwer entziehen können. Nicht einmal die (per definitionem) wenigen Spitzenunis,
Klarerweise wird keine Uni für sie positive Ergebnisse beanstanden (auch wenn diese tatächlich nicht gerechtfertigt sind). Und eine jegliche (auch berechtigte) Kritik an Ergebnis oder Methode wird sofort zum Vorwurf führen, man sei ja nur ein schlechter Verlierer. Daher wird das Ranking effektiv unanfechtbar.
Der Empfehlung eines kulinarisch gebildeten Freundes (oder gar meinen eigenen Eindrücken bei einem persönlichen Test-Essen) traue ich allemal mehr als der Werbung von McDonalds. Oder den Einflüsterungen des Michelin-Männchens.
aber in Anbetracht des Ausmaßes an Reflexhaftigkeit und Uninformiertheit, welches mir in diesem Thread entgegenschlägt, kann ich nicht anders, als selbst ein solches zu verfassen.
1) Das CHE wird von der Bertelsmann-Stiftung gesteuert und arbeitet - auch mit seinen Rankings - auf die Fremdsteuerung der Unis durch die Industrie hin. So gesehen ist der Ausstieg begrüßenswert.
2) Mit Evaluationen und Rankings lässt sich sowohl Politik machen, als auch Geld verdienen. CHE gegen Shanghai, AQA gegen CHE: das ist Futterneid. Die Wissenschaft als solche ist keiner dieser Institutionen ein Anliegen.
3) Die Methode des "Qualitätsvergleichs" mittels Rankings ist prinzipiell problematisch und durchaus umstritten. Ein Ranking ist kein Fachurteil!
Das UOG2002 ist eine Ausgeburt des CHE, sozusagen eine Testimplementierung der laufenden Hochschulreformen in Deutschland, z.B. in NRW.
D.h., sie brauchen sich keine Sorgen zu machen: the "spirit of CHE" bleibt uns in A erhalten, auch wenn sich die AQA aus taktischen oder optischen Gründen nicht mehr am CHE-Ranking beteiligen mag.
Und das Ziel des CHE ist tatsächlich die Verschulung der Universitäten (mit Ausnahme einiger "innovationsgenerierender" Exzellenz-Zentren): dieser Prozeß läuft bereits, auch dank Bologna. Mit oder ohne Beteiligung Österreichs am CHE-Ranking (auch wenn dies aus der Sicht des CHE natürlich ein mehr an unmittelbaren Steuerungsmöglichkeiten bedeutete).
uaaaah sie kommen uns alle holen!!!! die industrie! ... ich fühle mich ferngesteuert.
Die CHE legt ihre Kriterien dar, und hält sich daran. Wenn sie die kritisieren wollen (und können) nur zu! Mit einem vagen 'die industrie versucht uns fernzusteuern' daherzukommen, ist ein bisschen schwach.
Der Ausstieg der AQA scheint mir allein durch das schlechte Ergebniss der Unis begründet, die halt nicht in die PR Strategie der österreichischen Politik passt.
Was ist das bitte für Kritikpunkt: 'Es wird nur Forschung evaluiert'. Erstens falsch, und zweiten, super! Ergebnisse von Forschungevaluationen sind auch interessant.
Ja und: 'Nein Rankings sind nicht alles was es gibt, um die Qualität zu beurteilen' danke super setzen.
... und, Sie werden es mir nicht glauben: ich hatte es schon vermißt. Jetzt ist mir wohler. Danke.
Übersehen Sie jedoch bitte nicht, daß ich weder die AQA verteidigt oder ihr hehre Gründe für den Ausstieg unterstellt habe. Im Gegenteil. Ich kann mich Ihrer Vermutung, daß ein schlechtes Ergebnis die AQA zum Ausstieg bewogen hat, nur anschließen. Aber wenn aus fragwürdigen Motiven etwas Gutes entsteht, werde ich mich nicht beschweren.
Ich weiß nicht, ob Sie Wissenschaftler sind. Wenn Sie aber mehr Freunde am Ranken und Evaluieren als am Denken und Urteilen haben, dann sollten Sie vielleicht besser eine Karriere als Buchhalter, Wissenschaftsmanager oder Evaluator erwägen.
Literatur zum Thema CHE?
http://www.nachdenkseiten.de/?p=115
die bei Gefahr verdunkeln, weil mehr Leute aus Angst sterben statt an der Gefahr selbst. (Douglas Adams)
Schlechte Bewertung - Bewertungsmethodik schlecht.
Mir wäre es ehrlich gesagt egal, ob wir an Stelle 40 oder 50 sind, aber wenn wir überhaupt nicht mitspielen, hat das seine eigene Aussagekraft.
Mir kommt das einfach als recht durchsichtige Verteidigungsstrategie vor. Oder vielleicht spielen wir nur beleidigte Leberwurst;)
Uebrigens ist der Lehrbetrieb in Ö auch ganz katastrophal: Ueberfuellte Vorlesungsräume, lange Wartelisten fuer Seminare und Praktika, keine Betreuung bei Diplomarbeiten, kaum ansprechbares Lehrpersonal, man muss manchmal Monate auf Pruefungsergebnisse warten, etc..... Glaubt der gute Mann echt er kann mit so einer Leistung was reissen in einem internationalen Ranking? Oder hat er etwa vor dem Interview ein gutes Gras geraucht um sich einzunebeln und die Welt etwas rosiger zu sehen?
wie im interview nachzulesen, ist ja einer der hauptgründe, dass "unterschiedliche rahmenbedingungen nicht in die evaluierung einfliessen", was im klartext heisst, dass er die österreichischen unis anders bewertet wissen will, weil sie einen offenen zugang aufweisen.
dieser, natürlich verbunden mit nicht entspechendem budget, führt zu den von ihnen beschriebenen zuständen, die natürlich in jede bewertung einfliessen müssen. warum das unfair sein soll, weiss wahrscheinlich nicht mal kohler selbst.
An den österreichischen Unis ist kaum Zeit ueber fuer Forschung. Anstatt sind die Forscher (Professoren und Assistenten) dort viel zu beschäftigt mit aufgeblähter und ueberfluessiger Buerokratie, internen Machtkämpfen, und einem gewaltigen Arbeitsaufwand fuer Lehre. Wie kann man da noch auf hohem Niveau forschen und publizieren? Ausserdem fehlt den Unis auch die finanzielle Unterstuetzung um wirklich gut zu forschen weil in Ö weder bei der Politik noch bei der Bevölkerung ein Bewusstsein fuer die Wichtigkeit von Forschung existiert. Fuer den Durchschnitts-Össi ist die Uni eine höhere Ausbildungsstätte und das wars. Forschung ist ueberfluessig weil da könnten ja Innovationen rauskommen die eh nicht erwuenscht sind. Ist viel zu gefährlich.
Stimmt leider.
Und mit dem - vom CHE (nicht Gehrer!) ersonnenen UOG2002 - ist es noch viel schlimmer geworden.
Die "unternehmerische Uni" ist zum Paradies für Buchhalter, Bürokraten, Evaluatoren, Verwalter, Wissenschafts-Manager und notorische Wichtigtuer geworden. Auf Kosten und zum Nachteil von Forschung und Lehre. Auf der TU Wien z.B. wächst das Verwaltungspersonal, während es immer weniger wissenschaftliche Stellen gibt (noch dazu zum Großteil Teilzeitstellen). Während der FWF als alternative Finanzierungsquelle für Jungforscher systematisch ausgehungert wurde.
Und in D ist es nicht besser:
http://www.nachdenkseiten.de/?p=2497 .
Seit den 30er Jahren, würde ich sagen. Um 1900 hätte die Uni Wien in vielen Fächern noch einen sehr guten Stand gehabt. Nach dem Massenmord an den und der Vertreibung der Juden und der Besetzung aller Professuren mit Nazis hat sich forschungsmäßig nicht mehr viel getan in Österreich. Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Vorteil der österreichischen Unis in den 50er bis 90er Jahren war dass damals niemand ernsthafte internationale Vergleiche gemacht hat. Sonst hätte man das was man heute jeden Tag liest schon früher überall gelesen.
Ihre Analysen sind oft sehr treffend.
Während die Qualität Ihrer daraus gezogenen Schlüsse leider nicht immer mit der Qualität der Analyse mithalten kann.
Was kann ein offensichtlich intelligenter Mensch nur diesem Ranking-Unfug in Konjunktion mit der "publish or perish"-Attitüde abgewinnen? Was ich bemerke, ist, daß die Qualität früher sehr guter internationaler Journale (z.b. aus der IEEE Transactions Reihe) aufgrund des immer bizarrere Formen annehmenden Publikationsfetischismus stetig sinkt. Daß vom Schreiben/Einreichen von Konferenz-Papers immer mehr als "Zeitverschwendung" (nur Journals zählen) abgeraten wird. Dabei stellen diese oft die Vorstufe zu guten Journal-Publikationen dar.
Das System pervertiert sich gerade selbst.
Aber solange manche Professoren in Österreich nach wie vor glauben dass eine Publikation in der Österreichischen Vierteljahrschrift für Hinterwäldlerstudien, die von dem mit dem man 30 Jahre am selben Institut gearbeitet hat und von dem den man vorige Woche beim ÖVP-Bezirksfest getroffen hat begutachtet wird, besser sei als eine Publikation im American Journal of Sociology (Huch, da publizieren ja Leute aus aller Welt! Da kommt womöglich irgendein obergscheiter Doktorand aus einem fernen Land als Referee daher und erbost sich mir Verbesserungsvorschläge zu machen!), wird sich daran garantiert nichts ändern. Soziologie nur als Beispiel, in anderen Fächern ist es um nichts besser. Es gibt in Österreich gute Wissenschaftler, aber sie sind rar.
=> Was die Forschung anbelangt ist jedem österreichischen Wissenschaftler klar was die Ursachen für die katastrophalen Ergebnisse sind: fehlendes Geld (für Doktoranden ebenso wie für alle weiteren Stufen), fehlende Arbeitsmoral (kein Uni-Problem sondern ein Österreich-Problem), viel zu viele Hierarchien, viel zu viele Machtspielchen, die Habil, viel zu hohe Lehrverpflichtungen, schwache Doktorandenausbildung, schlechte Personalpolitik (entweder gar keine weite Ausschreibungen oder nur Scheinausschreibungen, alles nur auf Deutsch damit sich möglichst wenige Leute bewerben, Entscheidung aufgrund von Sympathie anstatt aufgrund von Leistung), kein Karriereschema, usw. Aber geändert wird halt nichts -- das Problem der österreichischen Trägheit.
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