Immer der Letzte, der geht

Redaktion, 24. August 2007 12:57
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    Foto: peter peitsch

    "Wer meine Bücher ablehnt, ist des Teufels", sagt Thomas Glavinic. Selten sind Neid, Versagens- ängste und der ganze heimische Literatur- betrieb so schonungslos und leichtfüßig zugleich protokolliert worden.

"Das bin doch ich." - Thomas Glavinic geht in seinem neuen Roman grandios mit der Szene und sich selbst um

Thomas Glavinics neuer Roman gehört zu jener Sorte von Büchern, bei deren Lektüre ich mich bei dem Gedanken ertappe: Das könnte ich auch. Aber ich könnte es natürlich nicht. Mir wäre es zu peinlich. Es gehört einiger Mut dazu, Familie und Freunde derartig in die Auslage zu stellen, es gehört nicht weniger Mut dazu, sich selbst ohne Schonung preiszugeben. Und es bedarf einigen Könnens, um einen leichtfüßig witzigen, scheinbar dahinsprudelnden Text so zu schreiben, dass der Leser sich die Frage nach der Machart gar nicht stellt. Humor ist schwer. Selbstironie vielleicht noch schwerer.

Glavinic - das hat er mit dem Ratgeber-Roman Wie man leben soll (2004) bewiesen - beherrscht dieses Metier. "Das Heroische will nicht mein Fach sein", sagt er selbst in seinem neuen Buch. Er selbst? Wie steht es denn mit der eisernen Regel der Literaturwissenschaft, man dürfe den Erzähler nicht mit dem Autor verwechseln? D'accord. Aber wenn der Autor Thomas Glavinic seinen Ich-Erzähler Thomas Glavinic nennt, dann darf der Interpret sich mit Fug und Recht aus der hermeneutischen Fesselung entlassen fühlen.

Das Ablegen (angeblich) authentischer Autorenbeichte hat hierzulande Konjunktur, Wolf Haas hat es in Das Wetter vor fünfzehn Jahren vorgemacht, Margit Schreiner jüngst Ähnliches unternommen. Dass Schriftsteller in Romanen über die Höhen und Tiefen des Schriftstellerdaseins schreiben, ist indessen nichts Neues, höchstens dass sie es so unverhüllt autobiografisch und selbstironisch tun. Eines aber ist Das bin doch ich gewiss nicht: ein Schlüsselroman des Literaturbetriebs. Man braucht nämlich keinen Schlüssel, weil die Protagonisten entweder ihre eigenen Namen tragen oder nur spaßhalber verfremdete.

Thomas Glavinic jedenfalls hat zu Beginn soeben seinen Roman Die Arbeit der Nacht fertiggestellt und sucht einen Verlag. Sein Freund Daniel "hat gerade ein Buch veröffentlicht, das Die Vermessung der Welt heißt". Nach einer Lesung des "größten Starautors der westlichen Welt", der wohl Amerikaner sein und wie fast alle US-Autoren von Rang Jonathan heißen dürfte, begegnet man dem Kabarettisten Thomas Maurer, Klaus Nüchtern vom Falter und Kulturstadtrat Mailath-Pokorny, der aussieht "wie ein Kasuar" - der Autor verfügt über eine beachtliche ornithologische Bildung, ich musste nachschlagen. Die Runde erhält ausgiebig Gelegenheit, sich im Angesicht des Stars lächerlich zu machen. Namenlos und ungeschoren bleibt nur "die FAZ-Kritikerin".

Wer immer hier nicht vorkommt, darf das als Auszeichnung betrachten: Fast alle Auftretenden werden mit einer gehörigen Portion Spott bedacht. Allerdings betreibt Glavinic eine noch rücksichtslosere Demontage an der eigenen Person. Gleich das erste der 24 Kapitel beginnt mit einer buchstäblichen Selbstentblößung: Der Held zeigt sich nackt unter der Dusche, wo er wie stets den Blick auf seine Genitalien vermeidet, da er Angst hat, etwaige Schwellungen könnten auf Hodenkrebs hindeuten. Die Frage, zu welchen Listen er beim unvermeidlichen Wasserabschlagen Zuflucht nehmen könnte, bleibt offen.

Dieser Thomas Glavinic ist aber, nach eigener Wahrnehmung, nicht nur ein Hypochonder. Er ist auch sonst ziemlich ängstlich und zieht Bedrohliches, wie herabstürzende Oberleitungen und Psychopathen, geradezu an; er selbst erklärt das mit des "Angsthasen" besonderer "Witterung für Gefahren". Um nicht enttäuscht zu werden, geht er immer zum selben Inder und isst dort immer dasselbe: "Thomas Glavinic ist ein Achtjähriger, und ich muß mit ihm leben." Er hält sich Weib und Kind nach Künstlermanier vom Leib. Er kokettiert mit seiner Misanthropie, die jener des Helden in Die Arbeit der Nacht nicht unähnlich ist. Auf jeden Fall trinkt er zu viel, obwohl er sich eigentlich für einen "Anlaßtrinker" hält, aber Anlässe gibt es in diesem Milieu genug - ein erschreckenderes Sittenbild der Wiener Kulturszene ist kaum vorstellbar. Angesichts der Bizarrerien des zwischenmenschlichen Verkehrs, all der Worthülsen, Angebereien und Blamagen, sucht der Trinkende die Gnade der Betäubung, aus der er hie und da erwacht: "Maurer sitzt da und spricht. Da kann auch ich nicht weit sein. Ich bin nämlich immer der letzte, der geht." Eine Ich-Suche der etwas anderen Art.

Betrunken versendet Glavinic reihum Mails "von fragwürdigstem Inhalt", an die er sich in der Früh nicht erinnern kann. Freilich hat er es nicht leicht. Ihm fehlt das Schreiben, die Warterei auf Neuigkeiten von der Agentin nervt, und Freund Daniel versorgt ihn, wenig sensibel, per SMS regelmäßig mit den neuesten exorbitanten Verkaufszahlen seines Bestsellers. Welcher Autor hat schon die Größe, Neid zuzugeben? Nicht nur auf den Erfolg, auch auf die Gelassenheit anderer: "in mir tobt ständig etwas, und ich frage mich, was mich eigentlich zusammenhält. Nein, ich frage mich das nicht, ich weiß es ja, es ist das Schreiben, und deswegen muß ich etwas unternehmen."

Wir haben schon verstanden: Im Arbeitsplan des Autors ist dieses Buch ein Pausenfüller, auf ihm lastet keinerlei Erwartungsdruck, deshalb wohl wirkt es so entspannt und auf mühelose Weise sprachlich stimmig. Dass man sich beim Lesen genauso gut unterhält wie der Autor offenkundig beim Schreiben, ist beileibe nicht selbstverständlich und funktioniert auch ohne Wiedererkennungseffekt.

Das Buch endet mit einer historisch verbürgten Lesung aus dem inzwischen veröffentlichten Roman. Dass alle da sind, aber Verkaufskaiser Daniel lieber zu Hause "Shining" anschaut, schmerzt. Es schmerzt auch, dass Die Arbeit der Nacht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis fehlt. Schmerzt wie früher so manche Kritik: "Wer meine Bücher ablehnt, ist des Teufels." Endlich ein ehrlicher Schriftsteller.

P.S.: Das bin doch ich steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2007. (Daniela Strigl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 18./19.08.2007)

Thomas Glavinic, "Das bin doch ich. Roman". € 20,70/248 Seiten. München, Hanser 2007.
Kommentar posten
19 Postings
Auer Karl
19.08.2007 13:34
"Ich könnte es nicht ... Humor ist schwer"

Seltsames Argument einer Kritikerin. Dass man selbst humorlos ist wird dem Buch positiv angerechnet.

Das ist doch genau das Argument, das Kritiker sonst immer ablehnen: Dass man selbst keinen Roman verfassen könne, verbiete einem noch lange nicht, sich dazu kritische Gedanken zu machen. Das ganze Berufsverständnis beruht doch darauf, dass man Kritik auch an etwas üben kann, das man selbst nicht beherrscht.

der postbote
19.08.2007 12:04
gibt es etwas öderes, als

ein buch in dem die wiener "szene" vorkommt?! diese ganzen ungustln, die sich gegenseitig den bauch streicheln und den verkauf ihrer bücher, bilder und platten im pr-verbund hochpushen?

zumindest hat glavinic damit bewiesen, dass er das spiel kapiert hat und er ein hervorragender verkäufer ist.

Kahuna
18.08.2007 13:37
Deutschlektion fuer Literaturkritiker

Hoffentlich isst Glavinic beim Inder nicht dasselbe. Das Gleiche ist sicher bekoemmlicher.

DesEsseintes
18.08.2007 11:47
Lächerlich...

Wie die Leseprobe auf der Homepage des Hanser-Verlags hinreichend verdeutlicht, hat das neue Buch von Thomas Glavinic künstlerisch genausowenig zu bieten wie alle anderen Bücher aus seiner Feder.
Wer Literatur mit billiger Unterhaltung und Spiel mit den voyeuristischen Bedürfnissen des Publikums verwechselt, sollte im Standard keine Kritiken verfassen, verehrte Frau Strigl.

Franz Liebkind
19.08.2007 13:20
natürlich ist literatur...

... billige unterhaltung. was kosten denn so die bücher, 15, 20, 25 euro.

Chinese des Schmerzes
18.08.2007 21:05
unbeholfen und dürftig

wo sie recht haben, haben sie recht. auch die anderen bücher von glavinic sind übersät mit wohl unfreiwilligen stilblüten und unbeholfenen sprachwendungen - ein autor, der derart dürftig mit sprache umgehen kann wird zum liebling der kritiker und kritikerinnen --- merkwürdig, oder doch nicht, weil diese sprachdürftigkeit nicht mehr von sprachmächtigkeit unterscheiden können ...

Terence Lennox
19.08.2007 09:50
der alte handke..

..hingegen, das verrät dein nick, der ist noch einer der letzten sprachmächtigen, einer, der sogar dem kulturchef der infoillustrierten das gefühl für sprache eintrichtert. oder bist es gar du? heinz?..

Terence Lennox
18.08.2007 13:25
aha..

..die oberlehrer, die wächter des richtigen im vormarsch. zurücktreten in die zweite reihe. aber schleunigst..

Harald Schmidt-Juhnke-Serafin
17.08.2007 21:59
hier geht es, meines ermessens nach,um die selbstironische beweisführung, dass er es soweit geschafft/gebracht hat, dass er anhand seines guten namens alles verkaufen kann.

und der erfolg wird ihm recht geben. ein doppelbödiges spiel, das aufgehen wird. wer schon mit den gnadenlosen selbstinszenierern wie Nüchtern, Maurer, Mailath-P zu tun hatte, wird wetten abschliessen, dass diese herrschaften auf das spiel (ohne es zu durchschauen) aufspringen werden. und damit ist der multiplikationseffekt garantiert.

dannwann irgendwann wird er sich wieder auf seine rolle besinnen (weswegen er angetreten ist: gute bücher, keine fakes!) und sich einem ernsten thema zuwenden - und daran scheitern. aber egal, der fanfaktor (pardon: fun-faktor) is it. pseudo rules - in den kulturämtern, verlagen & redaktionen!

Terence Lennox
18.08.2007 13:24
mein gott..

..sie haben die popkultur einfach nicht begriffen. wohl ein alter hippie, was?..

archivar
17.08.2007 21:06
"Wolf Haas hat es in Das Wetter vor fünfzehn Jahren vorgemacht"

Hmmmm - dass man mit was Nachgemachtem so problemlos durchkommt?

ringofire
18.08.2007 16:10
boaahhhh!!!

das hat sich wolf haas nicht verdient - das höchst raffinierte "wetter vor fünfzehn jahren" in einem atemzug mit so einem anekdotenbuch zu nennen.

Franz Liebkind
19.08.2007 13:23
ich mag...

... wolf haas. aber das wetter vor 15 jahren ist einfach fad.

sec
17.08.2007 23:42
ohne genierer

frau strigl scheint überhaupt alle kritischen gedanken zu diesem "grandiosen" buch ausgeblendet zu haben. eine ähnlich euphorische kritik hat daniel kehlmann zu glavinics letztem roman im spiegel geschrieben. daraufhin hab ich mir den roman gekauft, fand ihn dann aber nicht so berauschend und wunderte mich über kehlmanns begeisterungsstürme. jetzt erfahre ich also, dass die beiden gute freunde sind.

Terence Lennox
18.08.2007 13:26
derartige..

..freunderlwirtschaft gehört bestraft, oder?..

wruppka
18.08.2007 10:56
Hab grad nachgesehen ...

Glavinics letztes Buch hat die Rezensentin am selben Ort sehr kritisch besprochen. Dieses hier gefällt ihr besser, und sofort erregen sich die Poster. Verstehe ich nicht. Ihr kennt doch offenbar nichtmal das Buch, also woher die Feinschaft?

peter hosentasche
18.08.2007 10:28
Du bist süß.

Dass Kehlmann und Glavinic gute Freunde sind, pfeifen ja die Spatzen aus den Rinnsteinen. Aber ich geb dir recht: die Rezensionen ist extrem unkritisch, um nicht zu sagen widerlich anbiedernd.

Franz Liebkind
19.08.2007 13:24
und was ist...

...da das problem?

peter hosentasche
19.08.2007 19:14
Dass Glavinic und Kehlmann gut miteinander befreundet sind,

ist natürlich kein Problem. Aber eine derart lobhudelnde Rezension, die sich hautpsächlich in der peniblen Aufzählungen von Themen und Themchen des Buches ergeht und einfach alle und alles gut findet, erscheint mir, zumindest für eine Qualitätszeitung, doch ein wenig problematisch.

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