Wifo-Chef: "Kein Schaden für Konjunktur"

12. September 2007, 14:42
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Wifo-Chef Aiginger tritt Rezessionsängsten im Gefolge der Turbulenzen an den Finanzmärkten entgegen. Die Konjunktur sei robust, die Unternehmen seien ertragsstark

Wien / New York – Die Konjunktur in Österreich und Europa sei so stabil, dass die aktuellen Turbulenzen in den Finanzmärkten ihr nichts anhaben kann, sagt Wifo-Chef Karl Aiginger. „Die Wachstumseffekte sind stärker als erwartet. Wir werden die Prognosen sicher nicht nach unten revidieren“, erklärte der Ökonom im Standard-Gespräch. Grund dafür seien hohe Unternehmensgewinne und sinkende Arbeitslosigkeit, die den Konsum in Schwung hielte. Aiginger verwies auf das Wachstum der österreichischen Wirtschaft im zweiten Quartal des Jahres, mit 3,8 Prozent das höchste seit 1999. Weniger rosig sieht der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger die Lage: "Wir erleben das Ende eines langen, ungewöhnlich starken globalen Aufschwungs." Die US-Notenbank Fed hat am Freitag die Märkte mit einer Zinssenkung für Zentralbankkredite überrascht. Die Reduktion des Diskontsatzes um einen halben Prozentpunkt auf 5,75 Prozent hat die internationalen Finanzmärkte vorerst beruhigt: Die meisten europäischen Börsen drehten danach deutlich ins Plus, die New Yorker Börse eröffnete fester. Die Wiener Börse schloss hingegen wieder mit einem Minus. Für die asiatischen Handelsplätze kam die Nachricht aus New York zu spät, die Börse in Tokio fuhr denn größten Verlust seit den Anschlägen vom 11. September 2001 ein. Trotz der verbesserten Stimmung an den Finanzmärkten warnen Experten mittlerweile vor einer Rezession in den USA, weil die Konsumenten verunsichert sind. Anschaffungen wie Autokäufe könnten ausbleiben, so die Befürchtung.

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In den USA wachsen die Sorgen, dass die Schockwellen von den Finanzmärkten auf die Konjunktur überschwappen, in Österreich versucht Wifo-Chef Karl Aiginger die Wogen zu glätten: "Die Konjunktur ist so stabil, dass sie sehr viel verträgt. Die Wachstumseffekte sind stärker als erwartet. Wir werden die Prognosen sicher nicht nach unten revidieren." Was die reale Wirtschaft anbelangt, sieht Aiginger eher einen Korrekturbedarf nach oben. "Die Entwicklung an den Finanzmärkten hindert uns, das hinauszuposaunen", erklärt der Ökonom im Gespräch mit dem Standard.

Keine Krise

Ein Schneeballeffekt, der von den Turbulenzen bei Währungen und Aktien ausgehe, sei niemals auszuschließen, "aber ich sehe keine Krise". Seinen Optimismus begründet Aiginger mit zwei Faktoren: Einerseits sei die Eigenfinanzierung der Unternehmen wegen der ausgezeichneten Gewinnentwicklung so hoch, dass die gestiegenen Risikoaufschläge für die Kreditaufnahme nicht stark ins Gewicht fielen. Eine Abflachung der Investitionen sei daher nicht zu erwarten. Andererseits werde der Konsum von der sinkenden Arbeitslosigkeit gestützt, zudem sorge die hohe Sparquote in Europa und Asien für einen Puffer – im Gegensatz zu den USA, wo die Verbraucher wegen der niedrigen Sparquote im Verbund mit den hohen Immobilienausgaben anfälliger seien.

Untermauert werden die Aussagen des Wifo-Chefs durch die jüngste Eurostat-Statistik, wonach die österreichische Wirtschaft im zweiten Quartal mit 3,8 Prozent den größten Zuwachs seit 1999 verzeichnete. Gleichzeitig sind die Wachstumsraten in den fünf größten Volkswirtschaften Europas bereits rückläufig, weshalb die Wirtschaftsleistung in der Eurozone von April bis Juni nur noch um 2,5 Prozent zulegte.

Weniger Optimismus in Deutschland

Weit weniger optimistisch als Aiginger gestimmt ist der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger, dem zufolge die Finanzkrise die Weltwirtschaft beschädigen könnte. "Wir erleben derzeit das Ende eines langen, ungewöhnlich starken globalen Aufschwungs", sagte er der Tageszeitung Die Welt. Bofinger ortet schwer wiegende Fehler in der Politik der US-Notenbank Fed, die mit ihren massiven Zinssenkungen der Wirtschaft eine Art Doping verabreicht habe. "Dieser Effekt fällt jetzt weg und beendet damit eine Phase extrem guten Wachstums", sagte Bofinger.

In den USA wird bereits das böse R-Wort in den Mund genommen: Rezession. Hintergrund ist die Dominanz der privaten Verbraucher in der größten Volkswirtschaft der Welt, die stark auf Pump leben. Wenn sich die Kredite verteuern, drohen nicht nur Hausbauten, sonderen auch andere Anschaffungen einzubrechen. "Das Risiko einer Rezession hat beträchtlich zugenommen", meinte Mark Zandi von der Ratingagentur Moody‘s. Auch General-Motors-Vorstand Bob Lutz befürchtet, dass der Börsen-Rutsch dem Autoabsatz schaden könne. (Andreas Schnauder, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 18./19.8.2007)

  • Wifo-Chef Karl Aiginger beruhigt.
    foto: standard/corn

    Wifo-Chef Karl Aiginger beruhigt.

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