Frischfleisch auf dem Laufsteg

6. September 2007, 17:19
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Viehversteigerungen bedeuten für viele Landwirte Erntezeit. Für die Rinder führt der Laufsteg in die Zucht oder in den Schlachthof

Hartberg – Schnitzelduft liegt in der Luft und überdeckt den zarten Stallgeruch. Die Tribüne füllt sich mit Publikum, unten am Sandboden der Arena stakst das Zuchtkalb Nummer 141 schüchtern im Kreis, wagt dann doch einen Bocksprung. "400 Euro", tönt es aus den Lautsprechern. Hände mit Bieternummern wedeln in der Luft. "410, 420, 430, 440, 450." Das Tempo steigert sich. "640, 650 zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten." Ein zufriedenes Nicken geht durch die Reihen. Die Gebote für das nächste Kälbchen schrauben sich auf 940 Euro. Das Publikum applaudiert.

Es ist Zuchtrinderversteigerung in Hartberg. Vor der Halle parken dicht gedrängt Viehanhänger, Bauern führen ihre Rinder mit dicken Stricken die Rampe hinauf. Von der Waage geht es zum prüfenden Blick des Amtstierarztes, dann in die Waschanlagen. Das Fell der bulligen Stiere ist glatt rasiert, da und dort sorgt Glanzspray für den letzten Schliff. Hans Taus lässt sich vom Gedränge nicht aus der Ruhe bringen. Der Landwirt striegelt hingebungsvoll die Flanken seiner Kuh. Mit 200 Stück Vieh zählen er und sein Nachbar zu den größten Züchtern in der Region. Sechs Kühe will er hier verkaufen. Er hoffe auf einen guten Preis, sagt er und lächelt. Allein das Wetter sei nicht ideal. "Zu schön. Da sind viele Bauern lieber auf dem Feld."

Jahrelange Zuchtarbeit

Vis-à-vis mustert Franz Hiebaum kritisch das Hinterteil seiner Stiere Romeo und Rigo. Jahrelange Zuchtarbeit stecke dahinter, verrät er. "Heute ist Erntezeit." Die Rufpreise für seine Stiere sind je 2000 Euro. "Das ist schon was." Gern heimgehen würde er mit je 3000. Jungbauer Peter Schlagbauer ist skeptischer. "Stiere werden ja fast nur noch von Liebhabern gekauft." In Zeiten der künstlichen Besamung werde der Natursprung immer seltener. Mit einer guten Zuchtkuh komme man da schon viel leichter ins Geschäft. Jetzt müsse er aber weiter – jemand habe sich seine Putzbürste ausgeborgt und nicht zurückgebracht. Die Blicke der Bauern und Händler wandern bedeutungsschwer von Zuchtkatalogen zu den braun-weiß gescheckten Rindern. Was für sie zählt, sind Milch- und Fleischleistung, Fundament, Kalbeverlauf und Temperament. Hände werden geschüttelt, Köpfe zusammengesteckt. Dazwischen wuseln Kinder durchs Getümmel, ein Bub zieht ein Kalb hinter sich her, das kaum kleiner ist als er. Biobauer Martin Fischer ist nur mit einem einzigen Zuchtkalb angereist. 570 Euro hat er für das drei Monate alte Tier bekommen und ist zufrieden. "Das Ganze ist ja immer auch ein bisserl eine Glückssache."

Preise steigen

In der Versteigerungshalle begrüßt Landesrat Johann Seitinger die Bauern. "Das hier ist der Spiegel der steirischen Zucht", betont er später und nickt bestätigend. Gegner sei nur der globale Markt. Österreich könne da mit seinen kleinen Strukturen nicht mithalten. Dass das Rindfleisch langfristig teurer wird, daran führt für Seitinger kein Weg vorbei. "Die neuen EU-Länder bemühen sich, die eigene Lebensmittelproduktion vorwärtszubringen." Damit steige der Bedarf an Zuchtvieh. Österreich exportiere bereits jetzt 30 Prozent seines Fleckviehs. "Händler aus aller Welt steigern mit." Dass Getreide zunehmend der Biosprit-Erzeugung und weniger als Futtermittel diene, tue sein Übriges zur Verknappung des Rinderbestandes in Europa. Für den Landesrat sind höhere Lebensmittelpreise nur angemessen. "Wir Bauern hatten bisher die härteste Arbeit und den kleinsten Profit."

Zuchtwert muss stimmen

Stier Humbold hat derweil andere Sorgen. Er ist der Shootingstar der Auktion und soll als Sprungbulle dienen. Noch trottet er ein wenig müde im Kreis. Sein potenzieller Käufer Karl Bauer, Chef der Gleisdorfer Besamungsanstalt, bringt sich auf der Tribüne in Position. "Jeder weiß, dass ich ihn will. Dementsprechend groß ist die Unterstützung", sagt er und seufzt. In 50-Euro-Schritten jagt der Preis bis auf 6000 Euro nach oben – noch ehe Bauer sein erstes Gebot abgibt. Alle Blicke richten sich auf ihn. "6500 zum Dritten." Humbold gehört Bauer. "Den zweiten müssen wir günstiger bekommen", murmelt er. Es gelingt. Jungstier Weinher geht um 3000 Euro nach Gleisdorf. Stimmt sein Zuchtwert, wird er Vater tausender Kälber.

Für andere Stiere führt der Laufsteg in den Schlachthof. Auch die Tiere von Bauer Hiebaum sind dabei. Ein, zwei Runden drehen sie im Ring. Kein einziger Blinker schießt in die Höhe. Wenige Minuten später entscheidet nur noch ihr Gewicht. "Ich begrüße unsere Viehhändler", schallt es durch die Halle. "Ein Euro 50 für das Kilo, eins 52, ... eins 60 zum Zweiten, zum Dritten."

Gut 280.000 Euro wechseln an guten Auktionsstagen die Besitzer. Alle zwei Wochen werden Kälber versteigert, siebenmal im Jahr ist Zuchtviehmarkt. Mit den Auktionen der anderen Bundesländer gebe es wenig Überschneidung, versichern die Hartberger. Schließlich wolle keiner lange Transportwege auf sich nehmen. Am frühen Nachmittag leert sich die Tribüne, und die Geschäfte verlagern sich in die angrenzende Kantine. Schnitzel, Pommes frites und Bier werden aufgetischt. Es bezahlt der Verkäufer, erklärt Karl Bauer. Das sei alte Tradition. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18./19.8.2007)

  • Ein Zuchtkalb kann auf Auktionen mehrere hundert Euro einbringen. Vorausgesetzt, der Stammbaum stimmt.
    foto: standard/kainrath

    Ein Zuchtkalb kann auf Auktionen mehrere hundert Euro einbringen. Vorausgesetzt, der Stammbaum stimmt.

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