Was die Zwillinge nicht lustig finden

25. Oktober 2007, 16:57
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In Polen blüht die politische Satire auf - Die Brüder Kaczyñski finden das nicht lustig und gehen mit Klagen gegen Kritiker vor

Vorhang auf – und Applaus für die Regierung! In Polen blüht die politische Satire auf. Die Zwillingsbrüder Kaczyñski – Lech, der Staatspräsident, und Jaroslaw, der Premier – finden das gar nicht lustig und gehen mit Klagen gegen ihre respektlosen Kritiker vor.

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„Dies ist ein Nagel“, sagt Polens Justizminister Zbigniew Ziobro und hält sein Handy in die Kameras. „Ein Nagel!“ Er dreht und wendet das silberblinkende Ding im Blitzlichtgewitter. „Der Sargnagel zur politischen Karriere des Landwirtschaftsministers.“ Der Minister hat nämlich sein Telefongespräch mit dem anderen Minister heimlich aufgenommen. Das, so glaubt er, wird den anderen Kopf und Kragen kosten.

Ein paar hundert Kilometer weiter im Norden des Landes gibt dann auch der (inzwischen entlassene) Landwirtschaftsminister Andrzej Lepper eine Pressekonferenz, holt sein Handy aus der Tasche und lässt es zirkusreif durch die Luft wirbeln. „Ich habe auch einen schönen Nagel“, triumphiert er. „Nur heimliche Aufnahmen kann ich mit ihm nicht machen.“

Vor zwei Jahren begann in Polen die goldene Epoche des politischen Entertainments. Niemand ahnte damals, dass die Wahl der eineiigen Zwillinge Lech und Jaros³aw Kaczyñski zu Präsident und Premier des Landes so zwerchfellerschütternde Folgen haben könnte. Doch als sich die frisch gewählte Regierung zum Gebet versammelte, um vom lieben Gott Regen für das ausgetrocknete Land zu erflehen, wurde klar, was die Stunde geschlagen hatte.

Schwulen-Verdacht

Kurz darauf bekannte der polnische Premier, kein eigenes Bankkonto zu besitzen, da ihm sonst womöglich jemand Geld überweisen und behaupten würde, dass er korrupt sei. Das Geld verwalte seine Mutter. Als schließlich Polens Kinderbeauftragte argwöhnte, dass die lilafarbene „Teletubbie“-Figur „Tinky Winky“ möglicherweise homosexuell sei, da sie eine rosa Handtasche trage, zerkugelten sich selbst die Amerikaner: „Köstlich, diese Polen!“ Seither kursiert im Internet das Bild eines polnischen „Tinky Winky“– mit Weihrauchfass statt Handtasche und einem Kreuz statt einer Antenne auf dem Kopf.

Neben der Realsatire, über die die Polen sich allabendlich in den Nachrichten amüsieren, hat aber auch das politische Kabarett wieder Hochkonjunktur. So zieht die „Kontaktlinse“ im privaten Fernsehsender TVN24 die Politiker manchmal mehr, manchmal weniger freundlich durch den Kakao und hat Einschaltquoten, von denen andere LateNight-Shows nur träumen können.

Politische Witze verbreiten sich rasend schnell per E-Mail und SMS. „Das Leben hat meine Fähigkeiten als Künstler längst überholt“, grinst Comiczeichner Szczepan Sadurski. „Vieles, was in Polen in den vergangenen Jahren geschehen ist, hätten sich die besten Satiriker nicht ausdenken können.“ So brüllt in einem Cartoon der Zeitschrift Polityka ein leicht überforderter Künstler der fiktiven Karikaturisten-Gewerkschaft ins Telefon: „Wir müssen Satiriker aus China und der Ukraine holen! Unsere Leute kommen nicht nach!“

Anzeigen wegen „Beleidigung des Staatsoberhauptes“

Doch die zahlreichen Internetseiten, Fernsehshows und Radiosendungen, die Spott und Hohn über Polens politische Klasse ausgießen, beschäftigen inzwischen auch die Juristen. Denn die Mächtigen Polens mögen es gar nicht, dass das Volk unentwegt über sie lacht. Wie viele Polen inzwischen wegen „Beleidigung des Staatsoberhauptes“ angezeigt wurden, verkündet keine Statistik. Bis zu drei Jahre Haft drohen allein für die in Polen beliebte Verballhornung des Namens Kaczyñski als „Enterich“. Internetseiten werden geschlossen, Fernsehstationen mit horrenden Geldstrafen belegt, weil sie angeblich die „öffentliche Moral“ verletzen, und sogar im Ausland werden Satiriker verfolgt.

So zog sich Peter Köhler von der Berliner taz den Unwillen der Kaczyñskis zu, als er den Präsidenten als „Polens neue Kartoffel“ verspottete. Zwar lehnte die Berliner Staatsanwaltschaft die von Warschau erbetene Rechtshilfe wegen „Beleidigung“ ab, doch in Polen ist das Strafverfahren noch immer nicht eingestellt.

Polens privater Fernsehsender TVN24 hat längst eine Methode gefunden, den Beleidigungsklagen zu entkommen. Die Satiriker wiederholen gnadenlos, was polnische Politiker so von sich geben. „Nicht nur der Justizminister hat einen schönen Nagel, ich habe auch einen“, scherzte letztens einer der „Kontaktlinsen“-Macher und fischte sein Handy aus der Tasche. „Zu welchem Sarg er passen soll, habe ich aber noch nicht entschieden.“ (Gabriele Lesser aus Warschau/DER STANDARD, Printausgabe, 18./19. 8. 2007)

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    Amtlicher Verdacht gegen die Teletubbies sorgte für Hohn und Spott: Jaros³aw (links) und Lech Kaczyñski (hinten) und die inzwischen entlassenen Vizepremiers Andrzej Lepper und Roman Giertych.

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