Haubenküche mit Dealerblick

4. Juli 2007, 18:00
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Das Essen war fein. Der Ausblick auch – schließlich weiß man als Wiener, wo man wegschauen muss

Es war vergangene Woche. Da heirateten D. und W. Und weil das ein guter Grund ist, in großer Runde zu feiern, saßen wir nach der Zeremonie da, schmausten und lachten immer wieder über die gestelzten Textbausteine, mit denen die Standesbeamtin ein Paar, das seit Jahren zusammenlebt, auf das nun auf es zukommende Zusammenleben vorbereiten wollte.

Weil D. und W. nicht nur gerne, sondern auch ausgezeichnet zu essen wissen, hatten sie ins Steirereck gebeten: man heiratet schließlich wirklich nicht alle Tage. Und so ein Mittagessen mitten im Stadtpark, mit Blick auf Park und Stadt und Jugendstil kann was. Nicht nur zu Mittag.

Milchbar

Denn auch Hochzeitsgästen, die hier und heute das erste Mal im immer noch irgendwie „neuen“ Steirereck saßen, war die „Meierei“ des Lokals längst ein Begriff: Guter Kaffee, gute Kleinigkeiten, tolle Mehlspeisen – und das zu Preisen, die mit denen der „klassischen“ Wiener Kaffeehäuser mithalten können, aber grantelnde Ober, Rauchschwaden und Straßenlärm aussparen. Stattdessen gibt es Ausblick.

Aber das fiel mir erst auf, als das Paar neben mir meinte, dass hier zu Mittag ja fast ebensoviel Geschäfte gemacht würden, wie am Nachmittag. Dann zeigten sie quer über den Wienfluss: Wie auf einer Bühne standen dort, in der Wege-Bucht, die vom Hauptweg des Parks in Richtung Fluss führt, die Dealer. Sie taten, was Dealer eben so tun: Sie dealten.

Strichellisten

Zuerst sahen wir nur so zu. Dann begannen wir Strichellisten zu führen. Wir waren zu viert, jeder bekam einen Dealer zugeteilt. Pro halber Stunde kamen wir auf etwa 25 mutmaßliche Verkaufsgespräche. Und auch wenn wir nicht immer sicher waren: Bei etwa drei von vier solchen Aktionen glaubten wir, Übergaben gesehen zu haben. Polizei oder sonstige Park-Aufpasser störten kein einziges Mal. Und wenn doch, fiel es weder uns noch den Dealern auf.

Verbürgt sind unsere Zahlen natürlich nicht. Nicht, weil die Jungs uns das Zusehen schwer gemacht hätten, sondern weil wir uns nur eher nebenbei der Drogenmarktbeobachtung widmeten: Das hier war eine Hochzeit – und zu der waren auch Leute gekommen, die wir lange nicht gesehen hatten. Etwa weil sie längst anderswo leben.

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Die Wienbesucher sahen die Dealer auch. Sie sind ja nicht blind: eine Dame fragte, ob wir, die Wiener, denn keine Angst hätten, durch den Park zu gehen. Sie sei, als sie tags zuvor hier spazieren gegangen sei, genau an diesem Wegeck gefragt worden, ob sie kaufen wolle: Koks, Heroin, LSD – was auch immer. Und als sie gesagt hatte, sie würde die Polizei rufen, wenn der junge Mann nicht verschwände, habe der sie mit dem Umbringen bedroht: Wäre das Taxi nicht bis zum Restaurant gefahren, sagte sie, hätte sie Wiens Vorziegepark kein zweites Mal betreten.

Wir bemühten uns: Wien sei immer noch eine sehr sichere Stadt. Junkies und Dealer gäbe es überall auf der Welt. Man lerne eben wegzuschauen, wenn man an ihnen vorbeikäme. Das sei doch in jeder Stadt so.

Augen zu?

Die Besucherin überlegt, gab uns teilweise recht, hatte aber dann doch einen Einwand: Es gäbe Ecken auf der Welt – durchaus in den zivilisierten Zonen -, in denen man nicht locker über offenes Dealen mit hartem Stoff hinwegsähe. Schon gar nicht (sie zeigte auf die Dealer auf der Holzbrücke über den Fluss), in Sichtweite von Kinderspielplätzen. Aber Wien, das wisse man ja, sei eben anders.

Ein bisserl, sagte die Dame, beneide sie uns ja um diese Coolness: In ihrer Heimatstadt, die doch mehr als eine Millionen Einwohner habe, sei sie so etwas wie die Tourismuschefin. Einen Vorzeigepark habe man auch. Und man achte darauf, dass die Touri-Idylle dort nicht gestört wird. Einen nationalen Flaggschiff- und Haubengastronom, der da mittendrin sein Lokal betreibt, würde sie mit Handkuss nehmen - aber sie kenne keinen Wirt, der bei der Angebotskombi „Haubenküche mit Drogenblick“ nicht Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde. Weil eben nicht alle Gäste im So-tun-als-wäre-da-nix so gut wären wie wir, die Wiener. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 16.8.2007)

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