"Bush war schwer vermittelbar"

5. Oktober 2007, 19:25
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Politberater Hofer im derStandard.at- Interview über den Abgang des Bush-Beraters Rove, schmutzige Wahlkämpfe und weshalb er Rove trotzdem bewundert

Der angekündigte Rücktritt von Karl Rove als Berater von US-Präsident George W. Bush schlägt international hohe Wellen. Gegenüber derStandard.at verrät der politische Berater Thomas Hofer, warum dies für ihn "das Ende der Bush-Administration" ist, wieso Bush jetzt "aktenkundig" eine "Lame Duck" ist und weshalb er Karl Rove "bei aller ethischen Kritik" bewundert. Das Interview führte Thomas Schaffer.

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derStandard.at: Karl Rove ist weg, was bedeutet das für die US-Regierung?

Thomas Hofer: Ich glaube, es ist der eindeutige strategische Kopf abhanden gekommen. Der Eindruck oder das Faktum, dass George Bush eine "Lame Duck" ist und keinen großen Handlungsspielraum mehr hat, ist damit aktenkundig. Von dieser Administration Bush ist nichts mehr zu erwarten, und schon gar nicht die strategischen Meisterleistungen, die Karl Rove immer wieder geliefert hat - bei aller ethischen Kritik.

Rove hätte zwar in den letzten Monaten keine Bäume ausreißen können, aber er hätte dem schon noch seinen Spin aufdrücken können. Etwas übertrieben gesagt ist das von der Themengestaltung und der politischen Strategie her das Ende der Administration Bush. Ab sofort gibt es Wahlkampf und es dominiert nur noch die Frage: Wer wird Nachfolger von Bush, und wie können die republikanischen Kandidaten die Desaster der Bush-Regierung hinter sich lassen?

derStandard.at: Also war Rove wirklich so wichtig? Was hat er gemacht und was war seine Strategie für Bush?

Hofer: Der Übervater der Spin Doktoren, als der er heute dargestellt wird, war er nicht. Das waren James Carville und Dick Morris bei Bill Clinton. Rove hat diese Tradition für die Republikaner fortgesetzt, sie aus dem Loch herausgeholt, in das sie während der Clinton-Administration gefallen sind. Er hat andererseits den dreckigen Wahlkampf gepflegt. Rove hat etwa die früheren Wahlkämpfe des George Bush auf Gouverneursebene mit irrsinniger Härte und Unfairness geführt. Ann Richards wurde damals in Texas mit einer wirklichen Sudelkampagne geschlagen, genauso wie John McCaine bei den Präsidentschaftsvorwahlen 2000. Da ist Rove für eine Taktik unter der Gürtellinie gestanden.

derStandard.at: Was hat er sonst noch erreicht?

Hofer: Rove hat im Imagebranding und -building für George Bush einiges geleistet. Bush war schwer vermittelbar, weil er nicht der Hellste und Gescheiteste ist, und Rove hat ihm das Image desjenigen gegeben, mit dem man lieber ein Bier trinken geht als mit Al Gore oder John Kerry. Er hat die Marke George Bush für die Wählerschichten der Republikaner etabliert und den Terminus des "mitfühlenden Konservativen" erfunden. Und bei vielen Themen hat er den Spin der öffentliche Debatte vorgegeben - etwa in den Beginnzeiten des Irak-Kriegs und bei der Reaktion auf 9/11.

Er sorgte dafür, dass in der Republikanischen Partei keiner von der Kommunikationslinie abgewichen ist. Das waren die großen Leistungen von Karl Rove. Er hat aus dem prinzipiell fehleranfälligen George Bush das Maximum herausgeholt.

derStandard.at: Ist Roves Abgang ein Problem für die Republikaner allgemein? Hätte er bei der Präsidentschaftswahl 2008 eine Rolle gespielt?

Hofer: Das glaube ich weniger. Karl Rove war eng mit George Bush verwoben und jeder republikanische Kandidat hat bereits seine Berater an Bord. Natürlich kann es sein, dass jetzt ein gewisses Ringen darüber einsetzt, wer ihn bekommt. Aber als Berater eines scheidenden Präsidenten kann man im Wahlkampf wenig machen. Ich glaube nicht, dass er gleich wo anders anheuern wird. Durch die Skandale der jüngsten Zeit ist er auch persönlich angepatzt. Karl Rove ist in den letzten Jahren zur Nemesis der Demokraten geworden. Er hat die Regel für Spin Doktoren gebrochen, dass sie im Hintergrund bleiben müssen. Es ist immer schlecht, wenn ein Berater neben oder vor dem Präsidenten steht. Das heißt immer, dass der Chef sich anschaffen lässt. Rove steht fast genauso für das System Bush wie der Präsident selbst oder Dick Cheney.

derStandard.at: Kann man schon sagen, wer Rove ersetzt? Oder braucht Bush vielleicht gar keinen echten Nachfolger – geht es auch ohne Berater?

Hofer: Die Rolle Roves ist im jetzigen Weißen Haus nicht mehr zu füllen. Natürlich gibt es den "Chief of Staff" und wird es weiterhin Leute geben, die sich um das politische "Wording" kümmern, aber keinen Wahlkampfstrategen. Und das war er vor allem. Karl Rove hat auch während der Präsidentschaft immer Wahlkampf gemacht: Basismobilisierung betrieben, die Partei bearbeitet und geschaut, dass man den nächsten Wahlkampf gewinnt. Sein Job war mit der 2004er-Wahl beendet. Seither waren Bush und er lahme Enten.

derStandard.at: Wenn man das mit Europa vergleicht: Wie wichtig sind Strategen?

Hofer: Ein Problem der EU ist es, dass man keine solchen Strategen hat. Der Verkauf der EU als Idee und Gebilde funktioniert überhaupt nicht. Da bräuchte man ein paar Spin Doktoren.

derStandard.at: Und in Österreich?

Hofer: National sind Berater natürlich wichtig. Das System bei uns funktioniert aber anders. Hier dominieren noch immer die Parteiapparate. In den USA sucht sich jeder Kandidat seine Berater aus und stellt selber Geld für die Kampagnen auf, dort ist sicherlich die Bedeutung der Spin Doktoren um einiges höher. Das liegt auch daran, dass der Medienmarkt viel größer ist und es hunderte TV-Kanäle gibt, die mit denselben Inhalten bespielt werden. Die Parteien haben dort nie diese zentrale Rolle.

Es gibt in den USA einige tausend Leute, die von der politischen Kommunikation leben. Das ist in Europa und seinen einzelnen Ländern nicht so. (tsc, 14.8.2008, derStandard.at)

Thomas Hofer ist politischer Berater und Sachbuch-Autor. Sein bekanntestes Buch ist "Spin Doktoren in Österreich. Die Praxis amerikanischer Wahlkampfberater". 2004 machte er seinen Master-Abschluss an der Graduate School of Political Management in Washington D.C. wo er auch amerikanische Wahlkampfführung studierte.
  • "Rove hat Bush das Image desjenigen gegeben, mit dem lieber ein Bier trinken geht als mit Al Gore oder John Kerry."
    foto: privat

    "Rove hat Bush das Image desjenigen gegeben, mit dem lieber ein Bier trinken geht als mit Al Gore oder John Kerry."

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